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Landessortenversuche 2020: Winterbraugerste

Braugerste wird in Niedersachsen in der Regel als typische Sommerfrucht angebaut.  Die  Frühsommertrockenheit der letzten Jahre veranlasst Landwirte zunehmend , die Aussaat in den Herbst vorzuverlegen und so die feuchteren Bedingungen des Winters zu nutzen. Die LWK Niedersachsen führt daher Versuche zum Winterbraugerstenanbau durch. Auch die Möglichkeit Sommergersten im Spätherbst anzubauen wird sowohl von der Praxis als auch von der LWK geprüft. Über die Ergebnisse sowie Chancen und Risiken informiert der folgende Artikel.

 

 

Aussaat von Braugerste im Herbst – steht der Braugerstenanbau vor einem Wandel?

Der Braugerstenanbau ist in diesem Jahr deutlich unter Druck geraten, weil der Bierabsatz „Corona“-bedingt deutlich einbrach und damit auch die Nachfrage nach Gerstenmalz zurückging. Dies wird entsprechend in den aktuellen Braugerstennotierungen beim Handel spürbar. Die sonst üblichen Preisaufschläge für Braugerstenpartien, die in der Regel ca. 2,- € über der Futtergerste lagen, sind derzeit nicht realisierbar und damit wird der Anbau tendenziell uninteressanter. Hinzu kommt, dass in den klassischen Braugerstenanbaugebieten Niedersachsens, nämlich auf den leichteren osthannoverschen Sandstandorten, die Beregnungsintensität bei Braugerste zunehmend zugunsten ökonomisch interessanterer Kulturen eingeschränkt wird.

Winterbraugerste als Alternative zum Sommerbraugerstenanbau

Die Braugerstenaussaat auf den Herbst vorzuverlegen, um auf diese Weise die hoffentlich während der Wintermonate aufgefüllten Bodenwasservorräte zu nutzen, wird seit ca. zwei Jahren stärker thematisiert – sowohl von den Landwirten, als auch von der aufnehmenden Hand, die auch ein hohes Interesse an sicheren Mengen und Qualitäten hat. Ergänzend dazu kommen Überlegungen, bereits empfohlene Sommergersten, speziell die Sorte Leandra, schon im Spätherbst auszusäen, um damit auch die vorher beschriebenen Vorteile zu nutzen.

Die Landwirtschaftskammer führt in Zusammenarbeit mit in Niedersachsen ansässigen Züchtungsunternehmen seit Längerem Winterbraugerstenversuche mit begrenzter Sortenauswahl an insgesamt vier Standorten durch, wovon 2020 drei auswertbar waren. Diese Versuche wurden mit zwei unterschiedlichen Düngungsniveaus gefahren; zum einen auf Basis der Bedarfswerte für Winter-Futtergerstensorten, zum anderen wurde die N-Düngung um ca. 40 bis 50 kg/ha reduziert, damit die geforderten niedrigen Rohproteingehalte von unter 11,5 % recht sicher eingehalten werden konnten. Die für die Braugerstennutzung reduzierte N-Düngung führte zu 3 dt/ha geringeren Erträgen bei einem Durchschnittsertrag von 56 dt/ha (Mittel der drei Standorte und zwei Düngungsstufen). Leider konnte der ertragsstärkste Standort (86 dt/ha) nicht mit in die Auswertung einbezogen werden. Die zusammengefassten Ergebnisse auf Basis der Braugerstendüngung werden nachfolgend vorgestellt.

In den Prüfungen 2020 wurden insgesamt drei Braugersten- und mit Quadriga eine Futtergerstensorte geprüft. Mit KWS Liga und KWS Somerset bildeten die derzeitigen Verrechnungssorten des Bundessortenamtes die Bezugsbasis. Im zweiten Prüfjahr stand die mehrzeilige Sorte KWS Faro, die bereits in den Wertprüfungs- aber auch in den letztjährigen Ergebnissen ertraglich überzeugen konnte.

Dies wiederholte sie in den diesjährigen Landessortenversuchen (siehe Tabelle) nicht. Aufgrund sehr schwacher Leistungen an einem der drei auswertbaren Versuchsstandorte erreichte sie lediglich ein leicht unterdurchschnittliches Ergebnis von rel. 97. Die erstmalig geprüfte zweizeilige Sorte KWS Somerset lieferte mit rel. 102 gegenüber KWS Liga die höheren Erträge. Die Futtergerstensorte Quadriga erzielte auch bei diesem reduzierten N-Angebot klar die höchsten Erträge.

