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Die blaue Anneliese blüht noch…

Wer hier mit Blumen rechnet, ist falsch. Es geht um Kartoffeln. Kennste eine, kennste alle? Nicht so bei Familie Ellenberg aus Barum (Landkreis Uelzen) in der Lüneburger Heide. Hier wachsen 100 Sorten. Bunte Vielfalt ist angesagt.

Es ist ein reiner Familienbetrieb. Der Bekannteste ist Karsten Ellenberg. Sein Schwerpunkt ist die Kartoffelzucht. Man kennt ihn, nicht nur hier in der Region, spätestens seit der Rettung der Kartoffelsorte Linda. Er ist ein alter Hase in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. So saß er im Herbst 2016 in der NDR-Talkshow neben Til Schweiger und Margot Käsmann in der Runde. Das neueste Projekt: Ein Dreh für die NDR-Landpartie. Er ist ein kleiner Promi in der Region, aber auf dem Teppich geblieben.
Ehefrau Petra Ellenberg ist nach Angaben der Söhne das Herzstück des Hofes. Sie leitet das Büro, schreibt die Rechnungen und „holt so das Geld rein“. Und sie kocht. Sohn Julius Ellenberg hat das Marketing als Steckenpferd. Sein Bruder Hannes macht den Hof und hat neuerdings auch ein Bienenvolk im Garten. Unterstützt werden sie von 7 Mitarbeitern und Saisonkräften.

Über 100 Sorten baut Familie Ellenberg auf ihrem Bioland-Hof an. Fünf Sorten davon sind selbst gezüchtet: Rote Emmalie, Violetta (die Schwester), Blaue Anneliese (Tochter), Heiderot (Schwester der Blauen Anneliese) und Rosemarie. Das geht nicht von heute auf morgen. Es dauert 10 Jahre, bis eine Sorte „fertig“ ist. Die nächste Sorte, eine gelbfleischige, ist bereits geplant.

Die Kette vom Feld zum Laden sieht genauso aus wie auf jedem anderen Kartoffelhof: Nach dem Roden kommen die Knollen in die Kartoffelscheune, zunächst in Großkisten. Danach werden sie in mittelgroße Kisten gepackt, das ist dann eine Art Zwischenstation. Aus diesen Kisten kommen sie dann je nach Bedarf verkaufsfähig in die Tüten und Säcke. Genäht wird noch mit der Hand. Das ist dann mal schief, aber eben Handarbeit. Aktuell wird eine neue Abpacktechnik gesucht. Sicher ist: Die Papiertüte bleibt. Hier spielt der Nachhaltigkeitsgedanke eine große Rolle. Bei der Verpackung ist die Absprache mit dem Verkauf wichtig. Zurzeit wird ein neues Lagerverwaltungssystem geschrieben. In Zukunft soll der Bestand im Lager in Echtzeit mit dem Online-Shop abgeglichen werden. Bisher fehlte diese entscheidende Schnittstelle. Die Technik schreitet voran, und das Internet ist wichtig! In Barum wartet man auf das Glasfaserkabel. Denn das Internet ist inzwischen so wichtig wie Strom und Wasser.
Obwohl die Ellenbergs international tätig und unterwegs sind, denken sie auch regional. Der Programmierer lebt im Dorf. Ebenso der Grafiker. Der sitzt zwei Häuser weiter und hat das neue Logo entwickelt. Überhaupt: Das Miteinander im Dorf macht es aus und die tolle Dorfgemeinschaft. Trotzdem kaufen nicht alle ihre Kartoffeln bei Ellenbergs. „Wenn wir alle Barumer im Hofladen hätten, wäre das toll“, so Julius Ellenberg. „Das ist aber nicht so, logisch.“

Die Besonderheit: Pflanzkartoffeln
Kartoffeln sind das tägliche Geschäft auf dem Hof in Barum. Vermarktet werden Speisekartoffeln und Pflanzkartoffeln. In Sachen Pflanzkartoffeln sind Ellenbergs international. Ihre Kartoffeln werden inzwischen in Großbritannien, Schottland und Kanada vermehrt. Dorthin werden sie als kleine Pflanzen geschickt und gehen den ganz normalen Weg einschließlich der Quarantäne. Das ist exotisch und nicht die Massenware. Woher kommen die Kontakte? „Die Partner kommen inzwischen zu uns“, so Karsten Ellenberg. „Man sucht und findet uns.“ Im Züchterkreis haben die Ellenbergs einen Namen. Sie betreiben eine hofeigene Kartoffel-Genbank und reisen auch schon mal nach Schottland, um Pflanzen für Neuzüchtungen zu besorgen. Der Betrieb ist seit 1991 rein ökologisch, es wird nach Bioland-Richtlinien produziert. Seit 2013 ist er sogar ein zertifizierter Demonstrationsbetrieb für den Ökologischen Landbau. Diesem Netzwerk gehören mehr als 240 Biohöfe an.

