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Getreidepreise sind von Nebenbedingungen abhängig

Im Mittelpunkt des Marktgeschehens steht in der Regel der Preis. Preisvergleiche sind allerdings nur dann wirklich zielführend, wenn auch die jeweiligen Bedingungen bekannt und einigermaßen vergleichbar sind. Diese sind nicht verbindlich festgelegt, sondern weitgehend frei vereinbar. Die Einheitsbedingungen im deutschen Getreidehandel regeln zwar vieles im Detail zur Handelsabwicklung (Fristen, Mengentoleranzen, etc.), mit Ausnahme von Preiskorrekturen bei Abweichungen des Naturalgewichts aber kaum etwas zu Qualitätsstandards. Daher bleibt oft nur der Blick auf die branchenüblichen und vorwiegend angewandten Handelsusancen.

Proteingehalt
Bei Brotweizen ist immer noch der Proteingehalt ein wichtiges Kriterium, auch wenn es in den vergangenen Jahren aus guten Gründen verstärkte Bemühungen gab, sich von der Fixierung auf das Rohprotein zu lösen und mehr auf die Backeignung (Backvolumen, Klebergehalt und –eigenschaft,..) zu achten. Diese ist aber nicht so einfach und kostengünstig zu erfassen wie der Rohproteingehalt durch eine Nah-Infrarot-Schnellbestimmung wie sie meist auch bei ex-Erntelieferungen zum Einsatz kommt. Für Weizen, der voraussichtlich oder möglicherweise in den Export gehen soll ist der Proteingehalt ohnehin maßgeblich, weil sich der internationale Handel mit Weizen nach wie vor an ihm ausrichtet.
In Deutschland gilt als Basis für Brotweizen (B) ein Rohproteingehalt bezogen auf die Trockenmasse (TM) von 11,5 oder 12,0 %. In bestimmten Fällen kann auch ein Mindestgehalt von 11,0 % genügen, wie beispielsweise auf den typischen Exportmärkten für französischen Weizen. Für Qualitätsweizen A liegt die Basis meist bei 13,0 % und für E-Weizen bei 14 %. Feste Zu- und Abschläge gibt es in der Regel nicht, allerdings können solche je nach Marktlage vereinbart werden. Als Orientierungswert kann dabei 0,50 €/t je 0,1 % Abweichung des Proteingehalts gelten.
Bei der Schnellbestimmung mit der Nah-Infrarot-Analyse handelt es sich um ein technisches Schätzverfahren, das naturgemäß nicht so genau sein kann wie eine Laboranalyse. In Einzelfall können dabei durchaus Abweichungen von 0,4 oder 0,6 %-Punkten vom entsprechenden Ergebnis des Standardverfahrens (Laboranalyse nach Kjeldal) auftreten. Entscheidend ist, dass das Schnellbestimmungsgerät richtig kalibriert ist. Dann darf die Abweichung vom maßgeblichen Labor-Referenzwert im Mittel einer kompletten Messreihe nur +/- 0,1 %-Punkt Protein betragen und man kann davon ausgehen, dass Über- und Unterschätzungen sich ausgleichen.
Für Braugerste (Sommerbraugerste) liegt die Basis bei 11,5 % Protein (max. 12,0 %) mit Preisminderung um 0,1 % je 0,1 %-Punkt über 11,5 %. Für Winterbraugerste gelten abweichende Regelungen.

