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Futterknappheit: Wovon sollen die Rinder satt werden?

Nach zwei Dürrejahren sind die Futterreserven vielerorts knapp oder gar aufgebraucht. Während Ackergras im April allgemein noch gute Erträge brachte, bleibt abzuwarten, wie der 1. Schnitt ausfällt. Regen, den das Grünland und der Mais so dringend brauchen, ist derzeit noch nicht in Sicht. Grünroggen, sonst eher für die Biogasanlagen angebaut, wird jetzt auch als GPS zu Futterzwecken geerntet.  Als Vorfrucht zu Mais muss er die Fläche früh räumen und weist deshalb eher niedrige TM-Gehalte auf, bei kühler Witterung ist ein intensives Anwelken schwierig. Optimaler Erntezeitpunkt ist der Beginn des Ährenschiebens.

Hohe Verdaulichkeiten und Energiegehalte von bis zu 6,9 MJ NEL/kg TM wurden bei Grüngetreide (Wintergerste und Winterweizen) in Verdaulichkeitsversuchen ermittelt, die TM-Gehalte lagen bei 21-27 % und die Rohproteingehalte bei 12 -13 % der TM. Wer sein Getreide als klassische Getreide-GPS mit 35-45 % TM ernten möchte, sollte den genauen Erntezeitpunkt (etwa zwei bis drei Wochen vor dem Druschtermin) im Auge behalten, da das Erntezeitfenster knapp ist.

Pressschnitzel & Co

Wie können Rinderhalter auf Futterengpässe neben dem Zukauf von Grobfutter, Weidegang und Strohzufütterung sonst noch reagieren? Indem sie verstärkt nach anderen Futterkomponenten suchen. Aber Zukauf, sofern er überhaupt möglich ist, geht ins Geld. Und bei niedrigen Milch- und Rindfleischpreisen schmerzen diese nicht eingeplanten Ausgaben ganz besonders. Entscheidend für den Zukauf von Nebenprodukten ist vor allem ihre Verfügbarkeit. Inwieweit der Zukauf zur Ergänzung des Grobfutters noch möglich ist, muss regional geprüft werden, denn häufig werden diese Saftfutter nur begrenzt angeboten oder überwiegend an Stammkunden geliefert. Das gilt auch für Feuchtfutter wie z.B. Kartoffelpülpe, Apfel- oder Möhrentrester, die ab etwa August im Angebot sind.

Die Tabelle gibt die Energie- und Nährstoffgehalte von Futtermitteln an, die eventuell bei Futterengpässen eingesetzt werden können.

Energie und Nährstoffgehalte ausgewählter Futtermittel (g/kg Trockenmasse) 

 

TM

g

NEL

MJ

ME

MJ

Rohprotein

 g

nXP

g

Rohfaser

 g

Pressschnitzelsilage

250

7,4

11,9

111

157

208

Kartoffelpülpe

150

7,7

12,3

70

150

210

Biertrebersilage

240

6,9

11,5

245

184

190

Apfeltrestersilage

230

6,4

10,5

69

122

248

Kartoffeln

220

8,5

13,1

96

162

210

Pressschnitzelsilage

Pressschnitzel fallen als sehr schmackhaftes Nebenprodukt der Zuckergewinnung an. Die energiereichen Saftfutter weisen einen hohen Anteil der leicht verdaulichen Kohlenhydrate Pektin und Hemicellulose auf. Der Abbau dieser Kohlenhydrate im Pansen erfolgt langsamer und gleichmäßiger als der von Stärke und Zucker. Somit steht den Mikroben immer genügend Energie zur Bildung von Mikrobeneiweiß zur Verfügung. Pressschnitzel lassen sich gut silieren und sind auch für die Mischsilierung mit Gras oder Mais geeignet. Die entzuckerten, abgepressten Schnitzel werden mit Temperaturen von etwa 50 bis 55 ºC siliert. Bei ungefähr 1 ºC Abkühlung pro Tag kann die Silage nach sechs bis acht Wochen vollständig ausgekühlt sein und verfüttert werden. Als Energieträger mit negativer RNB eignet sich Pressschnitzelsilage gut zur Ergänzung eiweißreicher Futtermittel, wie z.B. Grassilage. Je Kuh und Tag können max. 5 kg TM (bzw. 20 % der Gesamt-TM) und in der Rindermast etwa 30 % der Gesamt-TM gefüttert werden Die geringe Strukturwirkung des Rohfaseranteils verlangt als Ausgleich aber strukturwirksames Futter.

