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Landessortenversuche 2020: Winterweizen Qualitäten

Die Qualitäten der Weizenernte 2020 hinsichtlich Fallzahl, Rohproteingehalt und Sedimentationswert werden im Rahmen der Landessortenversuche ebenfalls geprüft. Gerade die Fallzahl und deren Stabilität sowie der Sedimentationswert, der neben anderen Parametern die Backqualität des Weizenmehls beschreibt, sind wichtige Kenngrößen für die Beurteilung von Weizensorten. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden folgend dargestellt.

In den letzten vier Jahren ist ein starkes Auf und Ab der Anbauflächen von Winterweizen unverkennbar. Über die Ursachen hierfür, die in den einzelnen Anbauregionen recht unterschiedlich waren, ist bereits berichtet worden. Die Schätzungen des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik (LSN) zur durchschnittlichen Ertragshöhe konnten erfreulicherweise von 78,7 dt/ha auf 80,1 dt/ha leicht nach oben korrigiert werden, dennoch liegen die Erträge eher auf einem niedrigen Niveau. Zwar wurden regional sehr gute Ernten auch über 100 dt/ha erzielt, auf trockenen Standorten ohne Beregnungsmöglichkeiten war jedoch das Gegenteil der Fall. Insgesamt wird sich die Erntemenge gegenüber dem Vorjahr laut Schätzungen des LSN wieder um ca. 20 % auf etwa. 2,65 Mio t verringern.

Die in der Ernte für Weizen ausgewiesenen Preise lagen zwar geringfügig über denen des Vorjahres, konnten allerdings nicht unbedingt zufriedenstellen, zumal viele Partien Probleme mit den erforderlichen Rohproteingehalten hatten. Die Preisspannen zwischen A-, B- und Futterweizen fielen auch in diesem Jahr wieder recht bescheiden aus, allerdings schmerzen die Abzüge bei Nichterfüllung der Anforderungen in jedem Falle.

Obwohl die im vergangenen Jahr vollzogene Änderung der Qualitätseinstufung von Weizensorten durch das Bundessortenamt (BSA), bei der der Rohproteingehalt (RP-Gehalt) nicht mehr Bestandteil für die Eingruppierung in die Qualitätsgruppen ist, war genau dieser Faktor bei dem Direktverkauf in der Ernte endscheidend für Zu- oder Abschläge.

Lediglich im Vertragsanbau, wo es auf die speziellen Backeigenschaften der Sorten ankommt, können und werden diese für die Mühlen und Verarbeiter relevanten Kriterien hoffentlich dann auch preislich entsprechend honoriert, ohne bestimmte RP-Werte erreicht zu haben. Je nach Verwertungsrichtung müssen bestimmte Qualitätsparameter erreicht werden, um den Ansprüchen der aufnehmenden Hand gerecht zu werden. Die Sortenwahl spielt daher insbesondere bei der Produktion von Qualitätsweizen eine entscheidende Rolle, wobei die Kombination aus hoher Ertragsleistung und der Erfüllung geforderter Qualitätsnormen am wirtschaftlichsten ist.

Bei direkter Abfuhr zum Landhandel und Verkauf des Weizens in der Ernte stehen die Parameter Fallzahl, hl-Gewicht, RP-Gehalt sowie die Sortenangabe im Vordergrund. Dank der problemlosen und praktisch nicht durch Niederschläge unterbrochenen zeitigen Ernte gab es in diesem Jahr keine Probleme im Bereich Fallzahl und Fusariumbesatz. Die Witterungsbedingungen zur Zeit der Blüte verminderten die Gefahr des Ährenfusariumbefalls. Davon profitierten sowohl die Brot- als auch die Futtergetreidebestände.

Unterschiedliche Modalitäten bei der Vermarktung

Um qualitativ hochwertige Backwaren zu erstellen, sind aus Sicht der verarbeitenden Branche die für den Export geforderten Rohproteingehalte nicht unbedingt erforderlich. Hier spielen andere Parameter wie z. B. der Feuchtklebergehalt eine wesentlich wichtigere Rolle. Da jedoch ein Großteil des Qualitätsweizens auf Basis der für den Export ausschlaggebenden Konditionen gehandelt wird, orientieren sich die möglichen Preisaufschläge aktuell noch immer vornehmlich am Rohproteingehalt, gerechtfertigt oder nicht.

Bestehen hingegen Abnahmeverträge direkt mit dem Verarbeiter, so werden bereits vor der Aussaat die entsprechenden Sorten für den Anbau vereinbart und zu erfüllende Qualitätskriterien festgelegt.