Fallzahl
Die Fallzahl gibt Hinweise darauf, ob der für das Backvolumen entscheidende Kleber möglicherweise geschädigt ist. Sie wird in Sekunden gemessen und entspricht der Zeit, in der ein Metallzylinder in einem mit Teig gefüllten Messgefäß auf den Boden sinkt. Die Fallzahl kann nur im Labor zuverlässig ermittelt werden.
Basis für Brotweizen (B) ist eine Fallzahl von 220 Sekunden, für A-Weizen von 250 sec. und für E-Weizen von 275 sec.. Mindestens erforderlich sind 200 sec. (B) bzw. 230 (A/E). Im Bereich dazwischen ist jeweils eine Preisminderung von 0,10 €/t je 1 sec. üblich. Es gibt allerdings Getreideerfasser, die höhere Fallzahlanforderungen stellen und/oder bereits bei Unterschreitung des Basiswerts die Lieferung herabstufen in die nächstniedrigere Kategorie, also auf A/B-Weizen- bzw. Futterweizenpreis, wenn es nicht ausdrücklich anders vereinbart wurde.
Bei Brotroggen ist eine Basis-Fallzahl von 120 sec. üblich, mindestens 100 sec.

Hektolitergewicht
Für das Hektolitergewicht (auch Eigengewicht oder Naturalgewicht genannt) gilt bei Weizen (B) und Weizen (A) als Basis meist 76 kg/hl, mindestens 73 kg/hl. Dazwischen sind Preisminderungen üblich, z. B. um
0,50 €/t bei <76-75 kg/hl
1,00 €/t bei <75-74 kg/hl
1,50 €/t bei <74-73 kg/hl
Für E-Weizen liegt die Basisanforderung bei 78 kg/hl, für Futterweizen bei 70 kg/hl mit einer Preisminderung um z.B. 0,05 €/t je 0,1 kg Unterschreitung.
Für Futtergerste wird das Basis-Hektolitergewicht meist bei 64 kg angesetzt (Preisminderung dann wie bei Futterweizen). In Veredlungsgebieten mit hohem Getreide-Zufuhrbedarf reicht als Basis zum Teil auch 62 kg/hl.
Bei Brotroggen liegt das Basis-Hektolitergewicht in der Regel bei 71 kg (Futterroggen und Triticale 70 kg) mit abgestuften Preisminderungen wie bei Weizen und Gerste. 
Maßgeblich ist jeweils das Naturalgewicht der trockenen Ware. Wurde das Naturalgewicht vor einer eventuellen Trocknung ermittelt, wäre es für die Abrechnung um 0,5 kg/hl je %-Punkt Feuchtedifferenz zu erhöhen.
Statt der genannten Preisminderungen kommen gelegentlich auch Abzüge gemäß Einheitsbedingungen im deutschen Getreidehandels in Höhe von 1 % des Grundpreises je kg Mindernaturalgewicht vor.

Besatz
Als Besatz gelten in der Regel alle Fremdbestanteile einschließlich Fremdgetreide. Ermittelt wird er in der Praxis meist im Wesentlichen durch Abtrennung von Verunreinigungen mit Absiebung und Aspiration einer Probe im Luftstrom, bei kompletter Untersuchung einschließlich Tischauslese. Standardmäßig ist bei Brot- und Braugetreide ein Besatz von bis zu 2 % noch zulässig. Um für die Weitervermarktung auf der sicheren Seite zu liegen, nehmen viele Lagerhäuser bei der Erfassung Abzüge auch schon unterhalb von 2 % vor oder ziehen pauschal Besatz ab. Das ist zumindest für bereits erzeugerseitig vorgereinigte Partien, aber auch für normal gedroschene, saubere und von Fremdgetreide weitgehend freie Feldware fragwürdig, die oft nur 0,3 – 0,8 % Besatz enthält. Bei Lieferungen mit mehr als 2 % Besatz erfolgt oft ein Abzug in voller Höhe. Angemessen und fair wäre dabei aber ein Freibetrag von beispielsweise 1 % (bei 3 % Besatz also Abzug von 2 %).
Bei Futtergetreide kann auch Besatz bis zu 3 % ohne Abzug toleriert werden, zumal Fremdgetreide hier weniger kritisch ist. Ersatzweise werden für Besatz teilweise auch andere Begriffe verwendet wie Ausputz, Absortierung, Reinigungsabgang/-verlust, Aspirationsabgang/-verlust, etc., auch wenn diese eigentlich nicht deckungsgleich sind.