Kartoffelpülpe

Kartoffelpülpe fällt bei der Stärkegewinnung an und zählt zu den energiereichen Saftfuttern. Pülpe enthält hochverdaulichen Zellwandbestandteile, fein vermahlene Schalen und einen unterschiedlich hohen Anteil an Stärke (etwa 38 % der TM). Diese ist für Wiederkäuer fast zu 100 % verdaulich und bestimmt in ihren Anteilen den Energiegehalt der Pülpe. Die Stärke wird im Pansen nur langsam abgebaut und liefert damit günstige Voraussetzungen für die mikrobielle Eiweißsynthese. Kartoffelpülpe ist für den Ausgleich von Eiweißüberschüssen geeignet und kann mit bis zu 3 kg TM pro Kuh und Tag eingesetzt werden. Da Pülpe wenig strukturwirksame Rohfaser enthält, ist auf eine ausreichende Strukturversorgung zu achten. Zudem muss eine Mineralstoffergänzung erfolgen, da Pülpe niedrige Gehalte an Ca, P, Na und Spurenelementen aufweist. Zwischen August bis Mitte Februar kann die Pülpe frisch von der Stärkefabrik bezogen werden. Sie muss dann schnell verfüttert werden, da sie im frischen Zustand leicht verdirbt. Deshalb bietet sich die Silierung an. Die auf 15 bis 18 % TM abgepresste Pülpe lässt sich gut silieren. Trotz des geringen Trockensubstanzgehaltes ist die Pülpe stichfest, so dass keine Probleme mit der Sickersaftbildung entstehen. Nach der Anlieferung muss sich die Pülpe erst zwei Tage „setzen“, bevor die Oberfläche glattgestrichen wird, um den Lufteintritt zu verhindern. Der Vorschub sollte im Winter 1m, im Sommer mindestens 2 m pro Woche betragen.

Auch in der Bullenmast kann Kartoffelpülpe eingesetzt werden. In Kombination mit Maissilage ist im Verlauf der Mast auf eine ausreichende Proteinversorgung zu achten. Gleichzeitig muss über die Rationsgestaltung zum Ende der Mast einer Energieüberversorgung vorgebeugt werden.

Biertreber

Biertreber ist ein Proteinfuttermittel mit einem hohen UDP-Gehalt, das gut silierbar ist. Frische Biertreber verderben wegen des hohen Wassergehaltes schnell und müssen deshalb konserviert werden. An Milchkühe können 2 bis 3 kg TM (abhängig von den Rationskomponenten), an Mastbullen etwa 1 bis 1,5 kg je 100 kg LM verfüttert werden.

Apfeltrester

Apfeltrester stammt aus der Apfelsaftherstellung und enthält Schalen, Kerngehäuse und Fruchtmark. Er ist protein- und strukturarm. Aufgrund des hohen Restzuckergehaltes ist er gut silierbar und zur Ergänzung grasbetonter Rationen geeignet. Die Einsatzmengen liegen bei bis zu 2 kg TM je Kuh und Tag.

Kartoffeln

Kartoffeln enthalten sehr viel Energie in Form von Stärke. Allerdings sind sie mit nur 22 % TM auch sehr wasserreich. Ihr Eiweiß-, Stärke- und Energiegehalt ähnelt dem von Körnermais. Kartoffeln zählen zu den Saftfuttern und können einen Teil des Kraftfutters ersetzen. Wegen ihres sehr geringen Rohfasergehaltes ist auf eine ausreichende Strukturversorgung in der Ration zu achten. Vorteilhaft ist, dass die Kartoffelstärke langsamer als die Getreidestärke im Pansen abgebaut wird. So kann mit einer Stärkebeständigkeit von 30 % kalkuliert werden. Kartoffeln sind auch für die Mischsilierung mit Gras oder Mais geeignet.

Allgemein werden für Milchkühe Höchstmengen von bis zu 10 kg Kartoffeln pro Tag nach ausreichender Gewöhnung empfohlen. An niedrigleistende und trockenstehende Kühe sollten nur geringe Mengen verfüttert werden, damit die gute Stärkeverwertung nicht zu Verfettungen führt. Je maisbetonter die Ration ist, desto weniger Kartoffeln können eingesetzt werden. An Mastbullen lassen sich in Kombination mit Maissilage bis zu etwa 10 kg Kartoffeln verfüttern, während in Grassilagerationen in der Praxis auch höhere Mengen in der Endmast eingesetzt werden.

