Für Dorothee Möller aus Hessisch Oldendorf (31) war der Weg in die Landwirtschaft eine Entscheidung, die mit der Zeit gewachsen ist. Heute bewirtschaftet sie gut 300 Hektar Ackerbau, managt das Agrarbüro und treibt die Digitalisierung voran. Dabei übernimmt sie zunehmend Verantwortung und entwickelt betriebliche Abläufe Schritt für Schritt weiter.

"Die Landwirtschaft war bei uns immer präsent, aber nie eine Verpflichtung. Wir sind drei Schwestern (ich bin die mittlere). Meine ältere Schwester hat zunächst Landwirtschaft studiert, sich dann aber beruflich neu orientiert und ist Steuerberaterin geworden. Das war für mich der entscheidende Moment, in dem ich gemerkt habe: Ja, ich habe Bock drauf!
Nach dem Abitur habe ich zunächst ein Bundesfreiwilligenjahr bei der Niedersächsischen Landjugend gemacht und anschließend in Göttingen Landwirtschaft studiert. Das Studium hat mir Spaß gemacht, und parallel dazu bin ich immer stärker in die praktische Arbeit auf unserem Betrieb hineingewachsen. Als Kind war ich dort eher selten eingebunden, weil wir immer ausreichend Unterstützung hatten.
Heute führe ich den Betrieb gemeinsam mit meiner Mutter in einer GbR (seit Juli 2023). Zusätzlich betreibe ich seit 2020 zusammen mit meinem Vater ein Lohnunternehmen. Wir bewirtschaften im Ackerbau gut 315 Hektar, bauen unter anderem Weizen, Gerste, Raps, Zuckerrüben und Mais an und arbeiten in einer Maschinengemeinschaft. Tiere haben wir selbst nicht, unser Partnerbetrieb hält Milchkühe. Unterstützt werden wir von einem festen Mitarbeiter sowie meinem Vater, der ebenfalls im Betrieb angestellt ist. An zwei Tagen pro Woche arbeite ich beim Landvolk in Hannover in der Agrarberatung."
Welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten übernehmen Sie im Betrieb?
"Ich bin sowohl im Büro als auch in der Außenwirtschaft aktiv, wobei mein Schwerpunkt ganz klar draußen liegt. Die praktische Arbeit macht mir einfach mehr Freude, und dort bin ich voll eingebunden. Nach Absprache mit meinem Vater verantworte ich unter anderem den gesamten Düngereinkauf.
Im Büro habe ich die Strukturen von meiner Mutter übernommen und konsequent weiter digitalisiert. Wir arbeiten inzwischen weitgehend papierlos. Die Organisation im Büro liegt in meiner Verantwortung, und ich gebe zu: Ich freue mich, wenn der Schreibtisch wieder leer ist. Ein Vorteil ist sicherlich, dass meine Schwester Steuerberaterin ist. Sie nutzt unseren Betrieb gewissermaßen als Praxischeck, bevor Sie neue digitale Lösungen an ihre Mandanten weitergibt. Das ist für beide Seiten eine echte Win-win-Situation."
Wie organisieren Sie Abläufe und Zuständigkeiten?
"Mein Vater und ich stimmen uns regelmäßig ab und treffen die meisten Entscheidungen gemeinsam. An den Tagen, an denen ich beim Landvolk in Hannover bin, setzen wir uns abends zusammen, um den nächsten Tag zu planen und die wichtigsten Punkte zu klären. So ist für beide Seiten klar, was ansteht. Zwischendurch gibt es aber auch immer mal wieder den klassischen Zettel mit kurzen Notizen.
Die Zuständigkeiten im Büro sind klar verteilt: Ich übernehme etwa 70 Prozent, mein Vater 30. Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem die Buchführung. Auch dabei ist es ein Vorteil, eine Steuerberaterin in der Familie zu haben.
Wir teilen uns das Büro, haben aber jeder unseren eigenen Schreibtisch, das hat sich im Alltag sehr bewährt. Den Computer nutzen wir gemeinsam. Das funktioniert gut: Mein Vater schaut gelegentlich in die E-Mails, den Großteil der digitalen Aufgaben übernehme ich."
Was hilft Ihnen, wenn unterschiedliche Erwartungen oder Arbeitsweisen aufeinandertreffen?
"Unterschiedliche Erwartungen und Arbeitsweisen gehören im Alltag dazu, gerade, wenn mehrere Generationen zusammenarbeiten. Mir hat geholfen, damit offener umzugehen. Früher war ich eher der Typ, der Dinge in sich hineingefressen hat. Mittlerweile kriegen wir das gut hin.
Grundsätzlich war es bei uns zu Hause nie ein Thema, ob jemand etwas kann oder nicht, unabhängig davon, ob Mann oder Frau. Diese Haltung hat mich geprägt und gibt mir Sicherheit. Natürlich gibt es immer mal wieder Situationen, in denen man mit klassischen Rollenbildern konfrontiert wird, etwa wenn ich auf dem Trecker sitze und dafür einen zweiten Blick bekomme. Aber damit gehe ich gelassen um. Für mich zählt, dass die Arbeit gut gemacht wird und wir als Betrieb funktionieren."
