Wir bieten Lösungen - regional & praxisnah!

Gegenseitiges Besaugen bei Kälbern – eine Verhaltensstörung mit Folgen

Webcode: 01037959

In der Kälberaufzucht ist das gegenseitige Besaugen in der Gruppenhaltung eine häufig auftretende Verhaltensauffälligkeit. Die Kälber besaugen sich intensiv an der Euterregion, am Hodensack, am Nabel, am Maul, an den Ohren oder am Schwanz. Bei männlichen Fressern ist vereinzelt ein ausgiebiges Urintrinken beobachtbar. Bei Kälbern in der Mutterkuhhaltung tritt das gegenseitige Besaugen dagegen in der Regel nicht auf. 

…entwickelt sich in der weiteren Aufzucht zum massiven Bestandsproblem.
…entwickelt sich in der weiteren Aufzucht zum massiven Bestandsproblem.Dr. Georg Teepker
Was bei den jungen Kälbern noch als „niedliche Spielerei“ betrachtet wird, …
Was bei den jungen Kälbern noch als „niedliche Spielerei“ betrachtet wird, …Dr. Georg Teepker
Die „Sauger“ leiden dabei durch die Aufnahme von Haaren oder Urin an Verdauungsstörungen und Wachstumseinbußen. Bei den „Duldern“ treten Verletzungen und Infektionen auf. So können Zitzenverletzungen bereits aus dem Kälberstadium stammen und zum späteren Ausfall von einzelnen Eutervierteln bei Erstlaktierenden führen. Zudem erhöht das gegenseitige Besaugen die Wahrscheinlichkeit, dass betroffene Tiere später als Färsen und Jungkühe dieses Verhalten beibehalten.

Aus verschiedenen Studien sind Faktoren in Fütterung und Haltung bekannt, die die Häufigkeit und die Intensität des gegenseitigen Besaugens bei Kälbern beeinflussen können.

Das nutritive („milchabhängige“) Besaugen, das während bzw. innerhalb von 15 Minuten nach der Tränkung auftritt, wird vor allem mit dem (noch) nicht gestillten Hungergefühl erklärt. Wenn das Kalb satt ist, lässt der Saugtrieb mit zeitlicher Verzögerung nach. Mit einer längeren Trinkzeit (Nuckeleimer und höhere Milchmenge) reduziert sich das gegenseitige Besaugen bereits. So konnte in der paarweisen Aufzucht („Twinning“) von sehr jungen Kälbern das Fremdbesaugen durch ein intensives Tränkeregime deutlich vermindert bzw. ganz ausgeschaltet werden (Koch, 2020). Zusätzlich kann durch die Zugabe von Traubenzucker in die Milchtränke der Blutzuckerspiegel beim Kalb vorzeitig angehoben und das Sättigungsgefühl erreicht werden. 2 g Traubenzucker pro Liter Tränke sind dabei bereits ausreichend, um das Besaugen weitgehend zu eliminieren, wie eine Studie der FH Nürtingen belegt.

Die Ursachen für das nicht-nutritive Besaugen, also das Besaugen außerhalb der Tränkezeit, als Verhaltensstörung, sind dagegen wohl eher in der Haltungsumwelt der Kälber zu suchen. Neben einer monotonen Bucht ohne „Beschäftigung“ wirkt besonders ein Gruppenwechsel als negativer Stressfaktor für das Kalb und kann ursächlich für die Problematik „Besaugen“ sein.

Die möglichen Maßnahmen in Übersicht 1 stellen keine Patentrezepte zur Lösung des Besaugerproblems dar, dazu sind die Zusammenhänge zu komplex.

Übersicht 1: Maßnahmen, um das gegenseitige Besaugen in der Kälberaufzucht zu vermindern

Maßnahme Möglicher Effekt

Nuckeleimer einsetzen

Saugreflex befriedigen

Schwer gängige Nuckel

Tränkezeit verlängern, Sättigungsgefühl erreichen

Tränkemenge erhöhen
(am Tränkeautomat >1,5 l / Portion)

Tränkezeit verlängern, Sättigungsgefühl erreichen

Zugabe von Traubenzucker (2g/l)

Blutzuckergehalt anheben (Hungergefühl ausschalten)

Fixieren der Kälber (15 - 30 Minuten)

Besaugen nach der Tränke verhindern, Sättigungsgefühl erreichen

Möglichst homogene Gruppen bilden

Weniger Sozialstress

Tierindividuell abtränken

Ausreichend Kraftfutteraufnahme bei den leichteren Kälbern erreichen

Ausreichend Platz in eingestreuter Bucht, Offenfront oder Auslauf

Neugierde der Kälber nutzen

Saugattrappen, Heunetze oder Salzlecksteine aufhängen

Ablenken der Kälber, Spieltrieb der Kälber nutzen

Beobachten, „Sauger“ abtrennen

Nachahmung verhindern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Regel sollte das Problem bei den Kälbern mit zunehmendem Alter „herauswachsen“, doch das klappt nicht in allen Betrieben und nicht bei allen Kälbern. Einige Tiere nehmen diese Verhaltensstörung nach der Tränkephase mit in die weitere Aufzucht. Wenn man die „Sauger“ identifiziert hat, muss zu diesem Zeitpunkt unbedingt aktiv eingeschritten werden.

