Webcode: 01039596

Auswahl der Herbstherbizide im Getreide

Windhalm und Ackerfuchsschwanz sind bundesweit die bedeutsamsten Ungräser. Eine standortspezifische Trennung ist mittlerweile kaum noch möglich, da Ackerfuchsschwanz durch den überbetrieblichen Maschineneinsatz auch auf leichteren Windhalmstandorten auftritt und nicht mehr auf Marschen oder schwere Tonböden begrenzt ist.

 

Die Abb. 1 zeigt die Häufigkeit an Unkrautarten, die in Herbizidversuchen auf Getreideflächen in Niedersachsen vorkommen. Ausgewertet wurden 244 Herbizidversuche der Jahre 2018-2020. In der Auswertung wurden nur Versuche erfasst, bei denen ein Unkrautdeckungsgrad der einzelnen Unkrautarten von > 5 % in den Kontrollen vorlag. Es wurden insgesamt 39 Unkrautarten in den Versuchen erfasst. Besonders häufig treten in Niedersachsen Ackerfuchsschwanz (ALOMY), Ackerstiefmütterchen (VIOAR), Windhalm (APESV), Echte Kamille (MATCH), Vogelmiere (STEME), Klettenlabkraut (GALAP), Ackervergißmeinnicht (MYOAR), Klatschmohn (PAPRH), Hundskerbel (ANRCA) und Kornblume (CENCY) auf.

Welche Änderungen sind zu erwarten?

In der Zukunft sind neue Einschränkungen in Richtung Wirkstoffbegrenzungen und Wirkstoffverbote zu befürchten, daher sollten in diesem Herbst dringend Erfahrungen mit ackerbaulich flankierenden Maßnahmen zur Unkrautbekämpfung gemacht werden!

Mit der Ende Juni vom Bundesrat verabschiedeten Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung (Drucksache 305/21) sind ab der Veröffentlichung (voraussichtlich bis zum Herbst 2021) Einschränkungen für den Glyphosateinsatz auf Ackerland und Grünland in Wasserschutzgebieten und Naturschutzgebieten, sowie auf Grünland und Forst in FFH Gebieten (nach Fauna-Flora-Habitatrichtlinie vom 21. Mai 1992, 92/43/EWG) verbunden. Die Anwendung von Glyphosat als Spätanwendung vor der Ernte sowie die Anwendung in Wasserschutzgebieten, Heilquellenschutzgebieten und Kern- und Pflegezonen von Biosphärenreservaten ist nicht mehr zulässig. Maßnahmen zur Saatbettvorbereitung auf diesen Flächen sind nur noch möglich, wenn es keine alternativen Möglichkeiten gibt, wie zum Beispiel bei schwer zu bekämpfenden Unkräutern oder auf erosionsgefährdeten Flächen und das auch nur solange wie eine Wirkstoffgenehmigung innerhalb der EU besteht. Eine flächige Behandlung von Grünland ist auch nur noch zulässig, wenn aufgrund von starker Verunkrautung eine wirtschaftliche Nutzung des Grünlandes sonst nicht möglich wäre oder zur Bekämpfung von Unkräutern, die für Weidetiere schädlich sein können. Weiterhin wird Glyphosat im Haus- und Kleingartenbereich sowie auf Flächen die für die Allgemeinheit bestimmt sind verboten. Entgegen dem Erneuerungsgutachten zu Glyphosat („Renewal Assessment Report on glyphosat“, 15.06.21) von den durch die EFSA beauftragten Länder Frankreich, Ungarn, Niederlande und Schweden, die grundsätzlich von einer „positiven Bewertung“ für Glyphosat zur Wiedergenehmigung auf EU-Ebene berichteten, ist nach dem Genehmigungsende (voraussichtlich Dezember 2022) ein bundesweites Anwendungsende für Glyphosat zum 31.12.2023 zu erwarten.

