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Enormer Virusbefall in Pflanzkartoffeln in anfälligen Sorten in Niedersachen

Nachdem nunmehr fast 70 % der Virustestung abgeschlossen sind, zeigt sich abgesichert, dass die Virusbelastung in den Pflanzkartoffelvermehrungen erheblich höher ist als in Normaljahren. Üblicherweise beträgt die Aberkennungsquote in Niedersachsen zwischen 4 und 6 %. In diesem Jahr sind mehr als 11 % der erfolgreich feldbesichtigten Fläche betroffen. Wie es im Einzelnen aussieht und wo die Ursachen liegen, zeigt der nachfolgende Artikel auf.

Wo liegen die Ursachen für die hohe Aberkennungsquote?

Früher Blattlausdruck

Während aufgrund der überwiegend in Niedersachsen herrschenden Trockenheit der Krautfäu-leinfektionsdruck vergleichsweise gering war, zeigte der Blattlauswarndienst bereits mit dem Start der Erfassung ab der 17. Kalenderwoche Blattlausfänge. Insgesamt wurde die Blattlaussituation fachlich grundsätzlich noch als entspannt betrachtet. Gegen Blattläuse als Saug-schädlinge mussten allenfalls in kleinen Zuckerrüben und z. T. in Leguminosen (Schwarze Bohnenlaus) Insektizide eingesetzt werden. Ursache für die insgesamt geringen Befallsdichten war das massive und zeitlich optimale Auftreten der Blattlausgegenspieler. Dies galt jedoch nicht für die Rolle der Blattläuse als Virusvektoren. Der Frühjahrsflug der sonstigen, nicht auf Kartoffeln siedelnden virusübertragenden Arten erstreckte sich über einen langen Zeitraum und die Zahl der Läuse war hoch. Zusätzlich wurde ein früher und stärkerer Zuflug von Kartoffelblattläusen beobachtet. Auffällig war das stärkere Auftreten und die Dominanz von Grünen Pfirsichblattläusen im Juni. Darüber hinaus hat ein kleiner Teil der Blattlauspopulationen anholozyklisch überwintert. Aufgrund des höheren Infektionspotentials aus dem Vorjahr und der geschilderten Situation war insgesamt ein höheres Virusrisiko gegeben.

Virusbelastung im Feld
In den Feldbeständen dieses Jahres wurde zwar vermehrt Virus festgestellt, doch der Anteil an Vermehrungsvorhaben, in welchen Virussymptome bzw. eine höhere Befallsdichte mit Virus festgestellt wurde, war nicht übermäßig höher als in anderen Jahren. Die Belastung des ausgepflanzten Ausgangsmaterials war tendenziell höher.

Verminderte Insektizidwirkung

Aufgrund der abgelaufenen Witterung also vielfach hohe Temperaturen, nicht selten mit entsprechendem Wind kombiniert, griffen die Insektizid-Maßnahmen gegen die Virusvektoren nicht wie gewohnt, was sich auch an einem deutlich erhöhten Anteil an Vermehrungsvorhaben widerspiegelt in denen PLRV (Blattrollvirus) festgestellt wurde. Lag der Anteil an Vermehrungsvorhaben mit PLRV-Auftreten im Vorjahr nach Abschluss der Testung noch bei 62 Vorhaben, so liegen derzeit nach rund 70 % der Testung bereits 139 Vorhaben mit PLRV-Befunden vor.

Anfällige Sorten teilweise extrem betroffen
Betroffen sind nahezu ausschließlich Sorten mit hoher Virusanfälligkeit für PVY (Y-Virus) und/oder PLRV und insbesondere Vermehrungen von anfälligen Sorten in ökologisch-wirtschaftenden Vermehrungsbetrieben schafften zum größten Teil die gesetzlichen Virusnor-men nicht.

