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Getreidebeizung – Früher Schutz lohnt sich

Flugbrand (Ustilago spp.), Steinbrand (Tilletia spp.), Streifenkrankheit (Drechslera graminae) und weitere samen- und bodenbürtige pilzliche Schaderreger beeinflussen den Pflanzenaufgang negativ und können lückige Bestände, Mindererträge, aber auch Qualitätseinbußen und Vermarktungsprobleme hervorrufen. Diese Erreger können schon bei der Aussaat durch eine Saatgutbeizung effektiv, gezielt und dabei umweltschonend mit geringen Wirkstoffmengen bekämpft werden. Die Beizausstattung sollte mit entsprechender Wirkungsbreite auf die Anbausituation abgestimmt werden.

Aktuelle Beizmittel- Empfehlungen für den Herbst 2021

In den Tabellen 1 und 2 sind die aktuell zugelassenen Beizmittel mit ihren Eigenschaften und Anwendungsgebieten aufgeführt.

Die Tabellen finden Sie am Ende des Artikels als PDF-Dateien.

In den letzten Jahren wurden neben den altbewährten Wirkstoffen auch Wirkstoffe aus der Gruppe der Strobilurine und Carboxamide zusätzlich in die Beizmittel integriert, um deren Leistungsfähigkeit abzusichern. Diese Wirkstoffe besitzen eine breite und andauernde und systemische Wirksamkeit, sind aber auch hoch resistenzgefährdet. Derzeit zugelassene Carboxamidbeizen sind Vibrance trio und Rubin plus. Vibrance Trio und Rubin plus verfügen über ein sehr breites Wirkungsspektrum und sind in allen Getreidearten zugelassen.

Neu eingeführt in den Markt wurde die Beize Difend extra, die als einzige Beize neben Landor CT über eine Zwergsteinbrandwirkung verfügt. Ebenfalls neu am Markt steht mit Signal 300 ES auch wieder eine Insektizidbeize gegen Brachfliege – zur Befallsminderung - und Drahtwurm zur Verfügung. Hierzu liegen uns jedoch keine Versuchserfahrungen vor.

 

Beizung in den einzelnen Kulturen

Wintergerste

Seit 2019 erreichen uns immer wieder Meldungen zum Flugbrandbefall. Mögliche Gründe dafür könnten ungebeizte befallene Partien im Ökolandbau, ungetesteter Nachbau ohne Beizschutz sowie schlechte Beizqualität sein. Aber auch trockene Witterung zur Aussaat könnte einen Einfluss auf die Wirkungsgrade der eingesetzten Beizmittel haben. Gersten-Flugbrand (Foto 1) sollte ebenso wie die Streifenkrankheit von einer Wintergerstenbeize sicher erfasst werden.

Zardex G wird nicht mehr produziert. Restmengen können 2021 noch aufgebraucht werden. Für Gerste stehen die Universalbeizen EfA, Landor CT, Rubin plus, Rubin TT, Orius Universal und Vibrance Trio zur Verfügung, die alle gegen Flugbrand und Streifenkrankheit zugelassen sind. Mit Vibrance trio sowie Rubin plus kann auch die Typhulafäule bekämpft werden. Der Schwächeparasit Typhula stellt häufig ein Problem auf leichteren Böden, Grenzstandorten und Tonböden dar.

Beizmittel für Roggen und Triticale

In diesen Kulturen sollte auf eine sichere Wirkung gegen Fusarien und Schneeschimmel (Microdochium nivale) geachtet werden. Des Weiteren sind Septoria nodorum in Triticale sowie Stängelbrand in Roggen von Bedeutung. Eine gute Wirkung haben die Präparate Landor CT, Rubin TT, Arena C, Celest und Orius Universal. Difend extra hat auch eine Zulassung in Triticale gegen Zwergsteinbrand.