Zur Umsetzung des Aktionsprogramms Insektenschutz wird durch die erwartete Pflanzenschutzanwendungsverordnung weiterhin ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln innerhalb eines Abstandes von zehn Metern zu Gewässern, gemessen ab der Böschungsoberkante, erwartet. Ausgenommen sind kleine Gewässer von wasserwirtschaftlich untergeordneter Bedeutung. Der Mindestabstand beträgt fünf Meter, wenn eine geschlossene, ganzjährig begrünte Pflanzendecke vorhanden ist.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat die Anwendungsbestimmungen NG 356 (incl. NG 356-1 und -3) mit sofortiger Wirkung für Herbizide mit dem Wirkstoff Flufenacet aufgehoben, nachdem das Verwaltungsgericht Braunschweig diese Anwendungsbestimmungen als rechtswidrig erklärt hat. Diese Anwendungsbestimmungen beschrieben eine geplante Wirkstoffbegrenzung pro Hektar auf derselben Fläche auf 250 g (bzw. 90 g) Flufenacet in 3 Jahren (auch „Flufenacet-Konto“ genannt). Für alle flufenacethaltigen Herbizide muss aus Gründen der Wirksamkeit und Verträglichkeit auf eine optimale Einarbeitung von Ernteresten, eine gut eingestellte Saattiefe (ca. 2–3 cm), eine ausreichende Bodenfeuchte sowie ein feinkrümeliges Saatbett geachtet werden. Die Palette der flufenacethaltigen Herbizide wird in dieser Saison mit neuen Kombinationen erweitert.

Pontos kombiniert die Wirkstoffe Flufenacet (240 g/l) und Picolinafen (100 g/l) als Suspensions-Konzentrat (SC). Eine Zulassung besteht in den Wintergetreidearten (Winterweizen, Winterroggen, Triticale, Emmer und Einkorn). Der Wirkstoff Picolinafen ist bereits aus dem Herbizid Picona bekannt. Der Wirkstoff ist etwas blattaktiver als Diflufenican und hat leichte Wirkungsvorteile gegen Klettenlabkraut, Storchschnabel, Mohn und Kamille. Eine Anwendung ist ab Vorauflauf bis Ende der Bestockung (BBCH 29) mit 0,5 l/ha gegen Windhalm und Rispe oder nur im Vorauflauf mit 1,0 l/ha gegen Ackerfuchsschwanz oder Weidelgras möglich. Kreuzblütler, Stiefmütterchen, Taubnessel, Ehrenpreis (Efeubl. und Persischer), Kamille und Klettenlabkraut werden im Herbst sicher erfasst. Mit der Aufwandmenge von 1,0 l/ha ist Pontos im Zeitraum 1.11-15.03. durch die Drainauflage beschwert. Quirinus kombiniert ebenfalls Flufenacet und Picolinafen, allerdings letzteres nur mit 50 g/l und etwas eigeschränkter Breitenwirkung im Vergleich zu Pontos. Die zugelassene Aufwandmenge beträgt 1,0 l/ha und die Einsatzbedingungen entsprechen denen von Pontos. In der gemeinsamen Ausbringung von Pontos und Quirinus in je halber Aufwandmenge als Quirinus Forte Set kommen Flufenacet mit 240 g/ha und Picolinafen mit 75 g/ha zum Einsatz. Für Pontos und Quirinus beträgt der Abstand zu Oberflächengewässern 5 m (NW 607-1), vorausgesetzt 90 % abdriftmindernde Technik kommt zum Einsatz.

Weiterhin ist das neuen Mateno Forte Set zu nennen, welches Cadou SC mit Mateno Duo kombiniert. Mateno Duo enthält die Wirkstoffe Diflufenican (100 g/l) und Aclonifen (500 g/l). Die Aufwandmengen sind 0,25-0,5 l/ha Cadou SC + 0,35-0,7 l/ha Mateno Duo und es kann ab dem Vorauflauf bis zum Entwicklungsstadium BBCH 13 in Winterweichweizen, Wintergerste, Winterroggen und Triticale zum Einsatz kommen. Gegen Ackerfuchsschwanz richten sich die höheren Aufwandmengen und gegen Windhalm sind die halben Aufwandmengen vorgesehen. Ein hohes Wirkungsspektrum wird bei dikotylen Unkräutern gegen Ackerstiefmütterchen, Ausfallraps, Ehrenreis-Arten, Hirtentäschel, Klatschmohn, Taubnessel und Vogelmiere beschrieben. Gegen Kamille-Arten, Klettenlabkraut und Kornblume wird ein guter Wirkungsgrad nur bis in den Auflauf erreicht. Zu Nicht-Landwirtschaftlichen Flächen ist ein Abstand von 5 m einzuhalten (NT 109). Bis zu einer Aufwandmenge von 0,35 l/ha Mateno Duo beträgt der beträgt der Abstand zu Oberflächengewässern 5 m (NW 607-1), darüber hinaus sind 10 m einzuhalten, vorausgesetzt 90 % abdriftminderne Technik kommt zum Einsatz.