Zum jetzigen Zeitpunkt sind insgesamt 54 Sorten von Aberkennungen betroffen. Davon weisen 33 Sorten zumindest eine mittlere bis sehr hohe Anfälligkeit für das Y-Virus auf, 23 Sorten da-von gelten als hoch bis sehr hoch anfällig (Boniturnote 7 – 9, 1= sehr geringe Anfälligkeit). 16 der betroffenen Sorten weisen eine Anfälligkeit gegenüber dem Blattrollvirus von 5 – 9, also mittel bis sehr hoch anfällig, einige Sorten sind sogar hoch anfällig für beide Virusarten.

Primärinfektionen ließen Schlimmes befürchten
In normalen Jahren treten im Rahmen der Feldbesichtigung, welche i. d. R. Anfang bis Mitte Juli abgeschlossen ist, und bei den Selektionsarbeiten die Virussymptome in Erscheinung, die mit dem Ausgangspflanzgut aus dem Vorjahr mitgebracht wurden, sogenannte Sekun-därinfektionen. In diesem Jahr wurde von verschiedenen Seiten vom Auftreten von Primärinfektionen Ende Juli und im August berichtet. Bei Primärinfektionen handelt es sich um die Vi-rusinfektionen, die aufgrund früher Blattlausstiche im Mai im aktuellen Jahr gesetzt wurden und dann im Regelfall erst in der Virustestung in Erscheinung treten und festgestellt werden. Bei sehr frühen Infektionen und bei starkem Virusdruck kommt es in einzelnen Jahren, wie z. B. auch im Viruskrisenjahr 2008 (Aberkennungsrate damals 16,7 %) zu einer noch im Feld erkennbaren Symptomausprägung. Beim Y-Virus zeigen sich dabei beim klassischen PVY 0 Vi-rus blattoberseits „Tintenspritzer“ und/oder Punkt-/Strichnekrosen. Beim PVY N Virus zeigt sich eine Mosaikscheckung, seltener Strichel.

PCR-Methode ist sehr genau
Seit 2018 erfolgt im amtlichen Anerkennungsverfahren die Virustestung von Pflanzkartoffeln flächendeckend mit dem molekularbiologischen Verfahren Real-time Polymerase chain reaction, kurz qPCR genannt, das hinsichtlich für die bei Kartoffeln relevanten Viren Blattroll, Y und S validiert vorliegt.

Im ersten Untersuchungsschritt erfolgt eine Isolierung der RNA/DNA aus dem vorliegenden Knollenmaterial, sodass für die sich anschließende qPCR-Untersuchung die hochspezifische Erbsubstanz der Viren vorliegt. Wenn Augenstecklingsprüfung und ELISA-Untersuchung schon genau waren, so setzt hier mit der qPCR-Methode und der Analyse der Erbsubstanz noch eine weitere Präzisierung ein. Bei dieser Methode muss nicht auf das zeit- und kostenintensive Heranziehen von Pflanzen-/Blattmaterial im Gewächshaus gewartet werden, sondern die Untersuchungen können direkt an Knollengewebe vorgenommen werden. Damit geht eine erhebliche Zeitersparnis einher und zudem sind die o. g. Untersuchungsschritte automatisierbar.

100 % exakt wäre, wenn für jede Knolle und jedes Virus eine qPCR-Analyse von statten gehen würde. Um den Kostenaufwand in einem vertretbaren Rahmen zu halten und unter Berück-sichtigung von statistischen Gesetzmäßigkeiten ist es jedoch möglich, jeweils 25 Knollen in einem gemeinsamen Pool für die Untersuchung aufzubereiten. Untersucht werden grundsätzlich 200 Knollen, also 8 Pools (Unterproben) à 25 Knollen, und im Wiederholungsfalle weitere 200 Knollen oder ein Vielfaches davon. Für eine solche Untersuchung auf die genannten drei Viren sind also 24 PCR-Analysegänge erforderlich. Die entsprechenden statistischen Grundla-gen beruhen auf standardisierten, weltweit gültigen Statistik-Methoden der Internationalen Vereinigung der Testung von Saatgut. Die Niederländer, die zuerst mit dieser Methode in die Virustestung eingestiegen sind, mit derzeit über 40.000 ha Vermehrungsfläche, arbeiten sogar mit 4 Pools à 50 Knollen, vermutlich auch deshalb, weil ein höherer Anteil der Pflanzkartoffeln in natürlichen Gesundlagen (Küstennähe) steht.

