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Fachforum der Landwirtschaftskammer Niedersachsen befasst sich mit unruhigen Zeiten für den Ökolandbau

Webcode: 01041171 Stand: 04.11.2022

Fachleute aus Wissenschaft und Praxis haben in Hannover die aktuelle Situation des Ökolandbaus beleuchtet.

Dr. Alexandra Wichura, Leiterin des LWK-Fachbereichs Ökologischer Landbau
Dr. Alexandra Wichura, Leiterin des LWK-Fachbereichs Ökologischer LandbauIsabel Bröker
Hannover – Die steigenden Preise, der Klimawandel und immer strengere gesetzliche Vorgaben stellen auch den Ökolandbau vor große Herausforderungen. Wie können Betriebe in Zukunft damit umgehen? Diese Frage stand am Donnerstag, 3. November 2022, im Mittelpunkt des 15. Niedersächsischen Fachforums Ökolandbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) in Hannover-Ahlem. Vorträge aus Praxis und Wissenschaft gaben dabei neue Impulse zu den Themen Nährstoffmanagement, Klimawandel und Marktgeschehen.

Ulf Jäckel, Leiter des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau im Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, befasst sich seit mehreren Jahren mit dem Einsatz von Transfermulch im Ackerbau. „Ökobetriebe ohne Vieh haben in der Regel keine Verwendung für geerntetes Kleegras, auf dessen Anbau sie aber aus verschiedenen Gründen angewiesen sind. Bringt man dieses Schnittgut als Transfermulch auf Ackerflächen aus, lassen sich damit positive Effekte erzielen“, erklärte Jäckel.

Ulf Jäckel, Leiter des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau im Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, befasst sich seit mehreren Jahren mit dem Einsatz von Transfermulch im Ackerbau.
Ulf Jäckel, Leiter des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau im Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, befasst sich seit mehreren Jahren mit dem Einsatz von Transfermulch im Ackerbau.Isabel Bröker
Diese positiven Effekten seien gemeinsam mit der Uni Kassel-Witzenhausen in einem Projekt des Bundesprogramms Ökologischer Landbau untersucht worden. Zu Mais, Kartoffeln und Winterweizen im Frühjahr ausgebracht, könne eine Düngung der Kulturen, der Schutz des Bodens vor Erosion und Austrocknung, eine Förderung der Pflanzengesundheit und eine zeitweise Unkrautunterdrückung erreicht werden. „Damit werden die Flächen widerstandsfähiger gegen Witterungextreme wie Trockenheit oder Starkniederschläge. Im Vergleich zum sonst in viehlosen Betrieben üblichen mehrmaligen Mulchen der Kleegrasflächen stellt das System somit eine sinnvolle Alternative dar“, erläuterte Jäckel.

An der gerätetechnischen Umsetzung müsse allerdings noch gearbeitet werden. Auch zu einigen Detailfragen, wie beispielsweise dem Stickstofftransfer, dem Einsatz in weiteren Kulturen, der Wirkung unterschiedlich zusammengesetzter Mulchmaterialen sowie der Kombination mit Untersaaten bestehe noch Forschungsbedarf, der aktuell im Kompetenzzentrum in Sachsen angegangen werde.  

Sönke Strampe führt einen Biobetrieb in der Lüneburger Heide. Neben ackerbaulichen Kulturen hat er sich auf den Anbau von Süßkartoffeln spezialisiert.
Sönke Strampe führt einen Biobetrieb in der Lüneburger Heide. Neben ackerbaulichen Kulturen hat er sich auf den Anbau von Süßkartoffeln spezialisiert.Isabel Bröker
Referent Sönke Strampe führt einen Biobetrieb in der Lüneburger Heide. Neben ackerbaulichen Kulturen hat er sich auf den Anbau von Süßkartoffeln spezialisiert. Kürzlich ist er mit dem CERES-Award als „Bester Biolandwirt“ ausgezeichnet worden. In seinem Vortrag befasste er sich mit dem Verfahren „Cut and Carry“. „Es ist sozusagen die Grundlage für ein nachhaltiges Düngemanagement in einem Ackerbaubetrieb“, erklärte Strampe, „externe organische Düngemittel wie HTK, Gülle, Champost usw. werden immer weniger und teurer. Dabei ist die Versorgung der Hauptkulturen gefährdet.“ Vor allem reine Bio-Ackerbaubetriebe seien davon betroffen. „Mit ,Cut and Carry‘ kann sich der Ackerbaubetrieb sozusagen seinen eigenen Dünger herstellen und hat ganz nebenbei eine Stickstoffanreicherung und Humusaufbau auf der Kleegrasfläche.“

Es sei nicht unbedingt die günstigste Düngemittelbeschaffung, aber ein Grundstein für mehr Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Futterleguminosen in einem Ackerbaubetrieb zu integrieren. „Ich mache es gerne, weil ich die Wertigkeit von einem Kleegras als Motor der Fruchtfolge erkannt habe und ich dadurch ein Stück näher gekommen bin zu einer Kreislaufwirtschaft in meinem Betrieb“, so Strampe.

Markus Mücke, Berater im LWK-Fachbereich Ökologischer Landbau, beschäftigt sich seit vielen Jahren in Versuchen mit der Lösung von Praxisproblemen und der Optimierung der mechanischen Unkrautregulierung.
Markus Mücke, Berater im LWK-Fachbereich Ökologischer Landbau, beschäftigt sich seit vielen Jahren in Versuchen mit der Lösung von Praxisproblemen und der Optimierung der mechanischen Unkrautregulierung.Isabel Bröker
Markus Mücke, Berater im LWK-Fachbereich Ökologischer Landbau, beschäftigt sich seit vielen Jahren in Versuchen mit der Lösung von Praxisproblemen und der Optimierung der mechanischen Unkrautregulierung. In einem vom Land Niedersachsen geförderten vierjährigen Versuchsvorhaben hat der Fachbereich Ökolandbau verschiedene mechanische Beikrautregulierungsverfahren in Öko-Winterweizen miteinander verglichen: den Zinkenstriegel, die Sternrollhacke, die Kombination von Sternrollhacke und Zinkenstriegel, die Scharhacke sowie die Kombination von Scharhacke und Zinkenstriegel.

„Die Versuche haben gezeigt, dass die Ertragseffekte im Öko-Getreidebau durch eine angepasste Nährstoffzufuhr wesentlich höher sind als durch die mechanische Bei-krautregulierung“, sagte Mücke, „besonders viehlose Öko-Marktfruchtbetriebe müssen deshalb ihre Nährstoffversorgung fest im Blick haben und absichern.“

Mit einem Hacksystem im Getreide sei ein höherer Beikrautregulierungserfolg realisierbar als mit einem reinen Striegelsystem. Zu berücksichtigen sei, dass die Sä- und Hacktechnik aufeinander abgestimmt sein müssen. Zudem seien die entsprechend höheren Verfahrenskosten gegenüber einem Striegelsystem zu berücksichtigen.

„Eine interessante Alternative ist die Kombination aus Sternrollhacke und Zinkenstriegel“, erklärte Mücke, „durch die Sternrollhacke kann die Wirksamkeit des Striegels deutlich verbessert werden. Das Verfahren ist vergleichsweise kostengünstig und es können hohe Flächenleistungen erreicht werden.“

Dr. Rüdiger Graß, der sich an der Universität Kassel mit innovativen Pflanzenbausystemen im ökologischen Landbau beschäftigt, befasste sich in seinem Vortrag mit Agroforstsystemen (AFS).
Dr. Rüdiger Graß, der sich an der Universität Kassel mit innovativen Pflanzenbausystemen im ökologischen Landbau beschäftigt, befasste sich in seinem Vortrag mit Agroforstsystemen (AFS).Isabel Bröker
Dr. Rüdiger Graß, der sich an der Universität Kassel mit innovativen Pflanzenbausystemen im ökologischen Landbau beschäftigt, befasste sich in seinem Vortrag mit Agroforstsystemen (AFS). „AFS werden vielfach als effektive Maßnahme zur Anpassung an die Herausforderungen des Klimawandels diskutiert“, so Graß.

Mit AFS sind eine Vielzahl von Ökosystemleistungen wie beispielsweise Bodenschutz, Kohlenstoffeinbindung, Biodiversität, Ertragsstabilität verbunden, deren Ausprägung von der Gestaltung und der Bewirtschaftung der AFS abhängt. „Hervorzuheben sind die Auswirkungen auf das Mikroklima“, erläuterte Graß, „da durch AFS zum Beispiel Windgeschwindigkeiten und Verdunstungsraten reduziert und Taubildung und Bodenfeuchtigkeit erhöht werden können. Angesichts zunehmender Sommertrockenheit können diese Faktoren sehr entscheidend für die Ertragssicherung der Kulturpflanzen sein. Allerdings kann bei anhaltender feuchter Witterung so auch zum Beispiel der Pilzbefall von Pflanzen gefördert werden.“

Zugleich erfordere die Etablierung von AFS eine umfangreiche Planung und sei wie die weitere Bewirtschaftung von AFS mit bedeutenden Kosten und einem erhöhten Managementaufwand verbunden. „Die Förderung von AFS im Rahmen der GAP ist sehr gering, einzelne Bundesländer haben zusätzliche Förderprogramme aufgelegt, insgesamt ist die Förderung aber unzureichend, um eine Ausweitung der Etablierung von AFS zu erreichen. Hier müsste dringend nachgebessert werden“, kritisierte Graß.

Insgesamt böten AFS große Potenziale für eine zukunftsgerichtete Gestaltung landwirtschaftlicher Anbausysteme, die Klimaschutz und Klimawandelanpassung unter Erzielung weiterer Synergieeffekte ermöglichen. „Allerdings erfordern sie zusätzliche Kenntnisse und beinhalten erhöhte Anforderungen an die Landwirtinnen und Landwirte sowie die Bereitschaft, eher in längeren Zeiträumen als normalerweise zu planen“, sagte Graß.

Stephanie Stöver-Cordes, Agraringenieurin und Fachreferentin im Sachgebiet Markt der LWK
Stephanie Stöver-Cordes, Agraringenieurin und Fachreferentin im Sachgebiet Markt der LWKIsabel Bröker
„Die Tendenzen im Ökolandbau sind durchaus positiv“, berichtete Stephanie Stöver-Cordes, Agraringenieurin und Fachreferentin im Sachgebiet Markt der LWK. Bundesweit und auch in Niedersachsen habe sich der Anteil von Öko-Flächen und -Betrieben weiter erhöht. Dennoch sei es eine große Herausforderung, die von der Politik angestrebte Marke von 30 Prozent Ökolandbau in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu erreichen.

„Gleichzeitig bereitet derzeit das Nachfrage-Verhalten der Verbraucher Sorgen: Durch die Unsicherheiten, die aufgrund der Energiekrise, der wachsenden Inflation und des Kriegs in der Ukraine gewachsen sind, erlebte der Biohandel in den vergangenen Wochen einen Einbruch“, so Stöver-Cordes. Davon wären insbesondere die Naturkostläden betroffen. Es sei zu hoffen, dass diese Situation nur eine vorübergehende Entwicklung bleibe.

Mit dem Blick auf die einzelnen Kulturen könne man sagen, dass es in diesem Jahr einen Überschuss an Bio-Dinkel gegeben habe, der die Preise deutlich unter Druck gesetzt habe. Eine knappe Versorgungslage zeichne sich dagegen wie bereits im vergangenen Jahr bei den Leguminosen ab.

„Umstellungswilligen Landwirten wird geraten, sich rechtzeitig um die Vermarktungsmöglichkeiten ihrer Produkte zu kümmern“, sagte Stöver-Cordes. Wie im konventionellen Bereich sei es auch im Ökolandbau wichtig, auf die Signale des Marktes zu achten, die Anbauentscheidung danach auszurichten und den Preis, zumindest für eine Teilmenge, über Vorkontrakte abzusichern.

Stefan Rother ist Gründer des Beratungsunternehmens puregoodfood.
Stefan Rother ist Gründer des Beratungsunternehmens puregoodfood.Isabel Bröker
Stefan Rother ist Gründer des Beratungsunternehmens puregoodfood. Sein Beratungsschwerpunkt liegt auf der Optimierung der Wertschöpfungskette, im Kontakt zwischen landwirtschaftlichem Betrieb, Verarbeiter und Vermarkter.

In seinem Vortrag zeigte er auf, wie sich die Rahmenbedingungen des Bio-Marktes sowie die Struktur der Märkte momentan ändern. Die Inflation habe auf den Preis der Bioprodukte geringere Auswirkungen als auf die konventionelle Ware. Um den Absatz von Bioprodukten zu fördern, würde für manche Produkte der Verkaufspreis sogar deutlich gesenkt. Dies führe dazu, dass Bioprodukte damit häufig sogar günstiger als konventionelle Produkte seien – trotzdem würden sie vom Verbraucher nicht gekauft. „Ein Phänomen, das Bio-Paradox genannt wird: Aus Angst vor den hohen Energiepreisen und der Inflation geben die Verbraucher weniger Geld aus, sparen aber auch an ,Bio‘“, erklärte Rother. Gleichzeitig gäbe es aber mit den Verbrauchergemeinschaften auch interessante, zukunftsfähige Entwicklungen am Markt. Ein Trend, der aus Frankreich stamme. Mit diesem Konzept bestimmen die Verbraucher aktiv und selbst die Produkte, die sie im Handel sehen möchten. Auf diese Weise ließe sich auch ein fairer Erzeugerpreis generieren.

Die echte Regionalität, d.h. die Erzeugung und der Absatz in einem begrenzten Umkreis, ist nach Rothers Einschätzung die Zukunft. „Wir müssen lernen, regionale Wirtschaft mehr zu denken“, sagte er. Gleichzeitig müsse man sich darauf einstellen, dass sich konventionelle Produkte immer mehr an das Niveau von Bioprodukten angleichen würden.

 


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