Agolin Forte (0,24 l/ha Cadou SC + 1,5 l/ha Agolin) gegen Windhalm, Einjährige Rispe und Unkräuter und das Cadou Pro Pack (0,5 l/ha Cadou SC + 1,5 l/ha Agolin) gegen Ackerfuchsschwanz und Unkräuter sind zwei neue Packs für die Herbstbehandlung im Getreide. Beide Packs beinhalten die Wirkstoffe Flufenacet, Diflufenican und Pendimethalin. Pendimethalin und Diflufenican werden in beiden Packs mit derselben Wirkstoffmenge je Hektar ausgebracht. Der Wirkstoff Flufenacet wird entsprechend der Gräserbehandlung mit 120 g/ha gegen Windhalm oder 250 g/ha gegen Ackerfuchsschwanz eingesetzt. Somit steht für die Herbizidbehandlung in Winterweizen, Wintergerste, Winterroggen und  Wintertriticale eine neue Wirkstoffkombination zur Verfügung, die eine breite dikotyle Wirkung ermöglicht, ohne im Herbst Sulfonylharnstoffe einsetzen zu müssen. Die dikotyle Wirkung umfasst Ackerstiefmütterchen, Ausfallraps, Kamillearten, Efeublättrigen und Persischen Ehrenpreis, Hirtentäschel, Klatschmohn, Klettenlabkraut, Taubnessel und Vogelmiere.

Carpatus SC ist ein weiteres neues bodenwirksames und sulfonylharnstofffreies Herbizid für den Vor- und Nachauflauf in Wintergetreidearten. Die Wirkstoffe Flufenacet (HRAC‑Gruppe K3) und Diflufenican (HRAC‑Gruppe F1) besitzen eine mehrwöchige Wirkung und erfassen so auch später keimende Unkräuter (Acker-Hellerkraut, Ackerhohlzahn, Ackersenf, Ackerspörgel, Ackerstiefmütterchen, Acker-Vergissmeinnicht, Ausfallraps (bis Keimblatt), Ehrenpreis-Arten, Frauenmantel, Gemeiner Erdrauch, Hederich, Hirtentäschelkraut, Kamille-Arten (bis Keimblatt), Klatsch-Mohn, Kletten-Labkraut, Knöterich-Arten, Kreuzkraut, Melde-Arten, Rainkohl, Saatwucherblume, Storchschnabel-Arten, Taubnessel-Arten, Vogelmiere) und Ungräser (Ackerfuchsschwanz, Windhalm, Einjährige Rispe) gut. Carpatus CS ist zur Anwendung gegen Gemeinen Windhalm und einjährige zweikeimblättrige Unkräuter im Vorauflauf mit 0,3-0,4 l/ha in Winterweichweizen, Winterroggen, Wintergerste und Wintertriticale zugelassen. Bei der Aufwandmenge von 0,3 l/ha beträgt der Abstand zu den Gewässern 5 m für 90 % Abdriftvermeidung und 15 m bei 75 % Abdriftvermeidung. Weiterhin ist Carpatus SC gegen Ackerfuchsschwanz, Gemeinen Windhalm, einjährige zweikeimblättrige Unkräuter im Vorauflauf mit 0,4-0,6 l/ha in Winterweichweizen, Winterroggen, Wintergerste, Wintertriticale zugelassen. Hier beträgt der NW-Abstand 15 m bei 90 % Abdriftvermeidung. Im Nachauflauf kann Carpatus SC gegen Gemeinen Windhalm, Einjähriges Rispengras, Kletten-Labkraut, Vogelmiere und Echte Kamille mit 0,6 l/ha in Winterweichweizen, Wintergerste, Winterroggen, Wintertriticale und Dinkel eingesetzt werden. Hier beträgt der NW-Abstand ebenfalls 15 m bei 90 % Abdriftvermeidung. Broadcast und Naceto sind praktisch baugleich wie das Carpatus SC und sind daher in Wirkung, Zulassung und Anwendung dem Carpatus SC gleichgestellt.

Battle Delta ist ein bodenwirksames Herbizid und enthält die Wirkstoffe Diflufenican (200 g/l) und Flufenacet (400 g/l) als Suspensionskonzentrat. Battle Delta wird im Stadium BBCH 00 bis 24 mit einer Aufwandmenge von 0,4-0,6 l/ha in Winterweichweizen, Wintergerste, Winterroggen und Triticale eingesetzt.

Saracen Delta kombiniert als Suspensionskonzentrat (SC) die Wirkstoffe Diflufenican (DFF) mit 500 g/l und Florasulam mit 50 g/l. Saracen Delta ist daher boden- und blattaktiv und erfasst Kamille, Klettenlabkraut, Kornblume, Ausfallraps sowie Klatschmohn und ist mit allen Gräserherbiziden mischbar. Unter den zugelassenen DFF-Herbiziden ist Saracen Delta das einzige Herbizid mit einem Mindestabstand (länderspezifisch) zu Gewässern, welcher in Niedersachsen 1,0 m beträgt. In diesem Herbst wird das neue Saracen Delta solo und in Kombination mit Franzi (Flufenacet 480 g/l) als Saracen-Delta-Pack angeboten. Diese Kombination rundet auch die Wirkung gegen Schadgräser ab.