Kleinkorn
Kleinkorn, auch Schmachtkorn genannt, ist ein Kriterium für Brot- und Braugetreide und wird in der Regel bis zu 2 % ohne Preisminderung akzeptiert. Als Kleinkorn gelten Körner die bei der Annahme durch Siebe mit folgenden Siebschlitzbreiten fallen:
Brotroggen     1,8 mm
Brotweizen     2,0 mm
Braugerste    2,2 mm
Bei mehr als 2 % Kleinkorn gibt es Preisminderungen. Es wird nicht komplett in Abzug gebracht, sondern sollte mit 80 % des jeweiligen Futtergetreidepreises vergütet werden. Bei Futtergetreide sind keine Preisminderungen wegen Kleinkorn üblich.

Bruchkorn
Bruchkorn wird im Normalfall bis zu folgenden Anteilen ohne Abzug angenommen:
Weizen (E, A, B), Brotroggen, Braugerste    4,0 %
Futterweizen/-roggen, Triticale,         5,0 %
Körnermais                    5,0 %
Futtergerste                    3,0 %
Bruchkorn wird nicht komplett in Abzug gebracht, sondern sollte entweder mit 80 % des jeweiligen Futtergetreidepreises vergütet oder die gesamte Partie mit Preisminderung um 0,05 €/t je 0,1 %-Punkt Überschreitung versehen werden. In Veredlungsregionen wird oft von Abzügen oder Preisminderungen für Bruchkorn abgesehen.

Vollgerste und Keimfähigkeit bei Braugerste
Neben den genannten Kriterien gelten für Braugerste zusätzliche branchenübliche Bedingungen. Die Sortierung erfolgt auf Schlitzsieben von 2,8 mm, 2,5 mm und 2,2 mm, die mit der Braugerste 5 Minuten lang maschinell geschüttelt werden. Als Vollgerste gelten alle Körner, die auf dem 2,8 mm- und 2,5 mm-Sieb liegen bleiben.
Als Ausputz gilt in diesem Fall der Anteil, der durch das 2,2 mm-Sieb fällt, sowie alle Fremdbestandteile, also auch Fremdgetreide, Bruchkörner, Auswuchskörner, Zwiewuchs, Unkrautsamen etc.
Basisanforderung für den Vollgersteanteil ist 90 % der über dem 2,2 mm-Sieb verbliebenen Fraktion, mindestens jedoch 85 %. Liegt der Vollgersteanteil zwischen 90 und 85 %, erfolgt eine Preisminderung von in der Regel 0,25 % des Vertragspreises je 1 %-Punkt unter 90 % Vollgerste.
Der Standard für die Keimfähigkeit von Braugerste liegt bei 95 % (mindestens 90 %). Zwischen 95 und 90 % sind Preisminderungen üblich, und zwar meist um
0,5% bei 94 % Keimfähigkeit
1,5% bei 93 % Keimfähigkeit
3,0% bei 92 % Keimfähigkeit
4,5% bei 91 % Keimfähigkeit
6,0% bei 90 % Keimfähigkeit

Kornfeuchte
Standardfeuchte ist bei Getreide generell 15 %. Auch der MATIF-Weizenkontrakt wird auf dieser Basis gehandelt. Da Lieferungen, die diesen Wert auch nur geringfügig überschreiten, von Verarbeitern wie Mühlen gestoßen werden, also deren Annahme verweigert werden kann, berechnet der Erfassungshandel Abzüge für Trocknungskosten und –schwund meist schon ab 14,5 % Kornfeuchte. Ausnahmen gibt es in Veredlungsregionen. Dort wird meist eine höhere Kornfeuchte (15,0 oder 15,5 %) toleriert, weil Getreide aus der Region oft schnell verarbeitet und daher in der Regel nur kurzzeitig gelagert wird.
Die Trocknungsendfeuchte (Basisfeuchte) ist maßgeblich für die Berechnung des Trocknungsschwunds, wenn eine Partie zu feucht ist und künstlich getrocknet werden muss. Sie liegt in der Regel um 0,5 %-Punkte unter der Trocknungsschwelle, also bei 14,0 % (Ackerbauregion) bzw. 14,5 oder 15,0 % (Veredlungsregion). Begründet wird das mit Messungenauigkeiten, obwohl eigentlich davon auszugehen ist, dass Über- und Unterschätzungen sich ausgleichen.
Der Trocknungsschwund in % des Liefergewichts (nach eventueller Vorreinigung/Aspiration) berechnet sich nach folgender Formel:
Trocknungsschwund (%)  =  (Fa - Fe) X 100 : (100 - Fe)
Fa = Anfangsfeuchte
Fe = Trocknungsendfeuchte

