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Sauenhalter in Not: Schnelle und unbürokratische Lösungen nötig!

Der Schweinestau wächst  –  und damit die große Not auch der Sauenhalter. Viele Betriebe wissen nicht mehr, wohin mit den Ferkeln, sodass neben ökonomischen und psychischen Belastungen der landwirtschafftlichen Familie auch tierschutzrelevante Aspekte zum Tragen kommen.

Frau Beverborg, Sie kennen die Praxis. Wie sieht es bei den Sauenhaltern in Niedersachsen aktuell aus?

Es sieht momentan sehr schlecht aus bei den Sauenhaltern – und das nicht nur in Niedersachsen! Viele Betriebe wissen nicht mehr, wohin mit den Ferkeln, sodass neben ökonomischen und psychischen Belastungen der landwirtschafftlichen Familie auch tierschutzrelevante Aspekte zum Tragen kommen. Der coronabedingte Stau an Schlachtschweinen wächst nach wie vor weiter.

Die jüngste Hochrechnung der LWK geht von einem Überhang von über 0,5 Mio. schlachtreifen Schweinen in Deutschland aus. Die Sauenhalter sind das letzte Glied in der Kette. Freie Ferkelpartien sind praktisch unverkäuflich. Es ist ja von vielen Seiten zu Solidarität aufgerufen worden, dass Mäster keine Plätze in ihren Ställen leer stehen lassen sollen. Darauf haben sicher viele Betriebe reagiert, das ist anzuerkennen! Aber es gibt ebenso Mastbetriebe, die diese Solidarität leider nicht leben. Auch in Niedersachsen stehen Mastställe oder -abteile nach wie vor leer.

Und das ist eine deprimierende Erfahrung für die Sauenhalter. Vielfach sind zwar aufgrund der guten Ergebnisse im Wirtschaftsjahr 2019/2020 noch finanzielle Reserven da. Davor gab es aber auch schon lange Durststrecken mit sehr niedrigen Ferkelpreisen. Aktuell können nicht einmal mehr die direkten Kosten, wie Bestandsergänzung, Futter, Besamung, Medikamente, Strom, Wasser etc. bei einer Notierung von 27 € für ein 25-kg-Ferkel gedeckt werden. Bei jedem Ferkel, das den Hof verlässt, legt der Ferkelerzeuger zurzeit drauf. Wobei inzwischen viele Ferkelerzeuger wie gesagt froh sind, wenn die Ferkel noch den Hof verlassen.

 

"Das ökonomische Prinzip, nicht mehr produzieren, wenn die Direktkosten nicht gedeckt sind, funktioniert bei der Ferkelerzeugung ja leider kurzfristig nicht. Die Sauen sind belegt, die Ferkel werden geboren. Es kann gar nicht kurzfristig reagiert werden."

 

Was können Sauenhalter ganz aktuell tun?

Wie gesagt, im Vordergrund steht aktuell einfach nur, den Verkauf der Ferkel zu organisieren. Als Sauenhalter sollte man sich nicht scheuen, persönlich das Gespräch dem Vermarkter bzw. Mäster zu suchen. Wenn es auch weiterhin schwierig scheint, die Ferkel zu vermarkten, könnte auch die Bestandsreduktion überlegenswert sein. In diesem Zusammenhang kann mittelfristig, soweit noch nicht geschehen, die Teilnahme an der ITW 3.0 angestrebt werden, obwohl die Vergütungssätze merklich abgesenkt worden sind. Damit könnte die Bestandsreduktion finanziell etwas abgefedert werden.  Sauenhalter können sich in der zweiten Anmelderunde ab dem 1. Februar 2021 anmelden.  Des Weiteren ist es sehr wichtig, nach dem guten Wirtschaftsjahr 2019/2020 den Blick für die Liquidität nicht zu verlieren. Eine vorausschauende Liquiditätsplanung sollte erstellt werden. Zur Verbesserung der Liquiditätssituation sollte zum Beispiel bereits jetzt die Absenkung der Steuervorauszahlungen beim Finanzamt beantragt werden. 

Vom Bund und Ländern wurde Unterstützung bei der Umsetzung der neuen Anforderungen zugesagt, können Schweinehalter darauf hoffen?

Die BLE fördert mit dem Bundesprogramm Investitionsförderung für den Stalllumbau zur Gewährleistung des Tierwohls Stallum- und Stallersatzbauten im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Damit sollen die Vorgaben der Siebten Verordnung zur Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung kurzfristig umgesetzt werden. Vom Ansatz her ist ein gutes Programm mit 40 % Zuschuss (maximal 500.000 €) bei pauschalierenden Betrieben sogar auf die Bruttobausumme aufgelegt worden. Allerdings schließt es die meisten hiesigen Betriebe aus, da bis zum 15. März 2021 der Antrag mit Baugenehmigung (ohne Bestandsaufstockung!) bei der BLE vorliegen und das Vorhaben bis zum 31. Dezember 2021 fertiggestellt sein muss. Das ist alles andere als praxisgerecht. Da müsste entweder nachgebessert werden oder es müssen andere Programme her. So könnte das Agrarinvestitionsförderungsprogramm (AFP) so angepasst werden, dass die Sauenhalter bei Vorwegnahme der Anpassungsinvestitionen gem. TierSchNutzV bevorzugt und erhöht gefördert würden wie im Bundesprogramm. Auch landesspezifische Förderungen, aber mit niedrigen Eingangsvoraussetzungen wären denkbar. Oftmals scheitert eine Förderung nämlich an den vielen Eingangsvoraussetzungen. Letztlich sollte das Ziel einer Förderung maßgeblich sein.