Herold-SC-Boxer-Pack kombiniert die Wirkstoffe Prosulfocarb, Flufenacet und Diflufenican. Die größte Wirkung wird bei einem möglichst frühen Einsatzstadium (BBCH 00–10) erreicht.

Jura ist ein Herbizid zur Bekämpfung von Windhalm, Einjähriger Rispe und Unkräutern in Winterweichweizen, Wintergerste, Winterroggen, und Wintertriticale. Jura ist damit das einzige prosulfucarbhaltige Herbizid in Wintertriticale. Das Produkt setzt sich aus den beiden sich ergänzenden Wirkstoffen Prosulfocarb und Diflufenican zusammen. Die Wirkung von Jura erfolgt über die Wurzel, das Hypokotyl und das Blatt und bietet dadurch eine Flexibilität in der Anwendung. Gut erfasst werden Einjähriges Rispengras, Gemeiner Windhalm, Vogelmiere (incl. ALS-resistent), Persischer Ehrenpreis, Ackerstiefmütterchen, Echte Kamille (incl. ALS-Resistent), Ausfallraps (incl. Clearfieldraps), Ackerhellerkraut, Gemeines Kreuzkraut, Weißer Gänsefuß, Melde und Hirtentäschelkraut. Gegenüber Mohn und Kornblume sind nur Teilwirkungen festzustellen.

Vulcanus enthält 600 g/l Flufenacet und kann in Winterweichweizen, Wintergerste, Winterroggen und Wintertriticale in BBCH 00-13 mit 0,4 l/ha gegen Ackerfuchsschwanz und mit 0,2 l/ha gegen Gemeinen Windhalm und Einjähriges Rispengras eingesetzt werden.

Sunfire enthält 500 g/l Flufenacet und kann in Winterweichweizen, Winterhartweizen, Wintergerste, Wintertriticale und Winterroggen mit 0,24-0,36 l/ha (=120-180 g Flufenacet/ha) gegen Windhalm und einjähriges Rispengras und mit 0,48 l/ha (=240 g Flufenacet/ha) gegen Ackerfuchsschwanz im Herbst ab dem Vorauflauf bis BBCH 23 eingesetzt werden. Sunfire wird auch im Pack mit Viper Compact angeboten.

Bakata ist eine Unterzulassung von Cadou SC und daher in Zusammensetzung, Zulassung und Anwendung mit Cadou SC vergleichbar.

Cleanshot enthält neben dem blattaktiven Florasulam (40 g/kg, Triazolpyrimidin, ALS-Hemmer, HRAC-Gruppe B) den Bodenwirkstoff Isoxaben (610 g/kg Benzamide, Zellulose-Synthese-Hemmer, HRAC Gruppe L). Isoxaben sorgt für eine nachhaltige Wirkung gegen Ausfallraps, inklusive Clearfield-tolerante Sorten und ALS-resistente Unkräuter (Kamille, Klatschmohn, Kornblume und Vogelmiere). Die Formulierung erfolgte als wasserlösliches Granulat (WG). Cleanshot ist in Winterweizen, Wintergerste, Winterroggen und Triticale zur Anwendung im Nachauflauf Herbst (BBCH 10 – 13) mit einer Aufwandmenge von 95 g/ha zugelassen. Seitens der BSL wird in diesem Jahr auch ein Cleanshot-Sunfire-Pack angeboten.

Sumimax enthält den Wirkstoff Flumioxazin (500 g/kg, PPO-Hemmer, HRAC-Gruppe E). Es handelt sich um den einzigen „Brenner im Herbsteinsatz“ (einziger Vertreter der Wirkstoffgruppe „E“), der Ungräser und Unkräuter zum Zeitpunkt des Durchstoßens bekämpft und dadurch ein wichtigen Resistenzbaustein bildet. Neben der direkten Gräserwirkung, vornehmlich auf Windhalm und Einjährige Rispe, lassen sich besonders gut Kamille, Ehrenpreis und Vogelmiere bekämpfen. Hervorzuheben ist auch die gute Wirkung auf Erdrauch. Sumimax ist im Winterweizen zur Anwendung in BBCH 00-14 mit 60 g/ha zugelassen, hat keine Nachbaubeschränkung und nur einen länderspezifischen Abstand zu Gewässern. Besonders die Kombination von Sumimax plus Boxer, Sunfire oder Herold SC ist aus Sicht des Resistenzmanagements wertvoll.

