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In einer Wolke aus Staub und wollenen Leibern

Spanien: Landwirtschaft zwischen Abenteuer und alten Nutztierrassen - Erfahrungsbericht von Ex-Praktikant Markus Kattau


Eines sonnigen Tages, saß ich, nichts ahnend und fröhlich vor mich hin lernend im Berufsschul-Klassenzimmer, als unser Lehrer mit einem Flyer in den Raum geschlendert kam. Er berichtete uns von einem Praktikum im fernen Spanien, von Abenteuern, neuen Aufgaben, einem Blick in eine fremde Kultur und hinter fremde Kulissen, den man sich nicht entgehen lassen solle.

Ich war sofort Feuer und Flamme: Spanien kannte ich nur vom Strandurlaub. Abenteuer, eine neue Sprache, extreme Arbeitsbedingungen, fremde Tierrassen und Haltungsformen…all das machte mich direkt neugierig und ließ mich auch am abendlichen Esstisch nicht mehr los. So entschied ich, mich für das Praktikum auf einer abgelegenen Dehesa (einer spanischen Farm) im Süden Spaniens zu bewerben.


Auf geht´s ins Land der Pata-Negra-Schweine


Nach dem ersten Info-Treffen in Verden stand fest, dass mein nächstes Abenteuer nach Spanien gehen würde. Und so fand ich mich einige Zeit später mit einer tieftraurigen Freundin und meiner eigenen unzügelbaren Freude und Aufregung am Flughafen wieder. Nach förmlicher Kuh-Schlüsselband-Übergabe, samt der eindringlichen Aufforderung, dass wir „alle immer schön beieinander bleiben sollen, sodass keiner verloren geht“, wurden wir dann vom Planer der Expedition, einem netten Herren der Landwirtschaftskammer, zum Flugzeug geleitet. Nun durften wir endlich zum Land der Korkeichen und sagenumwobenen Pata-Negra-Schweine starten.

Als unsere bunt gemischte Reisegruppe aus Landwirtschafts-, Gartenbau- und Hauswirtschaftsauszubildenden aus dem Flughafengebäude in Sevilla trat und uns im November diese unglaubliche Hitze und Trockenheit entgegen schlug, wusste ich sofort, dass nun ganz besondere vier Wochen für mich beginnen würden. Nach einer langen Fahrt über staubige Pisten gen Norden kamen wir abends endlich auf der Dehesa an: einem 700 ha großen, umzäunten Areal mit diversen Wohn- und Arbeitsgebäuden, bei dem man vom Eingangstor bis zum Wohnhaus der Betriebsleiter erst einmal fünf Kilometer auf Schotterpisten zurücklegen musste. Und schon war ich im Abenteuer Praktikum in Spanien auf der ökologischen Dehesa „San Francisco“ angekommen.

Neben dem täglichen Spanischunterricht verbrachten wir viele Stunden mit dieser mir noch fremden Sprache bei den Mitarbeitern der Dehesa, die kein Wort Deutsch sprachen. Also waren wir gezwungen, mit Händen und Füßen das im Unterricht Erlernte direkt anzuwenden, was mir im Nachhinein einen sehr schnellen und praxisorientierten Zugang zu dieser tollen Sprache ermöglichte. So lernte ich schon in den ersten Wochen beim Bäume fällen, Schweine füttern, gemeinsam mit der Haushälterin spanische Gerichte kochen, Garten anlegen, Schafe und Rinder zählen oder beim Befüllen des Wasserfasses die passenden spanischen Vokabeln zu diesen Themen - und werde sie wohl auch nie wieder vergessen.


Die Wahrheit über Schweine mit schwarzen Füßen


Doch nicht nur bezüglich der neuen Sprache lernte ich täglich dazu. Auch wurde ich immerzu davon überrascht, dass mein (meiner Meinung nach) großes Vorwissen zu spanischen Produkten vom Schwein und spanischen Schweinerassen, sowie deren Haltung, anscheinend völlig laienhaft und unvollständig war. Eines Tages fragte ich beispielsweise einen Mitarbeiter, ob die Schweine der Farm tatsächlich „diese teuren Pata-Negra-Schweine“ seien, deren Schinken weltbekannt ist. Der Mitarbeiter brach in schallendes Lachen aus und sagte mir, dass die Füße der Schweine zwar rassetypisch schwarz seien, aber es mehrere Rassen mit schwarzen Füßen gebe.

Außerdem habe dieser Name nichts mit der tatsächlichen Haltung oder Mast zu tun, wie „ihr Deutschen ja immer denkt“, fügte der Mitarbeiter hinzu. Meinen verwirrten Gesichtsausdruck richtig deutend, ergänzte er, dass dieser teure Schinken nicht nur an die Rasse „Ibérico“ (mit schwarzen Füßen, also auf Spanisch „patas negras“) gebunden sei. Es müsse auch gewährleitet sein, dass die Schweine mindestens drei Monate vor dem Schlachten nur noch Eicheln zu fressen bekommen. Natürlich dürften sie auch die Gräser, Wurzeln und Insekten fressen, die sie in ihrem großen Areal ja selbständig suchen.