Welche Aufgaben erledigen Sie am liebsten, und welche fordern Sie besonders heraus?
"Am liebsten bin ich draußen in der Außenwirtschaft. Die Herbstbestellung macht mir viel Spaß, nicht nur fachlich, sondern auch wegen der Atmosphäre und der Herbstfarben. Auch wenn das erste Getreide aufläuft oder im Frühjahr alles wieder beginnt, sind das schöne Momente im Jahreslauf. Die zwei Wochen Erntezeit sind zwar intensiv und anstrengend, gehören für mich aber ebenfalls zu den besonderen Phasen im Jahr. Insgesamt hat jede Jahreszeit ihren Reiz.
Es gibt allerdings auch Aufgaben, die mir weniger liegen. Dazu gehört zum Beispiel das Einlagern von Getreide. Da gehe ich eher mit „langen Zähnen“ ran. Aber solche Jobs gehören auch dazu und müssen erledigt werden. Meine Grundhaltung ist: Wenn es im Betrieb Aufgaben gibt, die nicht so beliebt sind, mache ich sie zunächst selbst, sonst kann ich sie nicht gut delegieren."
Wie organisieren Sie Büroarbeit, Termine und Dokumentation im Betriebsalltag?
"Die Dokumentation im Bereich Pflanzenschutz und Düngung erfolgt zunächst klassisch auf Papier. Nach jedem Schlag werden die Maßnahmen direkt festgehalten und anschließend in unsere digitale Schlagkartei übertragen. Sobald alle Arbeiten abgeschlossen sind, dröseln wir die Daten auseinander und erfassen sie digital.
Im Büro hat sich ein Schubkasten bewährt. Dort landet alles, was bearbeitet werden muss. So geht keine Aufgaben verloren, und ich habe einen klaren Überblick über das, was ansteht. Ich versuche, mir bewusst feste Zeitfenster fürs Büro zu blocken, in der Regel zwei bis drei Stunden am Stück pro Woche. In dieser Zeit arbeite ich konzentriert alles ab, ohne ständig zu unterbrechen."
Wo haben Sie in den letzten Jahren bewusst etwas verbessert oder verändert?
"Ein klarer Schwerpunkt lag bei uns auf der Weiterentwicklung des Büros. Wir haben die Abläufe deutlich digitaler gestaltet und damit viele Prozesse vereinfacht und effizienter gemacht. Darüber hinaus ist vieles eher ein schleichender Übergang als ein einzelnes großes Projekt. Ich übernehme Schritt für Schritt mehr Verantwortung. Es gibt also nicht den einen großen Umbruch, sondern viele kleine Verbesserungen im laufenden Betrieb."
Was tun Sie, um Überlastung oder mentalen Druck vorzubeugen?
"Ich versuche, regelmäßig Sport zu machen. In Arbeitsspitzen fällt der allerdings hinten runter. Und ehrlich gesagt fällt es mir abends um acht auch schwer, mich noch einmal aufzuraffen.
Seit einem Jahr habe ich meinen Dackel Norbert, der hilft mir da sehr. Durch ihn gehe ich automatisch regelmäßig spazieren, er sorgt also dafür, dass ich rauskomme. Außerdem ist mir der soziale Ausgleich wichtig. Ich treffe mich mit Freunden und versuche bewusst, solche Zeiten einzuplanen."
Worauf sind Sie besonders stolz?
"Ich bin stolz darauf, dass ich den Betrieb in die nächste Generation führen und weiterentwickeln darf. Für mich ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern eine große Verantwortung, die ich gerne übernehme.
Ich bin stolz darauf, dass mir die Arbeit nach wie vor Spaß macht. Gerade das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Mein Vater zeigt das nicht immer offen, aber ich glaube schon, dass er ebenfalls stolz darauf ist, dass der Betrieb in der Familie weitergeht. Das ist für mich persönlich ein schönes Gefühl und gleichzeitig eine große Motivation."
Was würden Sie anderen Frauen in einer ähnlichen Situation mit auf den Weg gehen?
"Lasst euch nicht unterkriegen! Und ganz wichtig: Man darf und soll sich auch Hilfe holen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, etwas nicht sofort zu können. Ich zum Beispiel stehe mit dem Anhängemaul auf Kriegsfuß. Dann bitte ich eben um Hilfe, und das ist völlig in Ordnung.
Genauso wichtig ist es, bei blöden Sprüchen gepfeffert zu antworten. Ich finde, man darf selbstbewusst antworten, wenn man unterschätzt wird. Ich hatte zum Beispiel neulich eine Situation, in der jemand gesagt hat: „Mensch, du fährst den Trecker, das finde ich ja klasse.“ Meine Antwort war dann ganz einfach: „Ja, und der Trecker gehört sogar mir.“ Am Ende geht es darum, seinen eigenen Weg zu gehen, sich nicht verunsichern zu lassen und selbstbewusst zu zeigen, was man kann."
Das Interview führte Anne Dirking am 29.4.2026