Für Herbizide mit dem Wirkstoff Prosulfocarb und Pendimethalin sind besondere Anwendungsbestimmungen zu beachten. Die NT 145 bestimmt, dass mindestens mit 300 l/ha Wasser und nur mit abdriftreduzierender Technik (90 %) appliziert werden darf. Bei der Anwendung darf zusätzlich eine Windgeschwindigkeit von 3 m/s nicht überschritten werden (NT 170). Diese Anwendungsbestimmungen gehen somit über die üblichen Forderungen der „Guten fachlichen Praxis“ hinaus und sind unbedingt auf der ganzen Fläche einzuhalten. Bei Nichtbeachtung drohen empfindliche Bußgeldsanktionen.

Neben Oberflächengewässern, ausgenommen nur gelegentlich wasserführender und einschließlich periodisch wasserführender Oberflächengewässer, ist die Verwendung von abdriftreduzierender Technik für den Einsatz zahlreicher Herbizide durch die Anwendungsbestimmungen NW 607 und NW 607-1 gefordert. Dies betrifft Activus SC, Addition, Agolin, Alliance (nur im Frühjahr), Battle Delta, Boxer, Broadcast, Carpatus SC, Diflanil 500 SC, Filon, Herold SC, Jura, Lyskamm, Malibu, Mertil, Picona, Sempra, Stomp Aqua, Trinity, Viper Compact und weitere zugelassene Herbizide, die momentan nicht vertrieben werden. Welche verlustmindernde Technik einzusetzen ist, wird durch die NT 145 (90 %) nur für die pendimethalin- und prosulfocarbhaltigen Herbizide vorgeschrieben.

In den norddeutschen Regionen wird zunehmend mehr Ackerfuchsschwanz als Windhalm gefunden. Dieses Phänomen wird

besonders in diesem Sommer beobachtet. In weiten Regionen in Nord- und Mitteldeutschland waren so viel Ackerfuchsschwanz zu sehen wie noch nie. 

Ackerfuchsschwanzbesatzstärken nehmen besonders in den Jahren zu, in denen eine Herbstbehandlung mit Bodenherbiziden keine ausreichenden Wirkungsgrade erreichte, zum Beispiel weil der Wirkstoff Flufenacet unterdosiert zum Einsatz kam oder die Einsatzbedingungen ungünstig waren. Eine Frühjahrsbehandlung mit einem ALS-Hemmer alleine kann diese heranwachsenden Ungrasbestände nicht ausreichend bewältigen.

Die Herbstbehandlungen mit Bodenherbiziden gegen Windhalm und Ackerfuchsschwanz sind wirkungssicherer als Frühjahrsbehandlungen. Frühjahrsbehandlungen alleine, insbesondere mit Sulfonylharnstoffen, sind aufgrund der Resistenzentwicklung nicht mehr ausreichend wirkungssicher.

Der Wirkstoff Flufenacet ist mittlerweile in mehreren Herbiziden enthalten. Neben Cadou SC,welches zusammen mit Boxer als Boxer-Cadou-SC-Pack erhältlich ist, ist der Wirkstoff auch solo in Fence, Franzi, Vulcanus und Sunfire verfügbar und mit anderen Herbiziden mischbar. Die Zulassung von Cadou SC, Vulcanus und Sunfire umfasst neben Winterweizen und Wintergerste auch Winterroggen und Triticale. Die Wirkungssicherheit der Bodenwirkstoffe nimmt zu, je besser die Bodenfeuchtigkeit ausgenutzt werden kann. Die Anwendung sollte daher so früh wie möglich (z.B. BBCH 0-11) erfolgen, möglichst vor Auflauf bis spätestens, wenn die Fahrgassen zu „erahnen“ sind. Auch sollten immer Wirkstoffkombinationen, zum Beispiel mit Diflufenican und/oder Pendimethalin, genutzt werden.  Herold SC und Battle Delta sollten mit einer Aufwandmenge von 0,4 l/ha, Carpatus SC und Broadcoast mit 0,3 l/ha und Malibu mit 2,5 l/ha gegen Windhalm verwendet werden. In der Praxis fallen die Wirkungsgrade bei reduzierten Aufwandmengen ab und Kamille und Kornblume könnten teilweise nicht mehr ausreichend bekämpft werden.