Speisekartoffeln online und offline
Auf dem Hof gibt es den Kartoffelladen. Der ist eher schlicht und einfach eingerichtet. Vor den Kisten sind Fotos geklebt, denn der Kunde will sehen, was er kauft. Es gibt Kunden (Urlauber, Touristen), die gucken in den Laden und lassen sich die Kartoffeln dann nach Hause schicken.
Am Hof steht eine Verkaufskiste. Damit wird dem Trend 24/7 gerecht, das heißt der Kunde kann in Selbstbedienung 24 Stunden rund um die Uhr an 7 Tagen in der Woche seine Kartoffeln kaufen. Ein Verkaufsschlager seit 40 Jahren.
Auch Wiederverkäufer gehören zum Kundenstamm. Deutschlandweit gehen die Barumer Kartoffeln an Großhändler. Auch Baumärkte waren mal dabei. Das klappt aber nicht so gut, denn die Kartoffeln brauchen Pflege, und die Kunden müssen beraten werden. Diese Zeit und das Fachpersonal fehlen im Baumarkt.
Ein weiterer Vermarktungsweg ist die Gastronomie. Von Sylt bis Berchtesgaden gibt es Restaurants, die beliefert werden. In Polen läuft das Geschäft gerade an. In London gibt es ein Restaurant namens Hip-Chips. Dort gibt es nur bunte Chips. „Es gibt unsere Sorten, aber auch andere“, berichtet Julius Ellenberg. Überhaupt spielen regionale Besonderheiten eine große Rolle. Die Franzosen lieben blaues Püree. In Russland isst man gerne weiße Kartoffeln. In Thüringen sind eher mehligkochende Sorten gefragt wegen der Klöße. Und in Bayern werden die Lebensmittel mehr wertgeschätzt, und die Kunden sind bereit, für hochwertige Produkte mehr auszugeben, meint Julius Ellenberg.

Die Trends erkennen und mitgehen
Barum ist ein idyllisches Örtchen mit 530 Einwohnern im Landkreis Uelzen in der Lüneburger Heide. Es gibt keine Großstadt in der Nähe und auch keine Autobahn. Der Kunde kommt nicht zufällig vorbei. „Deshalb kommen wir zum Kunden“, so die Devise. Und das gehen die Ellenbergs offensiv an, sie suchen den Kontakt mit dem Kunden, auch online. Der Online-Shop ist gerade neugestaltet worden. Online ein Renner sind kleine Einheiten, was sicherlich an der steigenden Zahl der Single-Haushalte liegt. Die Topseller bei den Speisekartoffeln sind Linda, Gunda und Rote Emmalie. Kein Wunder. Ist doch roter Kartoffelsalat das Gesprächsthema auf jeder Party. Ein weiterer Trend der Zeit: Urban gardening. Damit gemeint ist das Gärtnern auf kleinem Raum in der Großstadt. Immer mehr Kartoffelpflanzen wachsen im Blumentopf oder im Hochbeet.
Neben den Kartoffeln zum Pflanzen und Essen sind Sämereien und Bücher im Angebot, außerdem wenige ausgewählte Lebensmittel. Den Anteil online/offline schätzen die Ellenbergs auf 50-50. Die Hälfte der Produkte geht übers Internet an den Kunden. Verschickt wird mit DHL, dem Paketdienst der Deutschen Post.
Wie bezahlen die Kunden? Bei der Selbstbedienungskiste läuft es auf Vertrauensbasis. Und das klappt gut. Man findet keine Überwachungskamera. Im Hofladen geht das Geld bar in die Kasse. Die Kartenzahlung hat sich nicht rentiert. „Es ist zu teuer für die zwei Kunden im Monat, die die Karte zücken“, so Julius Ellenberg. Außerdem sind das eher kleinere Beträge. Im Online-Shop ist das Bezahlen auf Rechnung oder gegen Vorkasse möglich. Es gibt noch keine Bezahlsysteme wie Paypal und auch keine Kreditkartenzahlung. Denn beides kostet und lohnt sich nicht. Der Mindestbestellwert liegt bei 15 EUR plus Versandkostenanteil. Aber: „Wenn es 14,50 EUR sind, dann ist das auch ok.“

