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Geduld – Forstwirtschaft braucht ihre Zeit

Noch vor den Dürrejahren sind im Stadtwald Bodenwerder Kahlflächen entstanden – ausgelöst durch das Eschentriebsterben. Unser Bezirksförster Dieter Scholz berichtet in der Land & Forst 51 über den Versuch einer Wiederaufforstung und die Situation nach dem ersten Standjahr.

Die Stadt Bodenwerder besitzt im niedersächsischen Weserbergland rund 200 ha Wald auf einem wasserknappen, überwiegend mit Buche und ehemals mit Esche bestockten Standort. Die Eschen sind im Laufe der vergangenen Jahre am sogenannten „Eschentriebsterben“ erkrankt, teils stark geschädigt oder komplett ausgefallen. Der zuständige Forstausschuss des Stadtrates wurde seit 2013 über die Problematik informiert. Eine daraufhin durchgeführte Standortkartierung brachte das notwendige Grundlagenwissen, um geeignete Maßnahmen und eine Baumartenwahl treffen zu können. Im Herbst 2017 beschloss das Gremium auf zwei kleinen standorttypischen Musterflächen eine Pflanzungsmaßnahme. Wegen des Sturms „Friederike“ im Januar 2018 und der Folgen (veränderte Prioritäten, begrenzte Arbeitskapazitäten und Finanzmittel) musste das Projekt um ein Jahr verschoben werden. Im Herbst 2019 wurde es dann konkret: Um die Fläche bepflanzen zu können, musste vorbereitend der aufstockende Bewuchs (vor allem Schwarzdorn) beseitigt werden.

 

Keine tiefe Vermischung
Dies geschah durch maschinelles, rein oberflächiges Mulchen. Es wurde streng darauf geachtet, nicht in den gewachsenen Boden einzugreifen, also eine tiefe Vermischung von Boden- mit Humusmaterial zu vermeiden, weil dies die Verankerung der Baumwurzeln im Mineralboden fast unmöglich macht. Die Pflanzungen wurden für das zeitige Frühjahr 2020 terminiert. Zu den gewählten Forstbaumschulen, die die Setzlinge sowohl liefern als auch pflanzen sollten, besteht eine langjährige Marktpartnerschaft. Um Mängel bei der Pflanzung zu minimieren, wurde zur Ausschreibung/Angebotseinholung das Pflanzverfahren vorgegeben und eine Anwuchsgarantie eingefordert. Diese beinhaltete folgende Vereinbarung: 80 % der gepflanzten Bäume müssen am 31.07.2020 leben; andernfalls erfolgt eine kostenlose Nachbesserung auf 95 % der Ursprungspflanzenzahl. Ausgenommen von der Garantie sind das Auftreten langanhaltener Witterungsextreme (extreme Trockenheit, Frost) und biotischer Faktoren (Verbiss, Fegen, Rüsselkäfer).

Die Baumartenwahl fiel auf Vogelkirschen, Bergahorn, Rotbuchen und Winterlinden. Die Jungppfanzen wurden in Wuchshüllen gesetzt: zum einen als Wildverbissschutz, zum anderen, um möglichst kleine Pflanzgrößen wählen zu können, ihnen Wind-, Sonnen- und Verdunstungsschutz zu bieten und nicht zuletzt, um Erfahrungen mit der Methode zu sammeln.

 

Erfolge und Ausfälle

Wir fassen die Erfahrungen mit der Kulturanlage im ersten Standjahr zusammen:

  • Das Pflanzzeitfenster im Frühjahr wird offenbar zusehens kleiner. Hinzu kam eine coronabedingte Verzögerung, sodass die Pflanzung „erst“ Anfang April erfolgte.
  • Unglücklicherweise regnete es direkt nach dem Setzen und Antreiben der jungen Pflanzen drei Wochen lang nicht. Aufgrund der Freifläche und dem flach anstehenden Kalksteinboden, aber auch wegen der Beteiligung der Kirsche, die ein „Frühtreiber“ ist, wurde bereits mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch die Befürchtungen sind nur abgeschwächt eingetreten: rund 30 % der Kirschen haben das erste Pflanzjahr nicht überstanden und mussten nachgebessert werden, was dann als Herbstpflanzung erfolgte.
  • Pflanzen, die den Start überstanden haben, konnten sich fest etablieren und haben trotz klein gewählter Größe bereits bis zu 40 cm große Triebe geschoben.
  • Der Rotbuchenanteil, der aufgrund der Freifäche und Flachgründigkeit bewusst auf einem Minimum gehalten wurde, ist zu 100 % ausgefallen.
  • Demgegenüber ist ein 100 %-iger Anwuchserfolg bei Winterlinden und Bergahorn zu verzeichnen.
  • Der Einsatz von Wuchshüllen hat sich bewährt, denn dort, wo einzelne Hüllen nach Windeinwirkung abgebaut wurden, waren bereits nach wenigen Tagen erhebliche Verbiss- und Fegeschäden bis hin zum Totalausfall zu verzeichnen. Offenbar ziehen Forstpflanzen aus der Baumschule das Wild magisch an, da diese „Exoten“ besonders gut zu schmecken scheinen.
  • Wuchshüllen sind jedoch nicht die Lösung aller Probleme und sie erfordern zusätzliche Kontrollmaßnahmen: Winddruck kann zu Ausfällen führen und vereinzelt müssen Haltestäbe nachgeschlagen werden, damit sie standfest bleiben. Für eine gute Verankerung sollten die Stäbe (hier wurde Robinie verwendet) mindestens 30 cm tief in den Boden geschlagen werden. Wo das aufgrund der Steinigkeit des Bodens nicht möglich ist, kommt das System der Wuchshülle an seine Grenze.
  • Die gemulchten Schwarzdornsträucher (Schlehen) erholen sich schnell und treiben bereits wieder, was ebenfalls für eine Förderung und den Schutz der Setzlinge durch Wuchshüllen spricht.
  • Das anfänglich unschöne und unnatürliche Bild der Kultur durch die Vielzahl der Wuchshüllen auf der Freifäche („Soldatenfriedhof“) hat sich bereits im Sommer durch den neuen Bewuchs mit Reitgras und Schwarzdorn deutlich entspannt.
  • Für die erfreulich geringen Ausfälle konnten aufgrund der von der Baumschule gegebenenen Anwuchsgarantie Nachbesserungen angefordert werden.

 

Fazit

  • Um bei der Wiederaufforstung zu einer lokal angepassten Entscheidung zu kommen, müssen viele Vorüberlegungen angestellt und Faktoren abgewogen werden, aber vor allem gilt es, Geduld zu bewahren.
  • Die Pflanzmaßnahme kann sich verzögern, sei es durch Fristen bei der Förderantragstellung und -genehmigung, mangelnde Pflanzenverfügbarkeit, begrenzte Arbeitskapazitäten oder die Durchführung nötiger Vorarbeiten.
  • Die auf den Musterflächen im Weserbergland gesammelten Erfahrungen können nun genutzt werden, um anstehende
    weitere Pflanzungen in Angriff zu nehmen.

Kontakt:
Dieter Scholz
Bezirksförster
Telefon: 05565 548
Telefax: 05565 911249
E-Mail:


Stand: 07.05.2021