Bei einem hohen Humusgehalt könnte es möglicherweise zu verminderten Bodenwirkungen kommen. Auf humosen Standorten bewirkt der Zusatz von Boxer bzw. Filon mit 1,5-2,0 l/ha eine bessere Wirkungssicherheit von Herold SC oder Malibu. Hierdurch steigen allerdings auch die Verträglichkeitsprobleme, insbesondere wenn es nach der Anwendung zu stärkeren Niederschlagsereignissen kommt. Auch das neue Jura mit den Wirkstoffen Prosulfocarb und Diflufenican bietet sich in Kombination mit Sunfire zur Unterstützung der Gräserwirkung in Winterweizen, Wintergerste und Wintertriticale an. Stehen ALS-resistente dikotyle Unkräuter im Vordergrund, kann die Kombination von Jura und dem neuen Cleanshot helfen.

Alternative Kombinationen mit Carmina 640 (Chlortoluron 600 g/l und Diflufenican 40 g/l), Lentipur 700 (Chlortoluron 700 g/l), Trinity (Chlortoluron 250 g/l
Pendimethalin 300 g/l, Diflufenican 40 g/l) oder Sumimax (Flumioxazin 500 g/l) bekommen, unter dem Aspekt der Resistenzvermeidung durch den Wirkstoffwechsel bei der Windhalmbekämpfung über die Fruchtfolge, einen zunehmenden Stellenwert. Bei chlortoluronhaltigen Herbiziden sind CTU-Unverträglichkeiten in einzelnen Winterweizensorten zu beachten, wenn mehr als 900 g/ha Chlortoluron zum Einsatz kommt. Bei ausreichender Bodenfeuchtigkeit bleibt Chlortoluron wie auch Diflufenican über längere Zeit im Boden wirksam und erfasst auch Kornblumen und andere später keimende Unkräuter. Bei stärkerem Auftreten von Hundskerbel sollte eine Bekämpfung mit chlortoluronhaltigen Herbiziden, wie Carmina 640 oder Trinity, oder mit Zusatz von Zypar bereits im Herbst erfolgen. Bei dem Zusatz von Lentipur 700 und Carmina 640 ist die Drainageauflage zu beachten, für Trinity greift die Drainageauflage erst bei Anwendungen ab dem 1. November.

Bei der Windhalmbekämpfung in Winterroggen sind bei zu flacher Ablage (unter 2 cm) in der Vergangenheit Verträglichkeitsprobleme in Verbindung mit dem Einsatz von Flufenacet aufgetreten. Wenn eine verspätete Saat oder eine Behandlung nach dem 15.10. notwendig wird, sollte Flufenacet daher im zu flach abgelegten Roggen nicht mehr zum Einsatz kommen. Es bietet sich an, stattdessen Viper Compact 1,0 l/ha im frühen Nachauflauf zu verwenden. Alternativ wären auch Empfehlungen mit Filon bzw. Boxer 2,0 l/ha oder Carmina Complett 1,5 l/ha jeweils in Kombination mit Alliance bzw. Acupro 0,065 kg/ha möglich. Carmina 640 kombiniert die Wirkstoffe Chlortoluron (600 g/l) und Diflufenican (40 g/l). Bis zu einer Wirkstoffmenge von 900 g/ha Chlortoluron gibt es keine Verträglichkeitsprobleme im Weizen, hier sind alle Weizensorten freigegeben.

Leicht bekämpfbarer Ackerfuchsschwanz wird in Niedersachsen immer seltener angetroffen. Auf zahlreichen Ackerflächen hat sich die Resistenzentwicklung deutlich verschlimmert. Die geforderte Wirkung von mehr als 95 % gegen Ackerfuchsschwanz wird auf annähernd der Hälfte der untersuchten Standorte nicht mehr erreicht. Alleinige Frühjahrsmaßnahmen reichen keinesfalls mehr aus. Besonders die Wirkstoffgruppen der ACCase-Hemmer und der ALS-Hemmer sind in Niedersachsen mittlerweile sehr stark resistenzgefährdet. Mittlerweile weisen zahlreiche Standorte eine Resistenz gegenüber Atlantis WG bzw. Niantic (ALS-Hemmer) und gleichzeitig gegen Focus Ultra bzw. Select 240 EC als Vertreter der Gruppe der ACCase-Hemmer auf. Mangels Wirkung können demnach beide Wirkstoffgruppen auf den betroffenen Standorten nicht mehr empfohlen werden. Seit nunmehr fünf Jahren nehmen auch multiple Resistenzen, also Resistenzen gegenüber mehreren Wirkstoffgruppen, auf den typischen Standorten mit schwer bekämpfbarem Ackerfuchsschwanz zu. Die Erfahrungen der letzten Vegetationen zeigten, dass Vorlagen mit Bodenherbiziden im Herbst die Basis einer Herbizidempfehlung zur Ackerfuchsschwanzbekämpfung sind. Die Kombinationspräparate Herold SC oder Malibu sind bewährte Maßnahmen gegen Ackerfuchsschwanz, allerdings nur bei voller zugelassener Aufwandmenge. Reduktionen der Aufwandmengen sind unbedingt zu vermeiden und erhöhen nur unnötig die Resistenzgefährdung. Diese Empfehlungen sollten daher in Weizen oder Roggen durch den Zusatz von Boxer mit 3,0 l/ha (z.B. Boxer-Cadou-Pack) abgesichert werden, wenn die Wirkung in der Vergangenheit nicht mehr ausreichte.

