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Wirt bietet sicheres Zwischenquartier

Bäume tragen manchmal seltsame Gebilde an Blättern, Rinde oder Wurzeln. Was außer ihrer Kreativität könnte sie veranlassen, Hörnchen, Kugeln oder Näpfe zu formen? Förster Dieter Scholz war in der Land & Forst 36/16 den Verursachern auf der Spur.

Wer im Sommerhalbjahr die Nadeln und Blätter verschiedener Bäume einmal näher betrachtet, dem fallen zuweilen merkwürdige Gebilde ins Auge. Es sind Wucherungen oder Wuchsanomalien, die als Gallen bezeichnet werden. Sie wachsen in vielerlei augenfälliger Gestalt und sind fast immer artspezifisch. Aber was sind diese Gallen nungenau, wie entstehen sie und wer ist der Verursacher?

 

Der Baum reagiert nur

Das abnorme Wachstum wird durch verschiedene Insekten, aber auch durch Pilze oder Bakterien hervorgerufen. Dabei entstehen sehr typische, artspezifische Gallen, anhand derer sich zum Teil die verursachenden Schädiger bestimmen lassen.

Es gibt diese Gallen aber nicht nur an Blättern oder Nadeln, sondern auch an der Rinde, an Früchten, Stängeln oder Wurzeln. Häufig beruht ihre Bezeichnung auf ihrer spezifischen Form, beispielsweise Ananasgallen (z.B. Fichtengalllaus), Linsen- oder Napfgallen. Oder sie sind – wie bei der Rosengalle – nach der Pflanze benannt. Allen gemein ist, dass die Gallen von der Wirtspflanze selbst erschaffen werden, nicht etwa vom Verursacher!

 

Zweckmäßige Formen

Einige Beispiele für Blattgallen – allesamt durch Insekten hervorgerufen – stellen wir im Folgenden vor:

Ahorngallen Die 5 bis 8 mm großen, dünnwandigen, gelb bis rötlichen Kugelgallen entstehen durch die Ablage von unbefruchteten Eiern der Ahorngallwespe im Frühjahr an der Blattunterseite. Das Wachstum zu der Gallengestalt wird vermutlich durch die Abgabe eines Sekretes oder Speichelstoffs der Wespe angeregt. Die näheren Umstände hierzu sind noch nicht restlos erforscht. Die sich entwickelnden Larven (Parthenogenese = aus unbefruchteten Eizellen) genießen nun den Schutz der Galle und ernähren sich in ihrem Innern.

Im Sommer schlüpfen männliche und weibliche Wespen. Nach deren Paarung legen die Weibchen ihre Eier an den Baumwurzeln des Ahorns ab. Dort entwickeln sich – ebenfalls in Gallen – innerhalb von zwei Jahren Weibchen, die nach dem Schlüpfen im Frühjahr des dritten Jahres den Zyklus durch Eiablage an den Blättern schließen.

So gut geschützt die Larve auch ist, die Natur hat dennoch einen starken Gegenspieler erschaffen: die Erzwespe. Diese legt ihre Eier in die Gallen und bewirkt damit ein andersartiges Wachstum, was zu einer Verholzung der Galle führt. Die Ahorngallwespenlarve wird dadurch abgetötet, während die Larve der Erzwespe sich entwickelt (von außen zu erkennen an der unregelmäßigen Form der Galle).

Lindengallen Die auffälligen roten Hörnchen auf den Blättern der Linde sind durch die Lindengallmücke verursacht. Diese Gallen besitzen keinen so deutlichen Hohlraum, sondern sind gefüllt mit Härchen und einem Nährgewebe. Das gleichbleibend feuchte Klima bietet der sich entwickelnden Larve gute Voraussetzungen.

 

Wirtstreue und Untreue

Buchengallen Die Buchengallmücke legt ihre Eier im Frühjahr einzeln an den Blättern der Buche ab. Die schlüpfenden Larven verursachen durch ihre Saugaktivität ein Gallenwachstum auf der Blattoberseite. Die Gallen werden bis zu 10 mm groß, dickwandig und glatt. Sie laufen oben spitz zu und verfärben sich von gelb/grün nach rot. Im Herbst fällt die Galle mit der im Inneren befindlichen Larve ab und überwintert so in der Bodenstreu. Im folgenden Frühjahr verpuppt sie sich und die neue Mücke schlüpft.

Ananasgallen Fichtengallläuse legen im Frühjahr ihre Eier an Fichtenzweigen ab. Die Larven saugen nach dem Schlupf an den Trieben und lösen damit das Wachstum sogenannter Ananasgallen aus. Innerhalb der ananasartigen Form werden Kammern ausgebildet, in die die Larven einwandern.

Es existieren verschiedene Arten von Fichtengallläusen, die sich in ihrem Entwicklungszyklus unterscheiden. Dabei vollführen die Grünen und die Roten Gallläuse nach ihrem Schlupf im Sommer einen Wirtswechsel. Sie fliegen zu Lärchen oder Douglasien, saugen dort an den Nadeln und legen ihre Eier ab, die sich zu überwinternden Larven entwickeln, um im kommenden Frühjahr wieder auf die Fichte überzusiedeln.

Die Gelbe Fichtengalllaus dagegen bleibt ohne Wirtswechsel auf der Fichte. Zwar kann die Saugtätigkeit zum Absterben von Trieben führen und auch die Gallen können Beeinträchtigungen auslösen. Dennoch ist eine Bekämfung nur in Ausnahmefällen (z.B. Gewinnung von Schmuckgrün oder Weihnachtsbäumen) notwendig. In der Regel führen die Gallen bei allen Arten nur zu mehr oder weniger ausgeprägten Zuwachsverlusten und stellen kein außergewöhnliches Risiko für den Baum dar.

 

Klug genutzt

Galläpfel Aus den sogenannten Galläpfeln an Eichen – verursacht durch die Eichengallwespe – wird aufgrund der enthaltenen Eisen- und Kupfersalze die sogenannte Schwarztinte gewonnen, die zum Unterzeichnen von Staatsverträgen verwendet wird. Wegen des hohen Gallusgerbsäuregehaltes nutzt man Galläpfel auch zum Gerben von Leder.

 

Fazit

  • Die Sekrete bestimmter Insekten, Bakterien und Pilze lösen bei Pflanzen das spezifische Wachstum von Gallen aus, die sehr unterschiedliche Formen annehmen können.
  • Die Gallen werden im Entwicklungszyklus der Insekten häufig als „Kinderstube“ und zur Überwinterung genutzt.
  • Weil die Schäden sehr begrenzt sind, ist eine Bekämpfung in der Regel nicht notwendig.

Kontakt:
Dieter Scholz
Bezirksförster
Telefax: 05565 911249
E-Mail:


Stand: 31.08.2021