Winterweizen

In Winterweizen liegt der Fokus auf Steinbrand, aber auch Weizenflugbrand und Fusarienarten müssen berücksichtigt werden. Bei späteren Saatterminen ist außerdem der Schneeschimmel von Bedeutung. Symptome von Schneeschimmel sind in diesem Jahr im Weizen wieder häufiger aufgetreten (Foto 2).

Beizen mit entsprechendem Wirkungsspektrum sind EfA, Landor CT, Rubin TT, Orius Universal, Arena C sowie Vibrance Trio. Diese decken das Erregerspektrum vollständig ab.

Beim Celest fehlt die Wirkung gegen Flugbrand; es sollte daher nur im Konsumgetreide und nicht im Rahmen der Saatgutvermehrung eingesetzt werden.

Steinbrand

Der Weizensteinbrand Tilletia caries tritt in den letzten Jahren wieder häufiger auf, insbesondere dort, wo mehrjährig eigenes ungebeiztes Saatgut verwendet wird. Das trifft besonders im Ökolandbau zu. Nicht erkannter Befall im Nachbausaatgut kann über die Jahre zu einem erheblichem Krankheitsausmaß führen. Befallene Partien ziehen Vermarktungsprobleme nach sich und müssen auch in der Fütterung aufgrund der Toxine kritisch beurteilt werden.

Anstelle von Körnern werden in den Ähren „Brandbutten“ ausgebildet, die eine schwarze Masse aus 4-5 Millionen Brandsporen enthalten und intensiv nach Fisch riechen. Erkrankte Pflanzen fallen im Bestand kaum auf. Sie sind aber häufig im Wuchs etwas verkürzt, von graugrüner Farbe und haben gespreizte Spelzen (Foto 3: Weizensteinbrand). Die Brandbutten werden bei der Ernte zerschlagen und enorme Sporenmengen kontaminieren Erntemaschinen, Stroh, Lager und Hofstellen sowie Ackerflächen. Wenn der Bestand stark befallen ist, können nach der Ernte überdauernde Sporen in den Folgejahren zu bodenbürtiger Infektion führen. Hauptsächlich erfolgt die Infektion jedoch über das Saatgut. Eine Saatgutuntersuchung auf Sporenbesatz ist insbesondere bei Nachbau unbedingt anzuraten.

Der Zwergsteinbrand (Tilletia controversa) kann vorwiegend in kühl-feuchten Höhenlagen auftreten. Die Infektion findet im Gegensatz zu T. caries hauptsächlich über den Boden statt. Die jungen Pflanzen werden früh von den an der Bodenoberfläche keimenden Sporen befallen. Die Einkürzung der Halme fällt stärker aus als bei T. caries. Eine sichere Unterscheidung zwischen den beiden Arten ist allerdings nur anhand der Sporenform unter dem Mikroskop möglich.

Alle im Weizen zugelassenen Beizmittel verfügen über hohe Steinbrandwirkungsgrade gegen T. caries. Der Zwergsteinbrand T. controversa, kann ausschließlich mit Landor CT und mit Difend extra bekämpft werden.

Schwarze Füße im Getreide – was bringt eine Wurzelschutzbeizung?