Je mehr Schadgräser auf einer Fläche verbleiben, umso mehr erhöht sich die Gefahr, dass sich resistente Pflanzen bilden und vermehren können. Diese Erkenntnis gilt gleichermaßen für Ackerfuchsschwanz und Windhalm. Hohe Wirkungsgrade der Bodenherbizide sind nur dann möglich, wenn sie zu optimalen Bedingungen eingesetzt werden. Bei geringen Niederschlägen und weitgehend trockenen Bedingungen ist es mit reinen Bodenherbiziden schwer, ausreichende Wirkungsgrade zu erreichen. Allerdings sind Aufhellungen durch den Zusatz von Boxer kaum zu vermeiden. Auch sind die weiteren Hinweise zum Einsatz von Boxer wie bei der Windhalmbekämpfung zu beachten. Nachbehandlungen mit einem ALS-Hemmer benötigen mindestens 14 Tage Restvegetation und sollten im Zweifelsfall ins zeitige Frühjahr verschoben werden, da die Wirkungsgrade dann meist etwas höher sind.

Bei schwer bekämpfbarem Ackerfuchsschwanz sind mittlerweile in einer Vegetation deutlich mehr Maßnahmen notwendig als noch vor wenigen Jahren. Besonders bei sehr frühen Saatterminen, extensiver Bodenbearbeitung und dem künftigen Wegfall von Glyphosat kann es zu einer nicht ausreichenden Bodenherbizidwirkung (z.B. bei Trockenheit etc.) der Flufenacet-Vorlage kommen. Hier wäre eine Nachbehandlung mit Trinity 2,0 l/ha bzw. in aktuellen Versuchen sehr erfolgreich auch Trinity 2,0 l/ha + Jura 3,0 l/ha ab BBCH 10 möglich. Alternativ bietet sich im Spätherbst (auch bei erstem Frost) zur Nachbehandlung Traxos 1,2 l/ha oder SWORD 0,25 l/ha an, wenn noch keine Herbizidresistenzen gegen die Wirkstoffgruppe der ACCase-Hemmer vorliegen. Die Entscheidung ob Traxos bzw. SWORD nachgelegt werden muss, kann allerdings bis in das Dreiblattstadium bzw. bis zu Beginn der Vegetationsruhe hinausgezögert werden. In Wintergerste ist bei Bedarf eine Nachlage mit Axial 50 im Herbst mit 0,9 l/ha und im Frühjahr mit 1,2 l/ha möglich.

Bekämpfungsmöglichkeiten gegen Trespen und Weidelgräser

Trespen haben in der Saison 2021 enorm zugenommen und sind besonders auf Standorten mit mehrjährigem Pflugverzicht anzutreffen. Eine erfolgreiche Trespenbekämpfung beginnt bereits im Herbst und ist nur in den Kulturen Winterweizen und Triticale möglich. Wenn gleichzeitig Ackerfuchsschwanz auf der Fläche anzutreffen ist, wäre vorrangig das Bodenherbizid im Herbst einzusetzen. Mehrjährige Versuchsergebnisse zeigen, dass im Frühjahr häufig eine gezielte Nachbehandlung notwendig wird. Hier bietet sich eine Splittinganwendung von Atlantis flex oder Broadway plus BNM, Avoxa oder von Attribut plus Netzmittel und AHL an. Eine Splittinganwendung teilt die volle Aufwandmenge der möglichen Empfehlungen auf zwei kurz aufeinander folgende Termine auf, wobei die zulässige Aufwandmenge nicht überschritten werden darf. Der Nachbau von Raps oder Kreuzblütlern im Herbst ist nach Anwendungen von Attribut auf der gleichen Fläche nicht möglich.