Veränderungen auf dem Betrieb
Der Platz auf dem Hof wird knapp. In der alten Scheune neben dem Kartoffelladen entsteht ein Hochregallager. Zum Betrieb gehören 80 Hektar. Da die Kartoffeln einen vierjährigen Rhythmus brauchen, reicht diese Fläche für 20 Hektar Kartoffeln.
Das Leben ist Veränderung. Und die hat es zum 1. Juli gegeben. Mit Sohn Hannes hat Karsten Ellenberg eine GbR gegründet, und mit Sohn Julius wird derzeit die Kartoffelvielfalt GmbH & Co.KG gegründet. Die beiden Söhne sind bestens präpariert. Beide haben eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und danach die Fachschule besucht. Hannes (22) ist für die Landwirtschaft verantwortlich. Aktuell gibt es die Überlegung, mit Möhren und Zwiebeln anzufangen. Julius (27) hat im vergangenen Jahr sein Marketing und Kommunikations-Studium absolviert und ist nun Marketingchef. Das Motto des Opas „Man verdient nicht in der Landwirtschaft, sondern an der Landwirtschaft“ hat er sich zu Herzen genommen. Die beiden sind zusammen mit Vater Karsten, dem Züchter, eine gute Kombination und ein perfektes Team.
Eines von Julius ersten Projekte im Betrieb war die Neugestaltung der Website. „Die Kunden wollen heutzutage informiert werden“, meint er. Deshalb setzt er auf kurze Texte, aktuelle Infos vom Betrieb und Bilder. So ist der Kunde live dabei. Neu ist eine Drohne. „Mit ihr kann man tolle Fotos machen.“
Seit Anfang 2018 gibt es auch einen Newsletter, der bereits 2.500 Abonnenten hat. Eine Zahl, die sich sehen lassen kann.
Aber die Ellenbergs setzen nicht nur auf digitale Werbung. Anfang der Saison geht ein Flyer per Post an die Kunden. Viele ältere Kunden bestellen gerne noch per Telefon oder mit einem Bestellschein. Der persönliche Kontakt ist ihnen wichtig und auch die Beratung. Im Büro arbeiten inzwischen drei Mitarbeiter. Die Tendenz war in den letzten Jahren steigend. Denn es gibt immer mehr zu dokumentieren und zu beachten, seien es die GoBD (Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff) oder die neu in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).
Auch Social media-Kanäle werden bedient. Die Kartoffelvielfalt ist bei Facebook vertreten, bei Instagram und Twitter findet man sie nicht. Denn erstens könne man eine ganze Arbeitskraft allein dafür abstellen, wenn man es richtigmachen will, so Julius Ellenberg. Und zweitens ist es nicht ihre Zielgruppe.
Interessant wäre allerdings Youtube für kurze Filme, etwa um den Kunden den Kartoffelanbau näher zu bringen. Bisher gibt es bei Youtube keinen eigenen Kanal, aber die Filme werden auf der Website verlinkt. Eine Mission, die ihm am Herzen liegt. Denn schade findet Julius, dass das Wissen mit der Zeit verloren gegangen ist. Er wünscht sich ein Fach Ernährung in der Grundschule.

Immer weniger können kochen
Ein Trend der Zeit: Viele Verbraucher können nicht mehr kochen. Deshalb sind auch Rezepte im Angebot. Und die sind selbst erprobt. Wer ist für die Rezeptentwicklung verantwortlich? Hier ist Kooperation gefragt. Der Olivenölhändler hat immer gute Anregungen. Außerdem gibt es einen guten Kochlehrer mit tollen Ideen. Ein bis zwei Rezepte sind von der Omi, so Julius. Gemeinsam mit der Freundin wird auch schon mal abends gekocht. Karsten hält sich nach eigenen Angaben da raus, kommt dann lieber zum Essen. Bei der Sensorik ist er aber wieder voll dabei. Auch das läuft professionell ab: Sieben bis acht Sorten werden auf den Teller gelegt und kühlen ab, bevor sie nacheinander verkostet werden. Vorher müssen sie alle unter gleichen Bedingungen wie im Labor gegart werden. Wichtig ist es, Vokabeln zu finden, wie die Kartoffeln schmecken. Denn genau das wollen die Kunden wissen. Schmeckt eine Kartoffel herb oder kräftig? Oder eher fade oder nach Futterkartoffeln? „Wie viele Aromen ernten wir pro Hektar?“, so Karsten Ellenberg.

Für viele Direktvermarkter geht der Weg zum Kunden über Wochenmärkte. Den Ellenbergs fehlt dafür die Zeit. Aber gelegentlich sind sie doch unterwegs. Im Herbst sind sie auf Julius altem Lehrbetrieb in der Nähe von Hamburg zu einem Markt eingeladen. Derzeit steht die Planung für den Olivenabholmarkt in Wilstedt an. An die Biofach in Nürnberg im Februar 2018 erinnert man sich sehr gerne: Hier wurde die Rote Emmalie zur Kartoffel des Jahres 2018 gewählt. Auch 2019 sind sie wieder dabei. Die Planungen mit bioverita, einem Verein rund um die biologische Züchtung, gehen voran.

Viel Arbeit, aber es lohnt sich.
Es ist das Gesamtpaket, das den Betrieb ausmacht. Und die Liebe zur Kartoffel, die zu spüren ist. Mit Herzblut ist die ganze Mannschaft bei der Sache. Ihre Motivation: Die Handelsspanne fällt weg. Man ist unabhängig und bestimmt die Preise selbst. Außerdem macht ihnen der Kontakt zur Kundschaft Spaß. Auch das spürt man. Ein Kommentar auf Facebook bringt es auf den Punkt: Schneller Versand, faire Preise, nettes Team.

Hier geht es zur Kartoffelvielfalt.


Kontakt:
Anne Dirking
Allgemeine Weiterbildung, Agrarbüro und EDV, Urlaub auf dem Bauernhof
Telefon: 0581 8073-142
Telefax: 0581 8073-99142
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Stand: 14.11.2018