Stress, Hektik, steigende Belastung - kennt jeder, hat jeder. Wieso kommen einige damit besser klar als andere? Für Unternehmerinnen lohnt es sich, an der eigenen Resilienz zu arbeiten und Faktoren zu kennen, die sie beeinflussen.

Der Seminarraum ist erfüllt von Stimmengewirr. Die Teilnehmerinnen des Seminars „Durchstarten als Unternehmerin“, welches die Landwirtschaftskammer parallel in Hannover und in Wehnen anbietet, unterhalten sich angeregt. Was gibt es Neues auf dem Hof und in der Familie? Hat das Seminar schon etwas bewirkt? In der Begrüßungsrunde berichten mehrere Teilnehmerinnen, dass sie Anregungen aus dem Seminar bereits umgesetzt haben. Insbesondere das Thema Absicherung vielfältiger Risiken lag, hat die Frauen beschäftigt: Haben wir eine Vorsorgevollmacht? Und wie sieht es eigentlich mit einem Ehevertrag aus? Viele haben die Zeit zwischen den Seminartagen genutzt, um in ihrer Familie über diese Themen zu sprechen und haben erste Schritte umgesetzt.
Heute jedoch soll es in erster Linie um die Unternehmerin als Person mit eigenen Wünschen und Zielen gehen. Wie kann ich Familie und Betrieb vereinbaren, ohne dass ich dabei „auf der Strecke“ bleibe? Oder auf Neudeutsch: Wie sieht eine gute Work-Life-Balance aus und was kann ich konkret in meinen Alltag integrieren, um sie zu erreichen?
Zunächst: Was muss alles an einem Tag erledigt werden? Anhand eines Kreises, der den 24-Stunden-Tag abbilden soll, werden die einzelnen Tätigkeiten wie Arbeiten, Schlafen, Essen, Kinderbetreuung, Haushaltsarbeiten usw. eingetragen. Schnell steht fest: Für private Aktivitäten bleibt bei keiner der Teilnehmerinnen auch nur annähernd genügend und schon gar nicht regelmäßig Zeit übrig. Manche haben sich „kleine Auszeiten“ geschaffen, wie z.B. ein Wochenende im Jahr nur mit dem Partner oder eine halbe Stunde am Tag nicht auf das Handy zu schauen, um in dieser Zeit ein Buch zu lesen oder spazieren zu gehen. Denn allen ist bei der Vielfalt und der Fülle der Aufgaben bewusst, dass sie ihren Beruf lieben und ihn gegen nichts anderes eintauschen wollen.
Daher liegt am Nachmittag der Fokus auf dem Thema Resilienz. Resilienz: Was ist das? Kurz gesagt ist Resilienz unsere Fähigkeit, mit Stress und Belastungen umzugehen. Bei einer gut ausgeprägten Resilienz können wir ein höheres Maß an Belastung aushalten, ohne dass unser Wohlbefinden oder gar unsere Gesundheit darunter leiden. Bei geringer Resilienz bringen uns häufig schon Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht, wir werden unzufrieden, bei zu viel oder zu lange andauerndem Stress sogar krank.
Um zu verstehen, wie wir unsere Resilienz steigern bzw. erhalten können, hilft es zunächst, sich bewusst zu machen, welche Faktoren unsere Resilienz beeinflussen:
Optimismus
Für eine gut ausgeprägte Resilienz ist eine optimistische Grundhaltung unerlässlich. Wenn wir uns unserer eigenen Stärken bewusst sind und uns zum Beispiel in Erinnerung rufen, wie wir in der Vergangenheit schwierige Situationen gemeistert haben, haben wir bereits einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer guten Resilienz getan. Dabei ist es wichtig, dass dieser Optimismus realistisch bleibt. Wenn wir ständig darauf hoffen, dass eine „gute Fee“ auftaucht und das Problem wegzaubert, werden wir ständig enttäuscht – die Fee kommt nämlich nicht!
Akzeptanz
Erst wenn wir die belastende Situation zunächst akzeptieren und anerkennen, dass es nun mal so ist, wie es ist, sind wir in der Lage, über mögliche Auswege nachzudenken. Dazu gehört auch, dass wir uns selbst akzeptieren, denn Stress entsteht häufig auch, weil wir buchstäblich zu viel von uns verlangen.
Lösungsorientierung
Es hilft meistens nicht, lediglich die Situation zu beklagen, denn dadurch ändert sich nichts und schon gar nicht zum Besseren. Wenn wir aber die Situation als solche akzeptiert haben und auch nicht ständig darüber nachdenken, wie es zu dieser Situation kommen konnte, können wir über Lösungen nachdenken. Natürlich ist es richtig, auch mögliche Ursachen für unsere Situation zu kennen, um Wiederholungen zu vermeiden und nicht zweimal denselben Fehler zu begehen.