Große Sorgen bereiten den deutschen Sauenhaltern zurecht die ungleichen Wettbewerbsbedingungen in der EU. Was muss sich da tun?

In Deutschland eingestallte Ferkel, egal ob sie aus deutschen Ställen, aus niederländischen oder aus dänischen Ställen kommen, müssen unter den gleichen Haltungsbedingungen aufgezogen worden sein. Es kann nicht sein, dass in Deutschland sehr hohe Hürden übersprungen werden müssen, aber niemand kümmert sich darum, dass Mitbewerber quasi drunter her schlüpfen können. Viel diskutiert wurde über die Kastration. Hier gibt es jetzt ja Bewegung, aber das ist nur ein Punkt.

In Deutschland wird ein Umbau der Tierhaltung von der Gesellschaft gefordert. Die Borchert-Kommission hat entsprechende Vorschläge unterbreitet. Aber es ist nach wie vor nicht geklärt, wie die Finanzierung der höheren Kosten der Tierhalter erfolgen und wie eine Baugenehmigung bei sich widersprechenden Gesetzgebungen im Tierschutz-, Bau- und Immissionsschutzrecht für einen solchen Umbau überhaupt erteilt werden kann. Hier muss die Politik schnell Lösungen schaffen. Das gilt ebenso für den aktuellen „Vermarktungsnotstand“: Schnelle und unbürokratische Lösungen sind erforderlich. Ansonsten droht ein massiver Strukturwandel.

Sie sagten ja, es gibt auch in Niedersachsen nach wie vor Mastställe und -abteile, die leerstehen. Was sagen Sie den Mästern?

Ich kann auch nur noch einmal an die Solidarität der Mäster appellieren, wie es schon viele getan haben: „Lassen Sie keine Plätze leer in Ihren Ställen!“ Das fällt natürlich schwer, wenn gerade zu erleben ist, dass die schlachtreifen Schweine nur verzögert und oftmals überschwer mit hohen finanziellen Einbußen abgeliefert werden können. Wünschenswert wären direkte Beziehungen zu Ferkelerzeugerbetrieben, um die gesamte Kette der deutschen Schweinehaltung zu stärken.

In diesen Direktbeziehungen könnte als Preismodell auch der „Ferkel-Orientierungspreis“, der wöchentlich auf Basis des jeweiligen Schlachtschweinepreises in der LAND & FORST veröffentlicht wird, gewählt werden. Er wird auf Basis der Vollkosten der Beteiligten ermittelt, glättet damit Preisextreme und sichert die Liquidität der Beteiligten.

 

"Mäster sollten bedenken, dass es zukünftig auch Zeiten geben könnte, in denen das nach deutschem Recht aufgezogene (Ringelschwanz-)Ferkel knapp und teuer werden könnte …"

 

Sie sagen, Sauenhalter sollten sich trotz der aktuell frustrierenden Situation auch Gedanken machen, wie es längerfristig weitergehen soll?

Ja, das finde ich sehr wichtig, auch wenn vielen derzeit nicht danach zumute ist. Aber es sollte immer unternehmerisch gehandelt werden: Ab dem kommenden Jahr darf nicht mehr betäubungslos kastriert werden. Viele Betriebe haben sich für die Kastration mit Isofluran-Narkose entschieden, oft mehr aus der Not heraus, weil sie keine wirklichen Alternativen haben. Das derzeit mit seinen Abnehmern zu diskutieren, ist zweifelsohne eine Herausforderung.

Durch die Neuregelungen zur Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung wird die Art der Sauenhaltung hierzulande eine andere werden. Jeder Sauenhalter muss sich mit den neuen Anforderungen befassen, die für die meisten Betriebe gravierende Auswirkungen haben. Da steht im Raum, ob der Betrieb seine Ställe relativ problemlos umbauen kann oder ob es zum Beispiel nur Sinn macht, komplett neu zu bauen. Auch der Umstieg auf eine andere Haltungsform mit weniger Tieren kann eine Option sein, für andere ist es eine Bestandserweiterung, für wieder andere schließlich der geordnete Ausstieg. Sauenhalter sollten alle diese Möglichkeiten in Betracht ziehen und mit ihren Berater*innen besprechen. Letztlich bieten Krisen bei aller Betroffenheit auch Chancen für positive Veränderungen.

Das Interview führte Christa Diekmann-Lenartz von der LAND&FORST.


Kontakt:
Ruth Beverborg
Leiterin Sachgebiet Betriebswirtschaft, Wirtschaftsberatung
Telefon: 0441 801-304
Telefax: 0441 801-313
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Stand: 20.11.2020