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Initiative Tierwohl - Mit großen Plänen in die dritte Runde

Die Initiative Tierwohl (ITW) steckt sich große Ziele für die dritte Programmphase 2021 - 2024. Mehr teilnehmende Betriebe, ausschließlich verpflichtende Kriterien und eine Finanzierung über den Markt sind einge davon. Was das für die ITW-Teilnehmer*innen bedeutet und welche Rückschlüsse sich bezüglich der Wirtschaftlichkeit ziehen lassen, wird in diesem Artikel beleuchtet.  

Die dritte Programmphase der Initiative Tierwohl (ITW) ab 2021 ist beschlossen. Das deutschlandweit größte Programm zur Förderung von Tierwohl hat bisher einen Marktanteil von 24 % in der Schweinemast. Für die Zukunft verfolgen die Programmpartner große Pläne: Neben einer deutlichen Ausweitung der teilnehmenden Betriebe soll für große Teile des Schweinefleisch-Sortiments die Nämlichkeit hergestellt werden. Das bedeutet, die Produkte werden mit dem ITW-Produktsiegel gekennzeichnet, das den Verbrauchern verdeutlicht, dass das Fleisch aus Ställen von teilnehmenden Landwirten stammt.

Die ITW im Markt etablieren

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) will für das komplette Grundsortiment an unbehandeltem, das heißt nicht weiterverarbeitetem, Schweinefleisch auf die Haltungsform 2 des LEH-Haltungskompasses setzen. Das Ziel: Die ITW nachhaltig im Markt etablieren. Dazu müssen in der Programmphase 2021 bis 2023 deutlich mehr Tierhalter teilnehmen. In der ersten Phase der Initiative war der Andrang so groß, dass die Wartelisten überfüllt waren und die Anzahl der teilnehmenden Betriebe gedeckelt werden musste, da die Fördermittel nicht ausreichten. Durch verschärfte Kriterien und eine grundlegend umgestellte Finanzierungsform könnte das aber in der dritten Phase anders sein. Mit dem Ziel, ein einheitliches Tierwohl-Niveau für Schweinehalter zu schaffen, gibt es in der dritten Phase keine Wahlkriterien mehr neben den Pflichtmaßnahmen. Der künftige Kriterienkatalog soll weitestgehend den bisher gültigen Grundanforderungen entsprechen. Dazu zählen:

  • die Bereitstellung von 10 % mehr Platz,
  • umfassende Maßnahmen zur Tiergesundheit
  • und der vorgeschriebene Tageslichteinfall.

Darüber hinaus werden die Kriterien „zusätzliches organisches Material“ und „Raufutter“ zu einer Pflichtmaßnahme zusammengefasst. Diese Voraussetzung stellt viele Betriebe vor große Herausforderungen durch die deutlich höhere Arbeitsbelastung, die Investition in Raufen und die Problematik von gröberem Material im dafür oft nicht ausgelegten Güllesystem. Auf derartige Probleme ist auch die bisher sehr geringe Umsetzung der Raufuttergabe zurückzuführen (15 % der ITW-Mäster). Noch im Sommer 2020 wollen die ITW-Partner einen genauen Kriterienkatalog ausarbeiten und veröffentlichen.

Fest steht bereits, dass der LEH für die Umsetzung der Pflichtkriterien keinen Bonus mehr auszahlen wird. Er hatte den Fond bisher mit 6,25 Cent pro kg verkauftem Schweinefleisch genährt. Auch der in der zweiten Phase gewährte Grundbetrag von 500 € pro Betrieb entfällt. Bisher wurden 5,10 € je Mastschwein als Bonus an die teilnehmenden Landwirte ausgezahlt. Zukünftig soll der Markt die Mehrkosten decken und den Einsatz für Tierwohl honorieren. Bereits die Schlachtunternehmen sollen dem Landwirt einen Tierwohlaufschlag von derzeit diskutierten 5,28 € je Mastschwein auszahlen. Sie müssen das Geld dann über höhere Preise vom LEH wieder einspielen, um die Mehrkosten bis zum Verbraucher weiterzugeben.

Die Lieferkette schließen

Problematisch ist, dass bisher nur die führenden Schlachtunternehmen dem LEH flächendeckend Produkte der Haltungsform 2 anbieten können. Mittelständige Schlachtbetriebe geraten an ihre Grenzen. Bisher beteiligen sich hauptsächlich Schweinemastbetriebe an der Initiative. Bis 2024 will die ITW aber die gesamte Lieferkette von der Sauenhaltung bis zu Schlachtung schließen. Daher findet das Finanzierungsmodell über den Markt zunächst nur für die Schweinemast anwenden. Ferkelerzeuger (Betriebe mit Sauenhaltung und Ferkelaufzucht) sollen weiterhin Bonuszahlungen aus einem jährlich rund 30 Mio. € schweren Übergangsfond des LEH zur Beteiligung motivieren. Da bisher wenige Ferkel nach ITW-Standard erzeugt wurden, konnten Mastbetriebe auch Ferkel einstallen, deren Aufzucht nicht ausschließlich nach ITW-Vorgaben erfolgt ist. Diese galten am Ende trotzdem als ITW-zertifiziert. Mittel- bis langfristig ist das nicht mehr möglich, wenn die ITW die gesamte Lieferkette schließen kann.

