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Weizen einlagern könnte sich lohnen

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Lagerung von Weizen bis zu den Wintermonaten lohnen wird, ist deutlich größer als in den letzten Jahren.

Die ausgeprägte Frühjahrs- und Frühsommertrockenheit, die in einigen Regionen schon das Ausmaß einer Dürre angenommen hat, lässt die Erntemengen stärker als zunächst erwartet sinken. Die aktuellen Schätzungen gehen aber noch recht weit auseinander. Ende Juni nahm die EU-Kommission die Prognose für die EU-Getreideernte im Vergleich mit der Mai-Schätzung um 2,5 % zurück auf knapp 300 Mio. t. Das wären etwa 8 Mio. t Getreide, davon 4 Mio. t Weizen weniger als das Ernteergebnis von 2017. Der Dachverband der europäischen Bauernverbände und Genossenschaften Copa/Cogeca reduzierte seine Schätzung für die EU-Getreideernte kurz danach schon auf 274 Mio. t.

In Niedersachsen werden die Einbußen sicher noch größer sein. Wenn die niedersächsische Getreideernte möglicherweise sogar unter 5 Mio. t bleibt, würde sie das Vorjahresergebnis um nahezu 20 % oder noch mehr unterschreiten. Im nassen Herbst 2017 waren die Bestellbedingungen ausgesprochen ungünstig. Das führte zunächst schon zu einer um 14 % kleineren Winterweizenfläche als im Vorjahr. Zwar wurde dafür mehr Sommerweizen angebaut, doch das kann dieser natürlich bei weitem nicht ausgleichen. Die Gesamtweizenfläche unterschreitet das Vorjahresniveau immer noch um 9 %, außerdem sind die Erträge beim Sommerweizen ja deutlich niedriger. Wegen der hohen Bodenfeuchtigkeit bildeten die Pflanzen der Winterkulturen oft nur ein schwaches Wurzelwerk aus, was sie dann besonders empfindlich für den Wassermangel im Frühjahr machte. Hitze und anhaltende Trockenheit verursachten schließlich auch noch eine sehr frühe Abreife. Der Regen in der zweiten Juliwoche kam dann selbst für die höheren Lagen zu spät, um noch ertragswirksam zu werden.

Der Süden und der Westen Deutschlands haben weniger oder kaum unter Trockenheit gelitten, doch das ändert nichts daran, dass die deutsche Weizenernte voraussichtlich so niedrig ausfallen wird wie seit elf Jahren nicht mehr. Damals stiegen die Weizenpreise noch während der Ernte rasant an auf bis zu 280 €/t in der Spitze (Anfang September 2007). Allerdings konnten sich die Notierungen nicht lange auf diesem Niveau halten, obwohl die globale Versorgungslage 2007 deutlich angespannter war als gegenwärtig. Dass die Weizenkurse jetzt wieder so stark steigen, ist daher derzeit nicht zu erwarten. Die Tendenz ist aber schon ausgesprochen fest.

In den ersten Juli-Tagen zogen die MATIF-Terminkurse für Weizen kräftig an, nachdem auch in Frankreich die zunächst günstigen Prognosen zurückgenommen wurden. Das westliche Nachbarland ist zwar ebenso wie England und Spanien viel weniger von der Trockenheit betroffen als Nord- und Ostdeutschland, Polen und das Baltikum, aber Einbußen gibt es dort offenbar auch. Damit ist klar, dass die Getreidepreise nach einigen Jahren mit tendenziell rückläufiger bis stagnierender Entwicklung jetzt und bis auf weiteres eindeutig steigen. Die Erntemengen werden nämlich nicht nur hierzulande und EU-weit deutlich unter dem Vorjahresergebnis bleiben, sondern auch global abnehmen. Der Internationale Getreiderat reduzierte am 2. Juli seine Schätzung für die Welt-Getreideernte gegenüber dem Vormonat um fast 12 Mio. t auf 2,077 Mrd. t. Demnach würden die globalen Lagervorräte 2018/19 um nahezu 55 Mio. t (= 9 %) sinken, nachdem sie in 2017/18 auch schon um 3 % zurückgegangen waren. Die Schätzung für Weizen fiel dabei um 5,5 Mio. t geringer aus als einen Monat zuvor. Das würde dann zu einer Abnahme der globalen Lagervorräte von Weizen im Vergleich mit 2017/18 um etwa 5 - 6 Mio. t (2 %) führen. Dabei werden die Weizenlagerstände voraussichtlich in allen bedeutenden Exportländern sinken.