Im Rahmen der Landessortenversuche werden neben der Ertragsleistung zahlreiche weitere agronomische Eigenschaften wie Lagerneigung und Festigkeit gegenüber Krankheiten sowie wichtige Parameter zur Qualitätseinstufung untersucht. Rohproteingehalt, hl-Gewicht und TKG sind dabei relativ einfach zu bestimmende Kriterien, während die Fallzahl, vor allem aber die Sedimentationswerte, aufwändiger zu ermitteln sind. Deren Ergebnisse basieren daher auf einer geringeren Datengrundlage. Für letztgenannte Untersuchung müssen die Proben entsprechend aufbereitet werden.

Die Qualitätsergebnisse der diesjährigen Landessortenversuche werden im Folgenden dargestellt; die Sedi-Werte sind gegenüber der Veröffentlichung in der Land und Forst vom 03.09.2020 aktualisiert worden.

Fallzahlen

Die Wachstumsbedingungen waren auch 2020 vielerorts durch langandauernde Trockenphasen geprägt. Niederschläge traten oft nur kleinräumig, zum Teil dann sogar heftig, auf. Insgesamt herrschte nur ein geringer Krankheitsdruck; wenn, dann trat er erst recht spät auf. Auch Lager vor der Ernte war 2020 kein bemerkenswertes Problem. Wie im Vorjahr wurden die ersten Weizenschläge Ende Juli gedroschen und die Ernte konnte in den meisten Fällen ohne Beeinträchtigung durch Regen erfolgen.

Dadurch traten in der Regel keine Probleme durch zu geringe Fallzahlen auf, sowohl in der Praxis als auch in den Sortenversuchen. Allerdings waren sortentypische Unterschiede wieder klar erkennbar. Mit einer durchschnittlichen Fallzahl von 330 sec. lagen die Werte erneut auf einem sehr guten Niveau, wenngleich die Spitzenwerte aus dem Jahr 2019 nicht ganz erreicht wurden. Den höchsten Wert von über 400 sec. erreichte die E-Sorte Moschus, aber auch Ponticus konnte mit einem Wert von 385 sec. wieder voll ihre gute Einstufung bestätigen. KWS Emerick, die 2019 als E-Sorte recht schwache Werte erzielte, konnte in diesem Jahr überzeugen. Im A-Bereich lieferte Asory mit 384 sec. sehr gute Werte auf E-Niveau ab, aber auch RGT Reform erwies sich als sehr robust hinsichtlich der Fallzahl.

Von den übrigen mehrjährig geprüften A-Sorten erzielten alle Sorten Durchschnittswerte von 351 bis 296 sec. und lagen damit in einem guten und problemlosen Bereich. Die beiden neuen A-Sorten LG Charakter und der Hybridsorte Hyvega erzielten Werte von knapp 270 sec., die grundsätzlich als unkritisch anzusehen sind. Allerdings weisen die Werte an einzelnen Standorten mit 200 sec. oder noch darunter zumindest darauf hin, dass es bei ungünstigeren Witterungsverläufen während der Ernte zu Problemen kommen könnte. Die vom Bundessortenamt (BSA) ausgewiesene hohe Fallzahlstabilität von LG Charakter konnte in diesem Jahr dahingehend noch nicht unter Beweis gestellt werden, da eine verzögerte Ernte an keinem Standort erfolgte.

Im B-Segment lieferte die spät abreifende Sorte SU Selke mit 392 sec. Werte, die ansonsten nur von den besten E-Sorten erreicht wurden. Faustus und Porthus sowie Informer und Benchmark konnten ebenfalls überzeugen. Verhältnismäßig schwache Werte hingegen zeigte LG Vertikal. Von den neuen B-Sorten erreichten Gentlemen und Chevignon die besten Ergebnisse. Im C-Bereich bestätigte KWS Keitum die bereits vom BSA beschriebene Schwäche in diesem Merkmal.

Sorten mit bekannten Problemen in der Fallzahl bzw. deren Stabilität sollten in kritischen Jahren, in denen vor und während der Erntephase wechselnde Witterungsbedingungen herrschen, vorrangig beerntet werden. Hinweise hierzu waren unter den diesjährigen Erntebedingungen nur eingeschränkt erkennbar.

Die Hektolitergewichte (hl) fielen in diesem Jahr mit durchschnittlich 79,1 kg höher als im Vorjahr aus, verfehlten jedoch die sehr guten Werte von über 80 kg aus dem Jahr 2018.

Alle geprüften Sorten erreichten im Mittel der 29 Versuche die geforderte Norm von 76 kg.

Sehr gute hl-Gewichte über 80 kg erzielten die drei E-Sorten Moschus, KWS Emerick und Ponticus sowie die A-Sorten Asory, RGT Reform, KWS Fontas, Euclide und die neuen Sorten Hyvega und LG Charakter; von den B-Sorten waren es Argument, Porthus, und die beiden neuen Sorten KWS Donovan und Gentleman. Relativ schwach fielen die Werte bei Rubisko, Benchmark, LG Vertikal, RGT Depot und Informer aus.

