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Gegenseitiges Besaugen bei Kälbern – eine Verhaltensstörung mit Folgen

In der Kälberaufzucht ist das gegenseitige Besaugen in der Gruppenhaltung eine häufig auftretende Verhaltensauffälligkeit. Die Kälber besaugen sich intensiv an der Euterregion, am Hodensack, am Nabel, am Maul, an den Ohren oder am Schwanz. Bei männlichen Fressern ist vereinzelt ein ausgiebiges Urintrinken beobachtbar. Bei Kälbern in der Mutterkuhhaltung tritt das gegenseitige Besaugen dagegen in der Regel nicht auf. 

…entwickelt sich in der weiteren Aufzucht zum massiven Bestandsproblem.
…entwickelt sich in der weiteren Aufzucht zum massiven Bestandsproblem.Dr. Georg Teepker
Was bei den jungen Kälbern noch als „niedliche Spielerei“ betrachtet wird, …
Was bei den jungen Kälbern noch als „niedliche Spielerei“ betrachtet wird, …Dr. Georg Teepker
Die „Sauger“ leiden dabei durch die Aufnahme von Haaren oder Urin an Verdauungsstörungen und Wachstumseinbußen. Bei den „Duldern“ treten Verletzungen und Infektionen auf. So können Zitzenverletzungen bereits aus dem Kälberstadium stammen und zum späteren Ausfall von einzelnen Eutervierteln bei Erstlaktierenden führen. Zudem erhöht das gegenseitige Besaugen die Wahrscheinlichkeit, dass betroffene Tiere später als Färsen und Jungkühe dieses Verhalten beibehalten.

Aus verschiedenen Studien sind Faktoren in Fütterung und Haltung bekannt, die die Häufigkeit und die Intensität des gegenseitigen Besaugens bei Kälbern beeinflussen können.

Das nutritive („milchabhängige“) Besaugen, das während bzw. innerhalb von 15 Minuten nach der Tränkung auftritt, wird vor allem mit dem (noch) nicht gestillten Hungergefühl erklärt. Wenn das Kalb satt ist, lässt der Saugtrieb mit zeitlicher Verzögerung nach. Mit einer längeren Trinkzeit (Nuckeleimer und höhere Milchmenge) reduziert sich das gegenseitige Besaugen bereits. So konnte in der paarweisen Aufzucht („Twinning“) von sehr jungen Kälbern das Fremdbesaugen durch ein intensives Tränkeregime deutlich vermindert bzw. ganz ausgeschaltet werden (Koch, 2020). Zusätzlich kann durch die Zugabe von Traubenzucker in die Milchtränke der Blutzuckerspiegel beim Kalb vorzeitig angehoben und das Sättigungsgefühl erreicht werden. 2 g Traubenzucker pro Liter Tränke sind dabei bereits ausreichend, um das Besaugen weitgehend zu eliminieren, wie eine Studie der FH Nürtingen belegt.

Die Ursachen für das nicht-nutritive Besaugen, also das Besaugen außerhalb der Tränkezeit, als Verhaltensstörung, sind dagegen wohl eher in der Haltungsumwelt der Kälber zu suchen. Neben einer monotonen Bucht ohne „Beschäftigung“ wirkt besonders ein Gruppenwechsel als negativer Stressfaktor für das Kalb und kann ursächlich für die Problematik „Besaugen“ sein.

Die möglichen Maßnahmen in Übersicht 1 stellen keine Patentrezepte zur Lösung des Besaugerproblems dar, dazu sind die Zusammenhänge zu komplex.

Übersicht 1: Maßnahmen, um das gegenseitige Besaugen in der Kälberaufzucht zu vermindern

Maßnahme Möglicher Effekt

Nuckeleimer einsetzen

Saugreflex befriedigen

Schwer gängige Nuckel

Tränkezeit verlängern, Sättigungsgefühl erreichen

Tränkemenge erhöhen
(am Tränkeautomat >1,5 l / Portion)

Tränkezeit verlängern, Sättigungsgefühl erreichen

Zugabe von Traubenzucker (2g/l)

Blutzuckergehalt anheben (Hungergefühl ausschalten)

Fixieren der Kälber (15 - 30 Minuten)

Besaugen nach der Tränke verhindern, Sättigungsgefühl erreichen

Möglichst homogene Gruppen bilden

Weniger Sozialstress

Tierindividuell abtränken

Ausreichend Kraftfutteraufnahme bei den leichteren Kälbern erreichen

Ausreichend Platz in eingestreuter Bucht, Offenfront oder Auslauf

Neugierde der Kälber nutzen

Saugattrappen, Heunetze oder Salzlecksteine aufhängen

Ablenken der Kälber, Spieltrieb der Kälber nutzen

Beobachten, „Sauger“ abtrennen

Nachahmung verhindern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Regel sollte das Problem bei den Kälbern mit zunehmendem Alter „herauswachsen“, doch das klappt nicht in allen Betrieben und nicht bei allen Kälbern. Einige Tiere nehmen diese Verhaltensstörung nach der Tränkephase mit in die weitere Aufzucht. Wenn man die „Sauger“ identifiziert hat, muss zu diesem Zeitpunkt unbedingt aktiv eingeschritten werden.

Im Färsenstall, aber auch bis hinein in die Kuhställe sieht man Tiere mit „Saugentwöhnern“ in ganz unterschiedlichen Ausführungen.  Diese speziellen Nasenringe mit teilweise martialisch wirkenden Stacheln sollen entweder das Besaugen unmöglich machen und/oder den „Dulder“ vertreiben. Doch auch das funktioniert nicht in jedem Fall. Landwirte berichten, wie geschickt sich die die Tiere anstellen, um die Wirkung der „Saugentwöhner“ zu umgehen.

„Sauger“ in der Färsengruppe und später bei den Kühen können sich dann zu einem echten wirtschaftlichen Bestandsproblem entwickeln. Viele „Dulder“ werden durch das Besaugen zu Dreistrichen und damit zu frühzeitigen Abgängen.

Fazit:
Das gegenseitige Besaugen muss bereits in der frühen Kälberaufzucht durch verschiedene Optimierungsmaßnahmen besonders in der Fütterung und Haltung eingedämmt werden. Die „Saugentwöhner“ im Rinderstall oder gar bei den Kühen können nur das letzte Mittel sein.

Von Praktikern für Praktiker:

Welche Beobachtungen machen Sie im Betrieb?

Welche Ursachen haben Sie festgestellt?

Welche Maßnahmen sind wirkungsvoll gegen das gegenseitige Besaugen? 

 

Schreiben Sie mir gern unter georg.teepker@lwk-niedersachsen.de

 

Kontakte

Dr. Georg Teepker

Dr. Georg Teepker

Leiter Fachgruppe Betrieb / Tier

0541 56008-134

0152 5478 2122

georg.teepker~lwk-niedersachsen.de

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