Insgesamt betrachtet ist allerdings wohl noch relativ viel Weizen auf Lager. Auf Basis der aktuellen Schätzungen ist anzunehmen, dass zum Ende des Wirtschaftsjahres 2018/19 noch gut ein Drittel (34 %) des jährlichen Verbrauchs vorrätig sein wird. Im angesprochenen Hochpreisjahr 2007 waren nur noch knapp 20 % des jährlichen Weizenverbrauchs auf Lager. Beim übrigen Getreide (alles außer Weizen) ist die Versorgungssituation mit nur 13 % wesentlich enger. Daher ist davon auszugehen, dass demnächst eher noch mehr Weizen als bisher verfüttert wird. Außerdem ist zu bedenken, dass den verfügbaren Statistiken zufolge fast die Hälfte der globalen Weizenvorräte in China lagern sollen, das in diesem Bereich kaum am Welthandel teilnimmt und dessen Zahlenwerk allgemein nur als eingeschränkt vertrauenswürdig gilt. Vergleichsweise viel Weizen liegt offenbar noch in den USA, die im abgelaufenen Wirtschaftsjahr im Exportgeschäft weniger als sonst zum Zuge kamen.

Die Exportaussichten für Weizen aus Norddeutschland sollten demnächst eigentlich wieder besser sein als 2017/18, weil insbesondere auch in Russland ebenso wie in den baltischen Ländern wesentlich weniger Weizen geerntet und für die Ausfuhr zur Verfügung stehen wird. Russland wird voraussichtlich etwa 6 -10 Mio. t weniger Weizen exportieren können als 2017/18. Ob die EU-Exportmengen tatsächlich steigen, hängt aber auch von den Preisrelationen in den verschiedenen Herkunftsländern und vom Dollarkurs ab. Sollten die Preise für inländischen Weizen überproportional steigen, könnten hiesige Anbieter im internationalen Wettbewerb durchaus auch den Kürzeren ziehen. Möglicherweise kommt in den nächsten Monaten wieder mehr US-Weizen zum Zuge. Ein schwächerer Dollar würde dessen Konkurrenzfähigkeit begünstigen.

Gegen eine kräftig steigende Ausfuhr von niedersächsischem Weizen spricht neben dem stetigen hiesigen Futtergetreidebedarf auch die rege Nachfrage aus anderen Verwendungsbereichen. Beispielsweise hat der Bedarf der Stärkeindustrie in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Der Online-Handel und der damit verbundene Paketversand hat sich innerhalb von 15 Jahren fast verdoppelt. Für das entsprechende Verpackungsmaterial wird auch immer mehr Stärke gebraucht. Anders sieht es bei der Verwendung von Weizen für die Ethanolherstellung aus. Hier kann Weizen leicht durch andere Rohstoffe ersetzt werden und bei höheren Getreidepreisen geht die Nachfrage aus diesem Bereich ohnehin auch schnell wieder zurück.

Selbst wenn das Exportgeschäft mit Weizen wieder nicht so richtig in Schwung kommen sollte, spricht vieles dafür, dass der Markt in 2018/19 angespannt bleibt und die Preise bis auf weiteres eher fest tendieren werden. Nach fünf Jahren mit tendenziell rückläufiger bis bestenfalls stagnierender Entwicklung zeichnet sich jetzt eine klare Aufwärtsbewegung ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Lagerung von Weizen bis zu den Wintermonaten lohnen wird, ist damit deutlich größer als in den letzten Jahren. Das gilt jedenfalls dann, wenn für normalen B-Weizen (12 % Protein, Fallzahl 220) ex Ernte nicht mehr als 170 €/t frei Landlager erzielt werden kann.

 

Dr. Herbert Funk
Landwirtschaftskammer Niedersachsen
13. 07. 2018


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Stand: 26.07.2018



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