Die gute Kornausbildung spiegelt sich auch im TKG wider, das mit durchschnittlich 47,8 g gegenüber dem Vorjahr um 3,8 g höher ausfiel. Als mögliche Ursachen können hierfür die zum Teil geringeren Bestandesdichten und die insgesamt günstigen Bedingungen während der Kornfüllungsphase genannt werden. Dadurch kam es in diesem Jahr zu einer Verschiebung innerhalb der drei ertragsbildenden Faktoren Ähren je m², Kornzahl je Ähre und TKG zu Gunsten des TKG.

Die Rohproteingehalte (RP-Gehalte) fielen auch in diesem Jahr mit durchschnittlich 11,4 % schwach aus. Die Unterschiede zwischen den Qualitätsgruppen spiegeln sich in den Ergebnissen wider, wobei zu beachten ist, dass in den Landessortenversuchen auch die E-Sorten auf Basis der Bedarfswerte der A- und B-Sorten gedüngt wurden. Eine um 30 kg N/ha erhöhte Düngung hätte bei den E-Sorten zu einer spürbaren Verbesserung der Gehalte geführt, allerdings wären 14 % sicherlich nicht erreicht worden. Die drei E-Sorten verpassten mit Werten von 12,4 % (KWS Emerick) bis 13,2 % (Ponticus) die für den Export geforderten Mindestnormen deutlich. Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Werte jedoch um 0,4 % verbessert – bei den E-Sorten sogar um 0,9 %. Ursache hierfür könnten die günstigeren Witterungsbedingungen mit weniger extremen Hitzetagen zum Zeitpunkt der Nährstoffeinlagerung ins Korn sein. Beim Vergleich zwischen den Hochertragsstandorten auf den Lehmböden Südhannover und den ertragsschwächeren Sandstandorten (60 bis 80 dt/ha) zeigten sich deutliche Unterschiede. Wo der Stickstoff scheinbar nicht so effektiv in Ertrag umgesetzt werden konnte, lagen die RP-Gehalte um 1,7 % höher und damit auf einem Niveau von 12,9 %.

Die RP-Gehalte der A-Sorten erreichten Werte, die um 1,4 % unter denen der bereits beschriebenen E-Sorten liegen, während die B-Sorten mit 11,1 % nochmals um 0,4 % geringere Werte aufweisen. KWS Keitum als einzige C-Sorten erzielte lediglich 10,1 %.

Es gibt jedoch auch einzelne positive Ausnahmen, wie die beiden zweijährig geprüften Sorten Lemmy (A) und SU Selke (B) auch in diesem Jahr unter Beweis stellen, indem sie beide knapp das RP-Niveau der E-Sorte KWS Emerick (12,4 %) erreichten.

Neben Lemmy erzielten innerhalb der A-Sorten LG Charakter, SU Habanero sowie die nur auf den Marschstandorten geprüfte Sorte Rubisko die besten Werte, wobei LG Charakter gleichzeitig auch durch gute Ertragsleistungen überzeugen konnte. Im B-Bereich erlangten die neuen Sorten KWS Donovan und Gentleman nach SU Selke die höchsten RP-Gehalte. Chevignon und Complice lagen mit 11 % und 11,2 % im mittleren Bereich. Am schwächsten schnitten LG Vertikal und Benchmark ab sowie die C-Sorte KWS Keitum.

Ein Maß für die Proteinqualität ist der Sedimentationswert. Im Durchschnitt über die Sorten fällt der Sedimentationswert auf Basis der vorliegenden 10 Standortergebnisse mit einem Wert von 36 ml eher schwach aus. Da in die Mittelwertbildung auch der Wert der C-Sorte mit einfließt, ist eine genauere Betrachtung der unterschiedlichen Qualitätsgruppen erforderlich. Die E-Sorten erreichten mit durchschnittlich 50 ml einen mittleren Wert, der deutlich unter denen der Vorjahre liegt. Die höchsten Werte erzielte Moschus mit 53 ml, dicht gefolgt von Ponticus. KWS Emerick fiel mit 46 ml merklich zurück. Von den mehrjährig geprüften A-Sorten konnte Lemmy mit 49 ml wieder die Werte der E-Sorten erreichen. Aber auch RGT Reform, Kashmir, Asory, RGT Depot sowie die neue Sorte SU Habanero konnten überzeugen. Mit Ausnahme von Euclide und Hyvega lagen die übrigen A-Sorten auf einem mittleren Niveau.