Beispiel:
Fa = 17,0 %, Fe = 14,0 %
Trocknungsschwund (%)  =  (17,0 – 14,0) X 100 : (100 - 14) = 3 X 100 : 86 = 3,49 %
Der Trocknungsschwund ist also höher als es die Feuchtedifferenz (3 %) auf den ersten Blick vermuten lässt (Basiseffekt).
Der Wert 100 : (100 – Fe) wird als Schwundfaktor bezeichnet. Für 14,0 % als Trocknungsendfeuchte liegt er rechnerisch bei 1,163. In der Praxis kommen in Getreideabrechnungen allerdings höhere Schwundfaktoren zur Anwendung. Das wird mit zusätzlichen Gewichtsverlusten begründet, die durch die Bewegung der Getreidekörner bei der Trocknung entstehen (Staub durch Kornabrieb,..). Diese fallen aber wenig ins Gewicht und lassen Schwundfaktoren über 1,3 selbst bei höherer Anfangsfeuchte und mehreren Trocknungsdurchgängen kaum plausibel erscheinen. Neueren Erkenntnissen zu Folge liegt der tatsächlich auftretende Schwundfaktor meist nahe bei 1,2. Erhöhte Schwundfaktoren schlagen wegen der großen Feuchtedifferenz insbesondere bei Körnermais erheblich zu Buche.

Lieferbedingungen
Rückmeldungen von Landwirten zeigen gelegentlich, dass sie sich mit ihren erzielten Erlösen in den veröffentlichten Preisübersichten nicht immer gleich wiederfinden. Teilweise lassen sich Missverständnisse bereits mit Hinweis auf das „Kleingedruckte“ unter den Tabellen aufklären. Die Preiserfassung basiert eben im Wesentlichen auf den beschriebenen Konditionen. Ein individuell vereinbarter „Brutto-für-Netto-Preis wird natürlich meist niedriger sein, weil dann ja keine Abzüge anfallen. Häufig nicht beachtet wird auch, dass die ausgewiesenen „ab Hof-Preise“ sich auf Streckengeschäfte beziehen, also auf Transporte direkt zur Mühle/Mischfutterwerk. Davon deutlich zu unterscheiden sind die „ab Hof-Preise“, die Handelsbetriebe für die Variante „zur Weiterlagerung“ herausstellen. Diese sind selbstverständlich niedriger als die im Streckengeschäft, weil in diesem Fall ja weitere Umschlag- und Lagerkosten anfallen. Sie liegen dann regelmäßig auch noch unter den „frei Landlager-Preisen“, da die Transportkosten für den Landwirt entfallen und zu Lasten des Käufers gehen.
In der langjährigen Entwicklung ist zu erkennen, dass sich die Standardanforderungen für einzelne Parameter wie Schwundfaktor und Kriterien wie Hektolitergewicht, Fallzahl, etc. offenbar schleichend zu Ungunsten der Erzeugerseite verschoben haben. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass der Wettbewerb in Folge der oft starken Fixierung auf den Preis tendenziell eben auch auf Nebenschauplätze ausweicht.
 


Kontakt:
Dr. Herbert Funk
Markt- und Absatzfragen
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Stand: 12.06.2020