2021 konnten ab der Milchreife in vielen Weizenbeständen nesterweises Auftreten vollständig weißer Ähren, verursacht durch den Erreger der Schwarzbeinigkeit Gaeumannomyces graminis, beobachtet werden. Der bodenbürtige Pilz befällt Wurzeln und Halmbasis und ist durch Schwarzfärbung dieser Pflanzenteile erkennbar (Foto 4). Bei schwerem Befall kann das ganze Wurzelsystem zerstört werden. Eine direkte Bekämpfung der Schwarzbeinigkeit ist nur mit der Spezialbeize Latitude möglich, die bisher nur für Weizen und Triticale zugelassen war. Mittlerweile gibt es mit Latitude XL auch eine Zulassung für Gerste. Grundsätzlich sind jedoch nur Teilwirkungen zu erwarten. Latitude muss in Kombination mit Standardbeizen eingesetz werden, da es nur gegen Schwarzbeinigkeit wirkt. Als Mischpartner sollten Beizen mit Steinbrand- und Schneeschimmelwirkung sowie in Vermehrungsbetrieben auch mit Flugbrandwirkung gewählt werden. Die Zusatzkosten der Latitude-Beizung sind mit knapp 30 € /dt Saatgut erheblich. Ein Einsatz lohnt sich daher nur für Schläge, auf denen eine entsprechende Ertragsminderung durch starken Befall der Wurzeln mit Schwarzbeinigkeit zu erwarten ist. Risikofaktoren sind hohe Getreideanteile in der Fruchtfolge, Frühsaat, Bodentemperaturen > 10° C, leichte Böden, pfluglose Bodenbearbeitung, schlechte Strohrotte sowie Befall in den Vorjahren. Bei normaler Wasser- und Nährstoffversorgung kann eine Getreidepflanze bis zu 30 Prozent Wurzelverluste ohne dramatische Ertragseinbußen ausgleichen. Bei extremen Witterungsbedingungen ist dagegen jede intakte Wurzel nötig, um die Pflanzen zu versorgen. Das gilt besonders für Standorte mit begrenzter Wasserkapazität.

In Wurzelschutzversuchen der LWK Niedersachsen wurden im Weizen Mehrerträge zwischen 2 und 5 % gegenüber einer Standardbeize erreicht.

 

Amtliche Gerätekontrolle von Beizgeräten und verschärfte Auflagen für viele Beizmittel – Ende der Hofbeizung in Sicht

Seit 2021 müssen alle Beizgeräte zum ersten Mal amtlich kontrolliert sein.

Um die Beizqualität sicherzustellen und den Staubabrieb zu vermindern, wurden für einige Getreidebeizen die Anwendungsbestimmungen NT 699-x und NT 715- x bzw. 716 eingeführt. Hiervon betroffen sind derzeit die carboxamidhaltigen Beizen Rubin plus (NT 699-5 und 715-9) sowie Vibrance trio (NT 699-5- und NT 716) sowie die neue Insektizidbeize Signal 300 ES (NT 699-1). Die Anbeizung darf nur in professionellen Saatgutbehandlungseinrichtungen mit Qualitätssicherungssystem zur Staubminderung in Verbindung mit einem geeigneten Beizverfahren erfolgen. So soll sichergestellt werden, daß eine bestimmte Wirkstoffmenge im Staubabrieb nicht überschritten wird. Eine Listung als professionelle Beizanlage kann entweder durch eine Zertifizierung nach Seed Guard oder direkt über eine Prüfung des JKI erreicht werden. Da ein großer Teil des Getreidesaatgutes in Betrieben gebeizt wird, die noch nicht beim JKI gelistet sind, hat das BVL die Auflagen NT 699-x, NT 715x und 716 für 2021 ausgesetzt. Den Beizbetrieben soll damit die Gelegenheit gegeben werden, sich entsprechend aufzustellen. Die genannten Auflagen sind dann erst ab 2022 zu erfüllen. Langfristig werden weitere fungizide Beizmittel im Getreide die Zertifizierungs-und Staubabriebauflagen erhalten. Das Ende der Hofbeizung im Betonmischer dürfte damit besiegelt sein.

Nicht bei Wind drillen

Die sogenannte Windauflage NH 681 (gebeiztes Saatgut darf nur bei Windgeschwindigkeiten < 5m/sec ausgebracht werden) gilt derzeit bei den Getreidebeizen für die Wurzelschutzbeize Latitude XL und die Insektizidbeize Signal 300 ES. Sie ist ebenfalls für 2021 ausgesetzt und erst ab 2022 einzuhalten. Die Einhaltung wird dennoch vom BVL empfohlen. 

 

             

 

 

 


Kontakt:
Petra Henze
Sachgebiet 3.7.4 Mykologie
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Stand: 25.08.2021