Im Bereich der B-Sorten erreichte Argument mit 45 ml die Werte guter A-Sorten. Informer und SU Selke zeigten für diese Qualitätsgruppe ebenfalls hohe Werte. Unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielten hingegen Benchmark, LG Vertikal, Kamerad, Porthus und Faustus. Erwartungsgemäß fiel mit 21 ml der Sedimentationswert des C-Weizens KWS Keitum sehr schwach aus.

Ist ein Anbau von E-Weizensorten unter den aktuellen Rahmenbedingungen sinnvoll?

In den Landessortenversuchen wurden aktuell drei Sorten (Ponticus, Moschus, KWS Emerick) geprüft, von denen mit Durchschnittserträgen von 91 bis 92 rel. keine wirklich überzeugen konnte. KWS Emerick lieferte dabei noch die besten Ergebnisse, zeigte in den Qualitätseigenschaften, insbesondere im RP-Gehalt, allerdings die schwächsten Werte. Moschus und Ponticus erreichten hingegen überzeugende Qualitäten, wenngleich die geforderten RP-Gehalte auch deutlich verfehlt wurden. Auf den typischen hochertragreichen Lehmstandorten Südhannovers wird es künftig eher schwieriger werden, die am Export orientierten RP-Gehalte zu erfüllen. Hier wird der direkte Vertragsanbau mit der aufnehmenden Hand die sinnvollste Option sein; wobei aber im Vorhinein die Qualitätsvorgaben feststehen müssen und auch möglichst klare Preisaufschläge vereinbart werden sollten. Überlegungen, E-Sorten in sogenannten „roten Gebieten“ anzubauen, um durch den höheren Bedarfswert im Vergleich zum A/B-Weizen einen Teil der 20 prozentigen Reduktion des Düngebedarfs zu kompensieren, kann in Anbetracht der geringeren Ertragsleistungen der E-Sorten eigentlich nicht empfohlen werden.

Bewährte Sorten mit guten Qualitätseigenschaften in den einzelnen Qualitätsgruppen

Auf Basis der in den Tabellen dargestellten Qualitätsparameter Fallzahl, Sedi-Wert, Rohproteingehalt und Hektolitergewicht zeigen folgende Sorten gute Ergebnisse:

Die beiden E-Sorten Moschus und Ponticus heben sich insgesamt deutlich in der Summe der Merkmale positiv hervor, wenngleich die Ertragsleistungen eher schwach ausfielen. RGT Reform spielt im A-Bereich nach wie vor eine bedeutende Rolle und konnte ihre Qualität insgesamt wieder unter Beweis stellen. In gleicher Weise trifft dieses auch für Asory, Kashmir und KWS Fontas zu. Auch die beiden zweijährig geprüften Sorten Lemmy und RGT Depot überzeugten. Im Segment der B-Sorten erreichten die Sorten Informer, Argument, KWS Talent und SU Selke insgesamt gute Ergebnisse.

Detaillierte Untersuchungen zu den Backeigenschaften werden im Rahmen der Qualitätsuntersuchungen der AG Qualitätsweizen an ausgewählten Sorten vorgenommen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in der kommenden Ausgabe veröffentlicht und anlässlich der Qualitätsweizentagung am 09. September in Groß Bülten besonders vorgestellt.

Ausblick

Auch in bzw. nach der diesjährigen Ernte wurden vom Handel nur marginale Preisaufschläge für Qualitätsweizenpartien gezahlt. Hier müssten dringend entsprechende Impulse von Seiten der aufnehmenden Hand gegeben werden, um einen gezielten Anbau zu stärken. Die Erfüllung der vornehmlich am Export orientierten Grenzen im Bereich der Rohproteinwerte wird durch die neue Düngeverordnung zunehmend schwieriger. Vor allem auf den Hochertragsstandorten werden mit den nach Düngevorordnung zulässigen Bedarfswerten für Stickstoff die Ertragsleistungen relativ gering negativ beeinflusst; ein stärkerer Einfluss wird beim Rückgang der RP-Gehalte bemerkbar sein. Mit Sorten, die genetisch hohe Werte aufweisen, sind oftmals aber geringere Erträge zu generieren. Bei den derzeit nur geringfügigen Preisaufschlägen wird es ökonomisch nicht unbedingt sinnvoll sein hier auf Ertrag zu verzichten. Daher sind die Bemühungen zahlreicher Akteure, den RP-Gehalt nicht vornehmlich als Abrechnungsfaktor zu verwenden, weiter und stärker zu unterstützen.


Kontakt:
Carsten Rieckmann
Pflanzenbau; Leiter Sachgebiet Mähdruschfrüchte, Nutzungssysteme u. Qualitätserzeugung
Telefon: 0511 3665-4357
Telefax: 0511 3665-4508
E-Mail:


Stand: 03.09.2020