Im Färsenstall, aber auch bis hinein in die Kuhställe sieht man Tiere mit „Saugentwöhnern“ in ganz unterschiedlichen Ausführungen.  Diese speziellen Nasenringe mit teilweise martialisch wirkenden Stacheln sollen entweder das Besaugen unmöglich machen und/oder den „Dulder“ vertreiben. Doch auch das funktioniert nicht in jedem Fall. Landwirte berichten, wie geschickt sich die die Tiere anstellen, um die Wirkung der „Saugentwöhner“ zu umgehen.

„Sauger“ in der Färsengruppe und später bei den Kühen können sich dann zu einem echten wirtschaftlichen Bestandsproblem entwickeln. Viele „Dulder“ werden durch das Besaugen zu Dreistrichen und damit zu frühzeitigen Abgängen.

Fazit:
Das gegenseitige Besaugen muss bereits in der frühen Kälberaufzucht durch verschiedene Optimierungsmaßnahmen besonders in der Fütterung und Haltung eingedämmt werden. Die „Saugentwöhner“ im Rinderstall oder gar bei den Kühen können nur das letzte Mittel sein.

Von Praktikern für Praktiker:

Welche Beobachtungen machen Sie im Betrieb?

Welche Ursachen haben Sie festgestellt?

Welche Maßnahmen sind wirkungsvoll gegen das gegenseitige Besaugen? 

 

Schreiben Sie mir gern unter georg.teepker@lwk-niedersachsen.de

 

Kontakte

Dr. Georg Teepker

Dr. Georg Teepker

Leiter Fachgruppe Betrieb / Tier

0541 56008-134

0152 5478 2122

georg.teepker~lwk-niedersachsen.de

Mehr zum Thema

Seit 01.01. 2023 gilt das geänderte Tierarzneimittelgesetz (TAMG)!

Mit den Änderungen des Tierarzneimittelgesetzes (TAMG) gibt es seit dem 01.01.2023 zwei verschiedene Adressaten für die Mitteilungspflichten: den Tierhalter und den Tierarzt

Mehr lesen...
Dr. Caroline Esfandiary zum Geburtsmanagement und Erstversorgung von Kälbern

Erfolgreiche Vortragsveranstaltungen der Kälberinitiative Niedersachsen

Vier Vortragsveranstaltungen der Kälberinitiative Niedersachsen wurden im November und Dezember 2022 an verschiedenen Orten in Niedersachsen erfolgreich durchgeführt. Verschiedene Referenten berichteten zu Themen rund um die Kä…

Mehr lesen...
Verleihung des Staatsehrenpreises für besondere tierzüchterische Leistungen

Verleihung des niedersächsischen Staatsehrenpreises für hervorragende tierzüchterische Leistung an den Rinderzuchtbetrieb Schlütke in Handrup

Am 14. November 2022 wurde der Staatsehrenpreis an den Familienbetrieb Schlütke im Emsland übergeben. Der Betrieb kann auf eine lange Tradition im Bereich der Rinderzucht zurückblicken.

Mehr lesen...
Milchviehstall mit Anschiebe-roboter

Milcherzeugertagungen in Aurich-Middels und Ahlerstedt

Interessante Themen stehen erneut im Mittelpunkt der beiden traditionellen Milchviehtagungen, die die Landwirtschaftskammer Niedersachsen wieder zusammen mit verschiedenen Partnern organisiert. Diese werden am Mittwoch, 30. November 2022, im Hotel &…

Mehr lesen...
Staatsehrenpreis Albrecht, Golmbach 2022

Verleihung des Staatsehrenpreises für hervorragende tierzüchterische Leistungen an den Fleischrinderzuchtbetrieb Albrecht in Golmbach

Am 17. Oktober 2022 wurde der Staatsehrenpreis für hervorragende tierzüchterische Leistungen an den Fleischrinderzuchtbetrieb Albrecht in Golmbach verliehen. Die Freude bei der Familie Albrecht und deren Mitarbeitern über die Wü…

Mehr lesen...
Kälber müssen jetzt 28 Tage auf dem Betrieb gehalten werden, also doppelt so lange wie bisher. In der Folge hat das Aufstellen mobiler Kälberhütten und -iglus erheblich zugenommen.

Rechtssicherheit für Kälberiglus: Landwirtschaftskammer veröffentlicht Leitfaden

Neue Tierschutztransportverordnung verlangt längere Haltungsdauer von Kälbern in den Herkunftsbetrieben – Aufstellen von Kälberhütten stellt verfahrensfreie Baumaßnahme dar

Mehr lesen...