Mit dem qPCR-Verfahren wird eine deutlich raschere Verfügbarkeit der Ergebnisse und dementsprechende Dispositionsmöglichkeiten auch für frühe Exporte erreicht. Gerade der Export von Pflanzgut aus Deutschland gewinnt immer größere Bedeutung. Zudem werden auch die gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungen auf die Quarantänebakteriosen Bakterielle Ringfäule und Schleimkrankheit und auf Wunsch auf die Schwarzbeinigkeitserreger an demselben Knollenmaterial durchgeführt und somit entfällt auch der bisher notwendige zweite Probenah-megang.

Wegfall der schwer-leicht Regelung im Gesetz
Durch den Wegfall der Differenzierung schwere leichte Symptomausprägung in der Pflanzkartoffelverordnung seit 2016 und den bis dahin möglichen Umrechnungsfaktoren leicht/ schwer von 1 : 5 in der Feldbesichtigung und 1 : 4 in der Augenstecklingsprüfung ist eine Verschärfung und damit Qualitätsverbesserung zu Gunsten des Pflanzgutkäufers gesetzlich verordnet worden. Gleichzeitig führt dies gerade in Problemjahren auch zu einer Erhöhung der Aberkennungsrate im Feld und in der Virustestung.

Situation der Anerkennung von Pflanzkartoffeln in Niedersachsen; Stand 06.03.2020
Nach Fläche Hektar %   Nach Vermehrungsvorhaben Anzahl %
Angemeldet 7029          
Erfolgreich Feldbesichtigt 6848 100   Erfolgreich Feldbesichtigt 3053 100
Mit Virustest 6746 98,5   Mit Virustest 2981 97,6
Virustest "mit Erfolg" 6015 89,2        
Virustest "ohne Erfolg" 732 10,9   Virustest "ohne Erfolg" 256 8,6
        Abgestuft 223 7,5
        Abgestuft V* nach B* 19 0,6
        Abgestuft V nach Z* 20 0,7
        Abgestuft B nach Z 174 5,8
        Abgestuft Z/A* nach Z/B* 10 0,3
*Kategorien: V = Vorstufenpflanzgut; B = Basispflanzgut; Z = Zertifiziertes Pflanzgut; Z/A = Zert. Pflanzgut der Klasse A; Z/B = Zert. Pflanzgut der Klasse B

Fazit
Zurzeit werden noch eine Reihe von Wiederholungstesten mit einer erhöhten Knollenzahl durchgeführt in der Hoffnung, dass zumindest ein Teil der aberkannten Vorhaben noch gerettet werden kann. Vermutlich wird aber am Schluss eine Aberkennungsrate von etwas über 10 % bezogen auf die erfolgreich feldbesichtigte Fläche bleiben. Widerlegt wird damit auch die teilweise in den Vorjahren in der Wirtschaft geäußerte Meinung, dass die Viruskrankheiten kaum noch eine Rolle spielen werden. Zyklisch wird diese Problematik immer wieder aufschlagen und insbesondere dann die Sorten mit schwachen Resistenzeigenschaften treffen. In diesem Segment ist sicherlich die größte Stellschraube zur Reduzierung von Virusproblemen zu sehen.


Kontakt:
Willi Thiel
Leiter Sachgebiet Anerkennungsstelle für Saat- und Pflanzgut und Sachgebiet Kartoffeln: Qualitätskontrolle
Telefon: 0511 3665-4370
Telefax: 0511 3665-4508
E-Mail:
Eric Preuß
Anerkennung von Saat- und Pflanzgut
Telefon: 0511 3665-4353
Telefax: 0511 3665-994353
E-Mail:


Stand: 14.05.2020