Auch wenn die in Klammern dargestellten Durchschnittserträge über die Jahre nicht direkt mit den Durchschnittserträgen der langjährig geprüften Sorten KWS Liga und Quadriga vergleichbar sind, zeigt sich, dass KWS Somerset in jedem Fall für einen Probeanbau in Frage kommt, zumal sie im Rohproteingehalt mit 10,2 % noch etwas geringere Werte aufwies und vor allem bei der Sortierung oberhalb 2,8 mm mit 80 % die besten Leistungen erzielte.

Im Mittel der zwei Prüfjahre lieferte KWS Faro überdurchschnittliche Erträge und konnte auch bei den allgemeinen Qualitätseigenschaften überzeugen. Mit 66,6 kg im hl-Gewicht und 99,2 % beim Vollgerstenanteil erreichte die Sorte die besten Ergebnisse der vier Prüfsorten. Auch in der Sortierung oberhalb 2,8 mm lieferte sie gute Werte.

Winterbraugerstenanbau – durch Vorverträge absichern

Vorteile für die landwirtschaftliche Praxis bestehen bei Winterbraugerste gegenüber Sommerbraugerste in arbeitswirtschaftlicher Hinsicht (Aussaat ab Mitte September, früher Erntezeitpunkt) sowie im höheren Ertragspotential. Durch Ausnutzung der Winterfeuchtigkeit und damit Förderung der Jugendentwicklung der Pflanzen kann Frühsommertrockenheit besser verkraftet werden und der Beregnungseinsatz kann unter Umständen gegenüber dem Sommergerstenanbau reduziert werden. Letztlich sind meist höhere und stabilere Erträge möglich.

Ein Vertragsanbau für Winterbraugerste ist in jedem Falle anzuraten, um die Gewähr des Absatzes mit entsprechenden Preisaufschlägen – die in der Regel jedoch geringer als bei den Sommerbraugersten ausfallen - auch absichern zu können. Mit der aufnehmenden Hand, überwiegend also dem Landhandel, sollten vor Aussaat möglichst klare Vereinbarungen getroffen werden, welche Sorten in Betracht kommen und welche Abrechnungsmodalitäten vorab vereinbart werden können.

Derzeit werden in Niedersachsen als Winterbraugerste im Vertragsanbau vornehmlich KWS Liga und seit kurzem KWS Somerset angebaut; KWS Faro kommt im begrenzten Umfang hinzu. Die Sorten zeichnen sich durch recht gute Brauqualitäten aus; die zweizeiligen Sorten liegen im Ertrag jedoch ca. 10 bis 15 % unter den Winter-Futtergerstensorten. Um den Anbau wirtschaftlich zu gestalten, müssen also entsprechende Preisaufschläge realisierbar sein.

Die Sorten im Einzelnen:

KWS Liga (zz) ist eine bereits ältere, in der Verarbeitung akzeptierte Winterbraugerstensorte, die mehrjährig mittlere Kornerträge erreicht. In den Qualitätseigenschaften zeichnet sich die mittel reifende Sorte durch niedrige Rohproteingehalte, einen hohen Vollgerstenanteil und ein hohes Hektolitergewicht aus. KWS Liga hat eine insgesamt mittlere Strohstabilität. Zu beachten ist die höhere Anfälligkeit gegenüber Mehltau.

KWS Somerset (zz) bestätigte in den niedersächsischen Landessortenversuchen die vom Bundessortenamt (BSA) beschriebene höhere Ertragsleistung gegenüber KWS Liga. Mit guten Einstufungen hinsichtlich Ährenknicken und keinen ausgewiesenen Schwächen bezüglich Krankheiten hat KWS Somerset bei geringen Rohproteingehalten, sehr hohen Vollgerstenanteilen und mittleren bis hohem Hektolitergewicht gute Qualitätseigenschaften. Hervorzuheben sind die 2020 erzielten hohen Werte in der Sortierung oberhalb 2,8 mm.

KWS Faro ist derzeit die einzige mehrzeilige Wintergerste, die die Braugerstenprüfung beim BSA erfolgreich abgeschlossen hat. Trotz der in diesem Jahr etwas schwächeren Erträge ist sie mehrjährig gesehen unter ökonomischen Gesichtspunkten eine mögliche Alternative zu den zweizeiligen Winterbraugerstensorten. Hinsichtlich Akzeptanz bei den Mälzereien ist insbesondere bei dieser Sorte ein Vertragsanbau anzuraten.