Veranstaltungen

Kälberinitiative Niedersachsen

Arbeitskreis Kälberaufzucht "KiNi" - Region Nord (Oldenburg, Ostfriesland, Wesermarsch, etc.) - Kälberinitiative Niedersachsen

31.01.2023 - 31.03.2023

Im Rahmen der "Kälberinitiative Niedersachsen. Vital. Von Anfang an" wird ein kostenloser Arbeitskreis für niedersächsische Kälberhalter (Milchviehhalter, Kälbermäster, Fresseraufzüchter, …

Mehr lesen...
Kälberinitiative Niedersachsen

Arbeitskreis Kälberaufzucht "KiNi" - Region West (Grafschaft Bentheim, Emsland, Leer, etc.) - Kälberinitiative Niedersachsen

31.01.2023 - 31.03.2023

Im Rahmen der "Kälberinitiative Niedersachsen. Vital. Von Anfang an" wird ein kostenloser Arbeitskreis für niedersächsische Kälberhalter (Milchviehhalter, Kälbermäster, Fresseraufzüchter, …

Mehr lesen...
Kälberinitiative Niedersachsen

Arbeitskreis Kälberaufzucht "KiNi" - Region Nord-Ost (Bremervörde, Uelzen, Nienburg, Verden, etc.) - Kälberinitiative Niedersachsen

31.01.2023 - 31.03.2023

Im Rahmen der "Kälberinitiative Niedersachsen. Vital. Von Anfang an" wird ein kostenloser Arbeitskreis für niedersächsische Kälberhalter (Milchviehhalter, Kälbermäster, Fresseraufzüchter, …

Mehr lesen...
Kälberinitiative Niedersachsen

Arbeitskreis Kälberaufzucht "KiNi" - Region Süd-Ost (Braunschweig, Hannover, Göttingen, etc.) - Kälberinitiative Niedersachsen

31.01.2023 - 31.03.2023

Im Rahmen der "Kälberinitiative Niedersachsen. Vital. Von Anfang an" wird ein kostenloser Arbeitskreis für niedersächsische Kälberhalter (Milchviehhalter, Kälbermäster, Fresseraufzüchter, …

Mehr lesen...
Kälberinitiative Niedersachsen

Arbeitskreis Kälberaufzucht "KiNi" - Süd-West (Osnabrück, Cloppenburg, Vechta, etc.) - Kälberinitiative Niedersachsen

02.02.2023 - 31.03.2023

Im Rahmen der "Kälberinitiative Niedersachsen. Vital. Von Anfang an" wird ein kostenloser Arbeitskreis für niedersächsische Kälberhalter (Milchviehhalter, Kälbermäster, Fresseraufzüchter, …

Mehr lesen...
Kühe

Alternative Medikamente: Einsatz von Pflanzen, Bakterien und Pilzen in der Rindermedizin

09.02.2023

Schnell und unkompliziert Naturheilmittel bei Milchkühen und Nachzucht einsetzen, ohne vorher die Grundlagen der Homöopathie zu studieren? Das geht! Viele Mittel auf dem Markt sind relativ einfach in der Anwendung und weisen dabei hä…

Mehr lesen...

Beratungsangebote & Leistungen

Teilnehmerinnen der Landfrauenlehrfahrt

Seminarkreis Milch-Landfrauen Emsland

Als engagierte Landfrau auf einem Milchviehbetrieb suchen Sie den fachlichen und persönlichen Austausch mit ihren Berufskolleginnen.

Mehr lesen...
Seminar Tierwohl

Milchvieh-Spezialberatung

Sie sind ein engagierter Milchviehhalter und wünschen eine fachliche und fundierte Unterstützung in der Beurteilung ihrer Produktionstechnik und/oder bei der Stallbauplanung.

Mehr lesen...
Am Futtertisch des LBZ

Arbeitsgruppe Rationsplaner

Für Sie ist die gezielte Fütterung der Grundstein des Erfolgs in der Milchviehhaltung, Jungviehaufzucht und Rindermast. Mit Hilfe eines Fütterungsprogramms (Ratíonsplaner) möchten Sie in der Lage sein, notwendige …

Mehr lesen...
Bullenmast

Beratung in der Rindermast

Sie beabsichtigen sich zu verschiedenen Themen in der Rindermast informieren. Sie möchten die Haltung in Bezug auf die Tiergerechtheit verbessern und planen möglicherweise eine Stallerweiterung oder einen Neubau.  Sie wollen …

Mehr lesen...
Bullenmast

Arbeitskreis Bullenmast

Sie möchten Ihre Leistungsergebnisse in der Bullenmast verbessern oder suchen eine Möglichkeit zum (über-)regionalen Informationsaustausch?

Mehr lesen...
Kälberaufzucht

Aufzucht von Kälbern und Jungrindern

Sie sind Rinderhalter und mit den Ergebnissen der Aufzucht ihrer Kälber und Jungrinder nicht zufrieden? Sie wollen sich über neue Fütterungs- und Haltungskonzepte informieren? Die Kälber- und Jungtierverluste in Ihrem Betrieb …

Mehr lesen...