Bei den Weidelgräsern sind das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne) und das Welsche Weidelgras (Lolium multiflorum) zu unterscheiden. Deutsches Weidelgras wird in der Regel durch die Anwendung von Traxos, Axial Komplett und Axial 50 sowie von Atlantis OD, Atlantis flex, Niantic, Husar OD oder Broadway, jeweils mit Additiv und in voller Aufwandmenge, bekämpft. Das Welsche Weidelgras ist meistens nicht so leicht zu bekämpfen. Bei beiden Weidelgrasarten sind in Deutschland erste Resistenzerscheinungen gegenüber ACCase-Hemmern, ALS-Hemmern und vereinzelt auch Flufenacet zu beobachten.

Was kann pflanzenbaulich unterstützend helfen?

Besonders eine nur wenige Tage verzögerte Aussaat kann das Auflaufverhalten von Ackerfuchsschwanz, Windhalm, aber auch von Trespe und Weidelgräsern bereits deutlich reduzieren, da durch diese Verzögerung das Keimverhalten negativ beeinflusst wird. Oft kann eine veränderte Fruchtfolge auch mehr Zeit zur Bodenbearbeitung bringen.

Weiterhin ermöglicht moderne Saattechnik mit minimaler Bodenbewegung einen reduzierten Neuauflauf von Ackerfuchsschwanz nach der Saat. Ein einheitliches, feinkrümeliges Saatbett bewirkt neben einem gleichmäßigen Getreidebestand ein rasches Auflaufen der Ungräser. Das Anwalzen der Saat unterstützt diesen Effekt und verbessert auch die Wirkung der nachfolgend eingesetzten Bodenherbizide.

Auch der Effekt nach dem Einsatz eines Striegels ist nicht zu unterschätzen. Die Abb. 5 zeigt, dass der Striegel im Herbst und Frühjahr bei optimalen Einsatzbedingungen den Herbizideinsatz, auch gegen Ackerfuchsschwanz, effektiv unterstützen kann. Ein Zusatznutzen des Striegels von 5 % kann im entscheidenden Moment bei der Resistenzentwicklung das „Zünglein an der Waage“ sein.

Nach dem enormen Ungrasdruck zur Ernte 2021 besteht die Gefahr, dass auch im kommenden Frühjahr mehr Ackerfuchsschwanz aber auch Weidelgras, Trespen und Windhalm zu finden sind. Daher wird zum Frühjahr eine gewissenhafte Kontrolle des Ungrasbesatzes notwendig!

Jede unbemerkte Pflanze bildet 4-10 Ähren, also bis zu 2000 Ackerfuchsschwanzsamen pro Pflanze. Bei nur 10 Pflanzen pro qm entwickeln sich somit 20.000 Samen pro qm bzw. 200 Mio. Samen pro ha. Ein enormes Samenpotential, dem nun entschieden begegnet werden muss, sonst bleibt das Problem über Jahre bestehen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass ein ALS-resistenter Biotyp dabei ist. Die rechnerische Wahrscheinlichkeit liegt bei ca. 1:1 Mio. Unter der Annahme, dass alle Samen keimen könnten, würden pro ha ca. 200 Ackerfuchsschwänze heranwachsen die entweder gegen Flufenacet oder Mesosulfuron resistent sind. Bei einer sicheren Unkrautbekämpfung mit intensiver Bodenbearbeitung und sicherer Unkrautleistung der Herbizide könnte das Problem vielleicht gelöst sein. Liegen die Wirkungsgrade der Bodenherbizide im Herbst witterungsbedingt nur bei 60-80 %, erscheint die Entwicklung von resistenten Unkrautpopulationen eher wie eine tickende Zeitbombe auf dem Acker.

Zusammenfassung:

  • Den zunehmenden Witterungsextremen, wie zu nasse Bedingungen im Herbst und Frühjahr oder der späteren Trockenheit im Frühsommer, kann bereits im Vorfeld begegnet werden, indem pflanzenbauliche Maßnahmen zur Unkrautbekämpfung genutzt werden und ein Herbizideinsatz im Herbst, möglichst mit einem flufenacethaltigen Bodenherbizid, eingeplant wird.
  • Die Vorauflauf- bis frühe Nachauflaufbehandlung hat gegenüber einer Frühjahrsbehandlung von Ackerfuchsschwanz und Windhalm deutliche Vorteile in der Bekämpfungssicherheit bei Ungräsern.
  • In der Praxis fallen die Wirkungsgrade von Herbiziden mit reduzierten Aufwandmengen so deutlich ab, so dass Teilmengen eines Herbizids aus Resistenzvermeidungsgründen im Herbst 2021 nicht mehr geeignet erscheinen!

 

 


Kontakt:
Dr. Dirk M. Wolber
Sachgebietsleiter Herbologie
Telefon: 0511 40052169
Telefax: 0511 4005-2120
E-Mail:


Stand: 03.09.2021