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Alte Bräuche und Mythen

Es gibt viele alte Bauernregeln und überlieferte Traditionen, Bräuche und Aberglauben für unsere Gartenkultur. Welche Weisheiten aus (Ur-)Großmutters Zeiten für den Anbau und die Pflege von Pflanzen im Hausgarten heute noch Bestand haben, erklärt  auch Dipl.oec.troph. Anke Kreis, Beraterin Garten, Hof- und Dorfgrün bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (Bezirksstelle Oldenburg-Süd) in einem Interview mit der NWZ-Redakteurin Swantje Sagcob:

Ein Baum stellt mit seinen Wurzeln die Verbindung zur Erde und mit seinem Blätterdach zum Himmel dar. Wie ist der Brauch zum Hausbaum entstanden?

Anke Kreis:
Früher dienten die Bäume um Hofstellen dem Schutz vor Wind und Regen, spendeten Schatten am und im Haus, das Laub diente als Einstreu für die Tiere, das Holz war Brenn- und Baumaterial und die Früchte waren Futter und Heilmittel für Mensch und Tier. Auch heute pflanzen wir aus den genannten Gründen Bäume.

Der Hausbaum war ein einzelner Baum, der in direkter Verbindung mit dem Wohnhaus stand. Dieser Baum galt als Symbol des Lebens, vermittelte Schutz und Geborgenheit und war der Schutzpatron der Bewohner des Hauses. Oft war es die Eiche als Sinnbild für Standfestigkeit, Stärke und Wahrheit. In einigen Gebieten findet man (auch heute noch) Linden direkt am Wohnhaus. Sie steht für Güte und Gastfreundschaft und war unter anderem deshalb an Wirtshäusern anzutreffen. Die Birne diente vielen Häusern als Hausbaum; natürlich auch, weil man die Früchte essen und einkochen wollte.

Hausbäume sind immer laubabwerfende Bäume, an denen wir den Wechsel der Jahreszeiten erkennen. Im Frühjahr treibt das helle saftige Blattgrün, Blüten duften, die Blätter werden dunkler, Früchte bilden sich an den Ästen, das Laub verfärbt sich und fällt. Im Winter sehen wir das kahle Gerüst des Baumes, das im Frühjahr wieder mit voller Kraft gesund austreibt. Der Baum des Lebens. Deshalb hat der Mensch eine enge Verbindung zu Bäumen und begeht Feste und Feiern mit ihnen.
 

Reinhard Mey hat das Apfelbäumchen besungen, das zur Geburt eines Kindes gepflanzt wurde…

Anke Kreis:
Schon die Römer pflanzten in der Antike zur Geburt eines Sohnes einen Baum, wobei aus dem Gedeihen des Baumes auf die Entwicklung des Kindes geschlossen wurde. Diese alte Tradition wurde fortgeführt und zur Geburt eines Jungen ein Apfelbaum und zur Geburt einer Tochter ein Birnbaum gepflanzt. Dafür reicht heute vielen der Platz auf dem Grundstück nicht mehr aus. Bei einigen Eltern hält sich der Brauch und sie pflanzen noch einen Baum zur Geburt ihres Kindes. Der Brauch symbolisiert den Wunsch, dass das Kind in einer natürlichen und gesunden Umgebung aufwachsen darf und sich entwickeln kann. Und das früher genauso wie heute.

Mit der Lindenblüte beginnt der Hochsommer. Der süßliche Duft, den die Blüten vor allem in den Abendstunden verströmen, betört nicht nur Bienen und Hummeln, sondern auch den Menschen, aber die sommerlichen Tanzfeste unter Linden sind eher selten geworden. Werden alte Bräuche heute weniger gelebt?

Anke Kreis:
Anfang Mai gab es in früheren Zeiten Tanzfeste unter der Linde. Die Tanzlinde war ein großer Baum mit starken Hauptästen, die über Jahrzehnte zu waagerechten Astkränzen geflochten wurden. Auf diese Astkränze legte man Bretter und stützte das Ganze mit Pfosten ab, um darunter tanzen zu können. Dieser Brauch wird zwar nicht mit der Linde weitergeführt, aber den „Tanz in den Mai“ gibt es auch heute noch. Und auch ein Maibaum wird zum 1. Mai in geselliger Runde aufgestellt. Auch hier handelt es sich um einen Baum in Form einer Birke, der die Sommerzeit einläutet.