Ist der Anbau von Sommerbraugerstenanbau im Spätherbst eine Alternative?

Im vergangenen Herbst wurde in Niedersachsen in der Praxis, aber auch in ersten Versuchen der LWK getestet, ob der Anbau von Sommergerste bereits mit Aussaat vor Winter sinnvoll ist. Diese Anbaumöglichkeit wurde bereits im Jahr zuvor speziell für die Sommergerstensorte Leandra von Züchter- und Vertriebsseite ins Spiel gebracht. Die Überlegung hierzu war die bereits erwähnte mögliche Einsparung von Beregnungskapazitäten. Der Vorteil gegenüber der Winterbraugerste liegt u. a. darin begründet, dass Sommergerstenpartien vom Handel in der Regel besser bezahlt werden. Gegenüber dem normalen Winterbraugerstenanbau ist allerdings das Risiko problematischer Aussaatbedingungen im Herbst sowie die Gefahr der Auswinterung gegeben. Diese Aspekte muss jeder Landwirt für sich abwägen.

Erkenntnisse aus dem ersten Anbaujahr

Das Probieren neuer Anbaumöglichkeiten stieß in der Praxis für den diesjährigen Anbau bereits auf recht gute Resonanz, sodass etliche langjährige Sommerbraugerstenanbauer die Herbstaussaat auch auf eigenen Flächen getestet haben. Dank des quasi nicht vorhandenen Winters gab es keine Auswinterungsschäden. Teilweise zeigte die Sorte Leandra im direkten Vergleich zu normalen Wintergersten jedoch stärkere Empfindlichkeiten bei den Spätfrösten im Frühjahr; hier speziell auch auf dem Versuchsstandort Hamerstorf (LK UE). Vor allem in der Praxis, wo eine frühe N-Düngung die Bestände in ihrer Frühjahrsentwicklung voranbrachten, waren die Landwirte durchweg mit dem Ernteergebnis zufrieden. Zur Qualität kamen von Seiten des Handels ebenso positive Rückmeldungen.

In einem direkten Vergleich von spät gesäten Wintergerstensorten und der mit ca. 2/3 (etwa 200 Kö./m²) der Ende Oktober erforderlichen Aussaatstärke für Wintergersten erreichte Leandra an einem Versuchsstandort höhere Erträge als die mitgeprüften Wintergerstensorten, obwohl sie als kleinrahmige Sorte zwischen den längeren Wintergersten tendenziell eher benachteiligt war (siehe Bilder; links die am 25.10.2019 zusammen mit Wintergerstensorten ausgesäte Sommergerste Leandra Ende März 2020 und rechts Ende Juni 2020).

    

                                                               

Dieses erste Ergebnis ist in jedem Fall Grund genug, die Versuchsaktivitäten auch in diesem Herbst weiterzuführen. Am Standort Hamerstorf, wo der übliche Winterbraugerstenversuch, der Spätsaatversuch sowie das klassische Sommerbraugerstensortiment angelegt werden, war der Spätsaatversuch 2020 leider nicht auswertbar. Dennoch erreichte Leandra dort mit einer Beregnungsgabe weniger etwa gleichhohe Erträge wie im normalen Sommergerstenversuch. Hier hoffen wir auf aussagekräftigere Ergebnisse im kommenden Jahr. 

Zusammenfassung

Die ersten erfolgversprechenden Ergebnisse der späten Aussaat von Sommerbraugerste im Herbst sowie die verschärften Reglementierungen für Beregnungsmengen könnten zu Änderungen im Anbauverhalten bei Braugerste führen. Die Möglichkeit, sie bereits im Herbst oder Spätherbst auszusäen, scheint nach den positiven Erfahrungen in diesem Jahr künftig in der Praxis stärker Einzug zu finden. Allerdings muss jeder Landwirt das Auswinterungsrisiko für Sommergerste in Herbstaussaat speziell unter seinen betrieblichen Bedingungen berücksichtigen. Sicherer ist hier der Anbau von Winterbraugerstensorten.


Kontakt:
Carsten Rieckmann
Pflanzenbau; Leiter Sachgebiet Mähdruschfrüchte, Nutzungssysteme u. Qualitätserzeugung
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Stand: 15.09.2020