Eine Teilnahme muss sich lohnen

Die Wirtschaftlichkeit ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für oder gegen die ITW-Teilnahme. Der geplante Aufschlag von 5,28 € je Mastschwein ist hinsichtlich der Deckung zusätzlicher Kosten eines Betriebes, für Mehrarbeit und nötige Investitionen, kritisch zu bewerten. Eine Beispielrechnung stellt den Sachverhalt für einen Betrieb mit 2.000 Mastplätzen dar, der Raufutter mit einer automatische Strohraufe bereitstellt.

Bei Buchten für 15 Mastschweine und 0,75 m2 pro Schwein kann der Mäster wegen des Kriteriums „10 % mehr Platz“ nur noch 13 Mastschweine pro Bucht halten. Damit sinkt die Anzahl erzeugter Mastschweine pro Jahr von 5.586 auf 4.841 Tiere. Der entgangene Deckungsbeitrag für die um 745 Tiere verringerte Produktion ist mit 3,85 € je Mastschwein und Jahr schon bei durchschnittlichem Leistungsniveau erheblich. Zusätzlich fallen für die automatische Raufe und 66 Strohtonnen (je eine Tonne in der Zwischenwand zweier Buchten) Investitionskosten an. Bei Anschaffungskosten von 20.000 € für die automatische Raufe und 300 € je Strohtonne können bei 2 % Unterhaltungskosten pro Jahr, einer Abschreibung über acht Jahre und 2 % Zinsansatz Mehrkosten von 1,28 € pro Mastschwein angesetzt werden. Der zusätzliche Arbeitszeitbedarf liegt bei rund 1,3 Stunden pro Raufe und Jahr und schlägt daher bei einer Kostenannahme von 25 € je Arbeitsstunde mit 0,44 € je Mastschwein zu Buche. Zusätzlich sind Kosten für das Raufutter von rund 0,51 € je Mastschwein bei einem Verbrauch von 30 g pro Tag und Tier und einem Strohpreis von 15 € je dt realistisch. In Summe muss der Beispielbetrieb mit Zusatzkosten von 2,23 € pro Tier rechnen, wobei die Rechnung weitere Pflichtkriterien, die Gülleproblematik, Kosten für Audits und den möglichen Bau einer Lagerhalle für Stroh sowie das unternehmerische Risiko und einen Unternehmergewinn noch nicht berücksichtigt. Unterm Strich kann der Bonus von 5,28 € je Mastschwein die anfallenden Kosten und den entgangenen Deckungsbeitrag nicht decken. Der Sachverhalt ist allerdings individuell zu ermitteln, da Betriebe durch andere Gegebenheiten höhere Deckungsbeiträge erreichen oder Vieheinheitengrenze überschreiten könnten und möglicherweise zusätzliche Gülleverwertungskosten anfallen.

Die Kriterien für die Einbindung der Ferkelerzeugung in der dritten Programmphase sind bisher noch nicht definiert. Durch die Haltung in verschiedensten Stallbereichen sind Maßnahmen wie die Raufuttergabe hier deutlich schwerer umzusetzen als in der Mast. Auch hier spielt die Wirtschaftlichkeit eine wichtige Rolle, die sich noch nicht abschätzen lässt. Der derzeit diskutierte Zuschlag von 3,07 € pro Ferkel reicht voraussichtlich nicht aus, um Landwirte für die Teilnahme zu begeistern. Nicht nur die Kriterien „10 % mehr Platz“ und „Raufutter“, sondern auch das Kriterium „ausreichend Tageslichteinfall“ kann für viele Landwirte, gerade bei älteren Ställen, zu kostenintensiven Umbaumaßnahmen führen, die die ITW ökonomisch uninteressant macht. Außerdem ist fraglich, ob die Landwirte weiterhin bereit sind, Tierwohlmaßnahmen mit steigenden Anforderungen und Mehraufwand zu leisten, wenn ausschließlich die Kosten gedeckt werden – falls überhaupt. Ökonomisch betrachtet müsste sowohl ein Risikozuschlag als auch ein Unternehmergewinn in die Tierwohlzulage einberechnet werden.

Fazit

  • Die Initiative Tierwohl will in der dritten Programmphase ab 2021 die Anzahl teilnehmender Mastbetriebe verdoppeln.
  • Es wird nur noch Pflichtkriterien geben, darunter die Raufuttergabe.
  • Die Kosten soll der Markt mit einen Tierwohlzuschlag von 5,28 € pro Mastschwein und 3,07 € pro Ferkel decken.
  • Ziel ist, die gesamte Lieferkette einzubeziehen.
  • Für die Ferkelerzeugung wird es einen Übergangsfond geben. Die Kriterien stehen noch nicht fest.
  • Der angedachte Zuschlag wird für viele Mäster und Ferkelerzeuger nicht ausreichend sein.

Als Ansprechpartner stehen Ihnen unsere Wirtschaftsberater gerne zur Verfügung!


Kontakt:
Laura Jans-Wenstrup
Fachreferentin Betriebswirtschaft
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Stand: 15.06.2020