Viele Orte hatten früher eine Dorflinde, unter der man sich zum Nachrichtenaustausch traf, um das Neueste zu erfahren. Die Linde stand auf einer Anhöhe, war von Weitem zu sehen und daher ein geeigneter Versammlungsplatz. Zu Zeiten der Germanen war die Linde schon Gerichtsbaum. Das Urteil unter der Gerichtslinde fiel meistens linde – also mild – aus. Damit war sie der beste Platz der Rechtsprechung.

 „Vor den Eichen sollst du weichen
und die Weiden sollst du meiden.
Zu den Fichten flieh mitnichten,
doch die Buchen sollst du suchen.“
Stimmt dieser alte Vers, der vor Gewitter schützen sollte?

Anke Kreis:

Der Respekt vor Gewitter war früher sehr groß. Es gab keine Blitzableiter an Gebäuden und die Tiere suchten auf der Weide Schutz unter Bäumen. So kam es zu Bränden durch Blitz und Tiere starben durch Blitzschlag auf der Weide. Auch heute noch haben wir Respekt bei Gewitter und viele erinnern sich an den Vers, der über Generationen an die Kinder weitergegeben wurde. Bei Gewitter sollte grundsätzlich jeder Baum gemieden werden, ebenso Holzmasten oder Gewässer. Am besten kauert man sich gehockter Haltung auf den Boden - mindestens 10 m entfernt von Bäumen.

Wie kam es zu dem Vers aus dem Volksmund?

Anke Kreis:
Buchen haben glatte Stämme, daher glaubte man, dass der Blitz an der glatten Rinde abgeleitet wird. Außerdem wurzeln sie flach im Gegensatz zu Eichen, deren Wurzeln bis ins Grundwasser reichen und deshalb eine größere Gefahr darstellen. Aber auch unter flach wurzelnden Fichten ebenso wie unter anderen Bäumen kam es zu Schäden durch Blitzeinschlag, so dass der Reim sich nicht bewahrheitet hat.

Wildkräuter eignen sich häufig als Heilpflanze und ebenso wie viele andere Pflanzen mit ihren essbaren Blättern und Blüten als Nahrungsmittel. Bekanntlich macht laut Paracelsus die Dosis das Gift…

Anke Kreis:
Hildegard von Bingen hat die Bedeutung der Küchen- und Wildkräuter berühmt gemacht. Und heute besinnen wir uns auf die „alten“ Kräuter. Diese Rückbesinnung zur Natur ist verbunden mit unserem neu erwachten Sinn für gesunde Ernährung, durch Rezepte aus der internationalen Küche oder der Anwendung selbst hergestellter Naturheilmittel. Dazu sagte Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift“ und meinte damit, dass wir nicht alles in großen Mengen und über lange Zeiträume zur Medikation anwenden sollen. Auch in der Ernährung spielt Abwechslung auf dem Teller für uns eine große Rolle. Wer möchte schon jeden Tag von morgens bis abends dasselbe essen? Küchen- und Wildkräuter sind durch ihre besonderen Inhaltsstoffe, die sekundären Pflanzenstoffe - Saponine, Alkaloide, ätherische Öle, Carotinoide, Flavonoide – gut für die Verdauung, bieten geschmackliche Abwechslung und stärken unser Immunsystem. Besonders Wildkräuter enthalten Vitamine und Mineralstoffe in hoher Konzentration und sind auch für unsere Gesundheit von Bedeutung.

Haben Sie eine Anregung für unsere Leser?

Anke Kreis:
Geben Sie eine Handvoll Giersch und Brennessel zu Ihrer Kartoffelsuppe. Und wenn die Suppe püriert ist, müssen sich die Geschmacksnerven anstrengen, um zu erkennen was drin ist. Auch etliche Blüten vom Gänseblümchen, Salbei, Gewürztagetes, Kapuzinerkresse, Hornveilchen eignen sich hervorragend zur Dekoration von Salaten, Platten oder Torten. Aber verwenden Sie nur das, was Sie auch kennen. Es gibt auch Wildkräuter mit giftigen Inhaltsstoffen, deshalb sollte der verzehrfähige Bärlauch von giftigen Maiglöckchen eindeutig unterschieden werden können.


Kontakt:
Anke Kreis
Beraterin Garten, Hof- und Dorfgrün
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Telefax: 04471 9483-19
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Stand: 26.06.2018