Verantwortung
Ein weiterer Baustein unserer Resilienz ist es, Verantwortung zu übernehmen und unser Leben selbst zu gestalten. Wenn wir fortwährend darauf warten, dass sich etwas ändert, können wir lange warten und es wird sich trotzdem nichts ändern. Diese Übernahme von Verantwortung für uns selbst hängt eng zusammen mit dem nächsten Punkt, der
Fähigkeit zum eigenständigen Handeln
Häufig ist es bereits hilfreich, wenn wir uns bewusst machen, dass wir in einer belastenden Situation eigenständig handeln können und nicht abhängig von anderen Personen oder von den äußeren Umständen sind. Dass dieses eigenständige Handeln oftmals anstrengend und unbequem ist, ist dabei unbestritten. Wichtig ist, dass wir selbst eine Entscheidung treffen und dann auch selbst handeln.
Gemeinsam mit anderen
Bei aller Eigenverantwortung und Selbständigkeit sind wir in den meisten Fällen auf andere Menschen angewiesen. Besonders in belastenden Situationen können sie uns enorm unterstützen und Redensarten wie „geteiltes Leid ist halbes Leid“ kommen nicht von ungefähr. Dabei fällt es uns oft schwer, Hilfe anzunehmen oder auch nur mit Anderen über unsere Sorgen und Belastungen zu sprechen. Es zeigt sich aber immer wieder, und gerade auch in unserem Seminar, wie hilfreich es oftmals ist, sich auszutauschen und zu spüren, dass wir in unserer Situation nicht allein gelassen werden.
Zukunftsplanung
Um eine belastende Situation tatsächlich zu verändern, müssen wir konkrete Ziele formulieren. Diese sollen SMART sein, nämlich spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Erst wenn ein Ziel diese fünf Kriterien erfüllt, kann es auch tatsächlich umgesetzt werden. Dabei muss es während der Umsetzung fortlaufend überprüft und gegebenenfalls umformuliert werden, wenn Dinge anders verlaufen als geplant. Bei der Planung der konkreten Schritte zur Umsetzung müssen oftmals Zwischenziele formuliert werden, was gerade bei komplexen Zielen die Umsetzung deutlich erhöht. Dabei ist es wichtig und hilfreich, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Am besten funktioniert das im Austausch mit anderen Menschen. Denn diese Erfahrung erweitert unseren Horizont und regt uns dazu an, außerhalb unserer bekannten Gedankenwelt nach Lösungen zu suchen.
Bei all diesen Überlegungen dürfen wir nicht vergessen, dass einer Steigerung der Resilienz auch Grenzen gesetzt sind. Manchmal muss die Situation selbst verändert werden, damit wir mit ihr umgehen können. Dies kann im Extremfall auch bedeuten, sich einer Situation zu entziehen, wenn es unmöglich ist, sie zu verändern.
In kurzen Übungen versuchen die Seminarteilnehmerinnen, diese sieben Bausteine der Resilienz mit Leben zu füllen und machen sich so über ihre eigene Resilienz Gedanken. Einige Werkzeuge kannten sie bereits. Trotzdem schadet es nicht, sie sich wieder in Erinnerung zu rufen und dabei auch neue Aspekte zu entdecken.
Am späten Nachmittag ist es im Seminar Zeit für die Abschlussrunde. Nach eigener Aussage haben die Frauen an den vergangenen drei Seminartagen viel über ihre unterschiedlichen Rollen als Unternehmerin gelernt. Auch der fachliche Input zu Existenzgründung und Hofübergabe sowie zur sozialen Absicherung und Risikovorsorge hat zu angeregten Diskussionen und neuen Einsichten geführt. Vielen Teilnehmerinnen ist in diesem Seminar und in gemeinsamen Gesprächen noch stärker bewusst geworden, wie komplex das Leben einer Unternehmerin ist und mit welchen – auch finanziellen – Risiken es verbunden sein kann. Vor der Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, stehen nicht nur landwirtschaftliche Unternehmerinnen. Aber durch die räumliche Situation ist bei landwirtschaftlichen Unternehmerinnen der Beruf kaum vom Familienleben zu trennen. Dies macht es den Frauen besonders schwer, eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben, zwischen Familie und Betrieb herzustellen. Aber es gibt Lösungsmöglichkeiten. Am Ende des Tages waren sich alle einig: Reden hilft und miteinander reden erst recht!

