Zwischenfrüchte

In futterknappen Zeiten wird auch wieder über die Nutzung von Zwischenfrüchten nachgedacht. Diese fanden in der Vergangenheit immer seltener den Weg in den Trog. Gerade nach der früh räumenden Gerste bietet sich der Anbau von Zwischenfrüchten an, sofern ausreichende Bodenfeuchte vorhanden ist. Sommerzwischenfrüchte werden nach der Hauptfutterernte allgemein im Juli/ August, z.T. noch Anfang September angebaut und im Herbst genutzt, Winterzwischenfrüchte werden im Folgejahr im April/Mai geerntet. Zwischenfrüchte können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden: Gräser (z.B. Einjähriges oder Welsches Weidelgras), kleinkörnige Leguminosen (Kleearten), großkörnige Leguminosen (z.B. Futtererbsen), Kreuzblütler (Raps, Stoppelrüben u.a.) und andere Arten (z.B. Grünroggen). Zwischenfrüchte sind sehr wasser- und proteinreich und besitzen folglich sehr wenig Struktur, der Sickersaftanfall ist dementsprechend hoch und kann je nach Futtermittel und Ertrag durchaus 10 bis > 25 m3/ha betragen. Deshalb wurden Zwischenfrüchte nur noch selten für die Futternutzung angebaut. Für eine möglichst problemlose Silierung eignen sich vor allem Weidelgräser und Grünroggen, denn diese lassen sich gut anwelken. Raps, Stoppelrüben, Markstammkohl oder Rübsen weisen hohe Futterwerte auf, eine Silierung im Herbst ist aber schwierig (häufig kein sicheres Anwelken möglich, schlecht vergärbare Futter, Verschmutzung), Wer dennoch wasserreiche Zwischenfrüchte wie Stoppelrüben oder Sommerraps anbauen möchte, sollte bei der Ernte im Herbst auf eine möglichst geringe Verschmutzung (Rohaschegehalt) achten. Diese wasserreichen Zwischenfrüchte eignen sich eher für die tägliche Frischverfütterung.

Stroh und Luzerneheu

Stroh wurde schon in den beiden vergangenen Trockenjahren verstärkt zugefüttert. Vorteilhaft sind die relativ günstige Beschaffung (eigene Ernte, Zukauf aus Ackerbauregionen) und die Möglichkeit der Außenlagerung. Demgegenüber stehen Nachteile wie der geringe Futterwert (3,5 MJ NEL/kg TM, schlechte Verdaulichkeit, hoher Lignin- und Rohfasergehalt) und die hohen Nährstoffkosten. Durch Häckseln und Melasseeinsatz wird allgemein ein etwas höherer Verzehr erreicht. Je höher der Strohanteil, desto wichtiger ist der Zusatz von Wasser, um selektives Fressen zu vermeiden. In futterknappen Zeiten sollte Stroh zunächst an ältere Jungrinder und Trockensteher in der ersten Trockenstehphase verfüttert werden, wobei Mengen von 4 bis 5 kg/Tag als Obergrenze anzusehen sind. Trockensteher können auch mit ausschließlich Stroh und Kraftfutter (4 bis 5 kg) versorgt werden. Im Milchviehbereich sollten nennenswerte Mengen von ca. 3 bis 4 kg nur bei Kühen mit niedrigen Leistungen eingesetzt werden. Werden die Rationen durch Stroh gestreckt, ist immer darauf zu achten, dass die Mineralstoff- und Vitaminversorgung durch die Gabe von Mineralfutter gesichert ist.

Luzerneheu hat eine gute Strukturwirkung und ist seit langem in der Rinderfütterung etabliert. Viele Betriebe beziehen getrocknetes Heu in Form von Quaderballen aus dem Handel. Beim Einsatz größerer Mengen ist die Preiswürdigkeit zu beachten.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die bedarfsgerechte Versorgung der Tiere auch in futterknappen Zeiten absoluten Vorrang hat. Betriebe sollten rechtzeitig ihre Futtervorräte planen. Ergibt sich aus den erfassten Futterbeständen und dem nötigen Bedarf für die jeweiligen Tiergruppen ein Fehlbedarf, muss der Futterzukauf genau kalkuliert werden, sofern nicht ein Bestandsabbau erfolgen soll. Denn letztendlich entscheiden die verfügbaren Mengen und die Preiswürdigkeit über den Einsatz der Zukauffuttermittel.


Kontakt:
Andrea Meyer (Geschäftsbereich Landwirtschaft, Fachbereich 3.5)
Fütterung von Rindern und Schweinen, Futterberatungsdienst e.V.
Telefon: 0511 3665-4479
Telefax: 0511 3665-4525
E-Mail:


Stand: 20.05.2020