Tierwohl hat oberste Priorität


In Spanien auf der Dehesa San Francisco hatte ich das Gefühl, dass es stets oberste Priorität war, mit den Tieren so umzugehen, dass ihr Fleisch am Ende die beste Qualität aufwies. Ihnen wurden riesige Flächen zur Verfügung gestellt. Sie konnten ihrem arttypischen Verhalten nachgehen, sich bewegen, suhlen, soziale Kontakte pflegen oder sich auch einfach an einem Straßen-Begrenzungs-Pfahl schubbern, wenn ihnen danach war. Es gab Eicheln, Bodenlebewesen, Wurzeln, Gebüsche und Bäume zum Wohlfühlen. Durch das tägliche Füttern an einem Stallgebäude konnten die nötigen Zählungen und Kontrollen der Gesundheit der Tiere mit sehr geringem Aufwand und ohne Stress, sowohl für Mensch als auch Tier, gewährleitstet werden.

Aber nicht nur die Schweinehaltung war ganz anders, als ich sie hier aus Deutschland (auch aus dem ökologischen Bereich) kannte. Wirklich abenteuerlich wurde es, als wir eines Tages die gesamte Schafherde vom höchsten Punkt der Dehesa zum Aussortieren der jungen Böcke zu einem Fangstand treiben mussten, der etwa drei Kilometer entfernt im Tal lag. Wir rannten gefühlte Ewigkeiten durch Gehölz, über Felsen und Steine, an verbrannten Bäumen und Büschen vorbei. Dabei konnten wir nie die gesamte Herde überblicken und mussten uns ganz auf die unglaublichen Fähigkeiten des Hütehundes der Dehesa verlassen, der im Alleingang die etwa 400 Schafe aus allen möglichen Ecken des Geländes zu uns hin und den Berg herunter trieb.

Beim Fangstand angekommen, mussten wir uns in das Getümmel aus Schafen und Geklingel der Glocken stürzen, die jungen Böcke bei den Hörnern packen und separieren. Danach stellte sich uns jedoch noch eine kompliziertere Aufgabe, als wir die Schafe aus dem Fangstand lassen und dabei zählen sollten. In einer Wolke aus Staub und wollenen Leibern versuchten wir, nicht den Überblick zu verlieren und jedes an uns vorbei springende Schaf zu zählen, nur um danach gemeinsam mit allen Schafen im Laufschritt wieder den Berg zu ihrer Weide hochzuwandern. Es fühlte sich an, als hätten wir für diese Aktion einen ganzen Vormittag gebraucht, so erschöpft waren wir alle. Im Endeffekt hatte dieses kleine Abenteuer aber nur zwei Stunden gedauert.


Erkenntnis: Menschen nie nach erstem Eindruck beurteilen


Bei solchen Erlebnissen mit der gesamten Gruppe wurde uns immer wieder klar, dass man Menschen oft nach dem ersten Eindruck beurteilt und dann in eine Schublade steckt. Genau das hatten wir in Spanien nicht getan, jeder wurde so angenommen wie er war, jeder durfte sich entfalten und zeigen was er (und natürlich auch sie) konnte. So wurden wir durch nicht alltägliche Situationen wie den oben beschriebenen Schafabtrieb, gemeinsame Bauaktionen an den Häusern und Gärten der Dehesa und kulturell neuen und herausfordernden Situationen in fremden Städten eine verschworene Gruppe, ein richtiges Team und auch Freunde.

Wir haben gelernt, jedem Menschen nach dem ersten Eindruck immer auch eine zweite Chance zu geben und immer mit offenen Augen und offenem Herzen auf Menschen zuzugehen. Nur so kann man die verborgenen Talente und Besonderheiten dieser Menschen kennenlernen, so wie es bei uns in Spanien geschehen ist.

Abschließend möchte ich noch einmal hervorheben, dass durch ein solches Praktikum die Eigenwahrnehmung, die Sicht auf die Umgebung, Umwelt, Mitmenschen und das eigene Zuhause in bedeutendem Maße erweitert und geöffnet werden kann. Man lernt zum Beispiel, dass ein vielfältig aufgestellter Betrieb, mit Menschen, die ihre Arbeit lieben und mit einem offenen Auge durch die Welt gehen, funktionieren kann.


Man sollte öfters einen Mutausbruch haben!


Man lernt auch, dass man nur Mut braucht, um seine eigenen Projekte und Träume zu verwirklichen, dass es für jedes Problem auch eine Lösung gibt und man all dieses Durcheinander und Abenteuer, was wir Leben nennen, sehr glücklich und ausgeglichen genießen kann: Wenn man es nur, wie die Spanier, etwas entspannter und zuversichtlicher sieht!

Und so möchte ich jedem, der noch an der Umsetzbarkeit seiner Träume zweifelt, folgenden Spruch zum Abschluss mit auf den Weg geben: „Man sollte öfter einen Mutausbruch haben! Einfach mal machen – könnte ja gut werden!“

Dies sind die Termine 2019/2020 für Praktika im Ausland.


Kontakt:
Dr. Dietrich Landmann
Bildungsbeauftragter national / international
Telefon: 0049 (0)5551 6004-131
E-Mail: