Das Wachstum der Getreidebestände nimmt endlich Fahrt auf: mit dem Schossbeginn startet auch die wesentliche Nährstoffaufnahme. Aber wann und in welcher Höhe müssen die Getreidebestände wirklich nachgedüngt werden?

Die tatsächliche Wirkung der ersten Stickstoffgabe ist daher schwer vorhersehbar. Wenn das Pflanzenwachstum und die Nährstoffaufnahme im Frühjahr begonnen haben, dürfen im Idealfall keine Versorgungslücken mit Nährstoffen mehr entstehen. Der beste Weg ist daher, während der Vegetationszeit direkt in die Pflanze zu schauen, um die Stickstoff-Düngung an die tatsächliche N-Versorgung der Bestände anzupassen. Dafür existieren einige Hilfsmittel. Eines ist die von Dr. Frank Lorenz beschriebene Pflanzenanalyse im Labor. Darüber hinaus gibt es Schnelltests, die Hinweise auf den aktuellen Ernährungszustand der Pflanze geben. Die Ergebnisse dieser Tests schwanken stärker als Laboranalysen, sie schätzen allerdings die Versorgung der Pflanzen hinreichend genau ab. Wichtig ist: Wer die Schnelltests zur Steuerung der Düngung einsetzen möchte, muss sie regelmäßig durchführen. In der Hauptwachstumsphase ab dem Zeitpunkt des Schossens sollte eine Beprobung je nach Wüchsigkeit alle sieben bis zehn Tage erfolgen.

Folgende Strategie hat sich bewährt: Es wird in Abhängigkeit der Bestände relativ verhalten angedüngt, ab dem Schossen die Nitratkonzentration im Pflanzensaft regelmäßig erfasst und bei sich den Orientierungswerten annähernden Konzentrationen ca. 60 kg/ha N nachgedüngt. Eine erneute Nachdüngung ist immer dann erforderlich, wenn die Nitratkonzentration wieder unter den Orientierungswert sinkt – zumindest bei „normaler“ Witterung. Da Feuchtigkeit für die Wirksamkeit von Düngern entscheidend ist, sollten die Ergebnisse immer mit der Witterung abgeglichen werden. Sind im Getreide beispielsweise erst 750 ppm Nitrat erreicht, liegt dieser Wert aber unterhalb des vorausgegangenen Messwertes, und übermorgen sind 20 mm Landregen angesagt, sollte gedüngt werden! Es gilt wie bei Allem: eine Strategie ist nur so gut, wie die Flexibilität, mit der man sie an aktuelle Gegebenheiten anpasst.
Neben der direkten Bestimmung der Nitratkonzentration im Pflanzensaft gibt es auch optische Verfahren zur indirekten Diagnose des Ernährungszustandes. Diese ermitteln den Chlorophyllgehalt, indem Reflektion und Absorption von Licht durch ein Blatt spektral erfasst wird. Dieses Verfahren kommt ohne eine Probenahme aus, was die Umsetzung zunächst einfacher macht. Korrigiert um einen Sortenfaktor werden zu den angegebenen BBCH-Stadien konkrete Düngeempfehlungen gegeben. Problematisch ist allerdings, dass die Messwerte auch durch andere Nährstoffe als Stickstoff beeinflussbar sind. So ist es für die Ableitung der N-Versorgung der Pflanze aus dem N-Tester-Ergebnis eine essenzielle Voraussetzung, dass keine weiteren Nährstoffmangelsituationen vorherrschen, insbesondere bei Schwefel und Magnesium.
Versuchsergebnisse der Versuchsstationen in Niedersachsen bestätigen die Anwendbarkeit beider Methoden. Die Andüngung erfolgte in diesen Versuchen jeweils in Höhe von 60 kg/ha N, ab dem Schossen begannen die Messungen und eine Düngung wurde erst durchgeführt, wenn die Herangehensweise dies anhand der oben beschriebenen Kriterien empfohlen hat. Verglichen mit einer Variante, die in Höhe des Bedarfswertes gedüngt wurde, wurde in den meisten Fällen der statistisch gesicherte gleiche Ertrag und Proteingehalt bei der Anwendung der Nitratanalyse im Pflanzensaft oder dem N-Tester erzielt. Diese wurden mit jahresspezifisch schwankenden, aber in der Regel deutlich geringeren N-Düngermengen erreicht. Konkret konnten durch die Anwendung der Nitratanalyse im Pflanzensaft im Mittel (33 Einzelwerte seit 2019) 20 kg/ha eingespart werden. Das indirekte Verfahren über den N-Tester führte zur Einsparung von 16 kg/ha N (38 Einzelwerte seit 2019). Die N-Dünger-Einsparungen bei gleichbleibender Ausprägung von Ertrag und Qualität sind bei der direkten Messung der Nitratkonzentration im Mittel der Jahre also größer als bei dem optischen Verfahren. Übertragen auf den aktuell hohen N-Düngemittelpreis sind das auf den Gesamtbetrieb gesehen erhebliche Kosteneinsparungen.
Diese Hilfsmittel geben aufgrund ihrer intensiveren Bonitur der Flächen valide Hinweise darauf, in welchem Maße ein errechneter Düngebedarf in den jeweiligen Jahren tatsächlich ausgeschöpft werden muss. Dadurch lässt sich situativ deutlich Stickstoff einsparen - ökonomisch und ökologisch ein Gewinn.







