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Biogas in Niedersachsen: Je vielseitiger, desto besser

Webcode: 01045247
Stand: 24.03.2026

17. Biogastagung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen analysiert in Verden Marktbedingungen und zukunftsträchtige technische und strategische Lösungen 

Landtechnik-Beratung
Je vielseitiger sich die niedersächsischen Anlagenbetreiber/-innen für die Herausforderungen des Marktes aufstellen, desto besser sind die Chancen für einen langfristig tragfähigen Betriebszweig Biogas.Wolfgang Ehrecke
Verden – Die Entwicklungen der zurückliegenden Monate haben die Biogasbranche in Niedersachsen in Bewegung versetzt. Zwischen politischer Neuordnung, schwankenden Märkten und technologischen Innovationen steht eine Frage im Mittelpunkt: Wie kann Biogas als langfristiger und wirtschaftlich tragfähiger Betriebszweig erhalten bleiben? Antworten darauf lieferte die Referenten auf der 17. Biogastagung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) in Verden.

Vielfalt verbessert Chancen 

Flexible Stromlieferung für Spitzenzeiten und für Dunkelflauten, wenn Solar- und Windenergieanlagen nicht am Netz sind, Wärme-Lieferung für die Kommunen der Umgebung, Biomethan-Produktion mit der Einspeisung in das Erdgasnetz, Integration von Strom- und Wärmespeichern, variable Verwertung von Gülle, Mist, Energiepflanzen und Reststoffen als möglichst effiziente Substratmischung: Je vielseitiger sich die niedersächsischen Anlagenbetreiber/-innen für die Herausforderungen des Marktes aufstellen, desto besser sind die Chancen für einen langfristig tragfähigen Betriebszweig Biogas – so lautet das Fazit der Fachveranstaltung mit rund 200 Besucherinnen und Besuchern. 

Dauerbetrieb mit konstanter Stromeinspeisung: Dieses Betriebsmodell für Biogasanlagen tritt zunehmend in den Hintergrund. Viele Biogasanlagen stehen heute am Ende ihrer 20-jährigen Laufzeit, die über das damalige im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert wurde. „Solche Anlagen müssen für den möglichen Weiterbetrieb in den zehn- bis zwölfjährigen Folgezeitraum wechseln oder den Betrieb – zumindest im Sektor Stromproduktion – einstellen“, fasste Kammerdirektor Dr. Bernd von Garmissen die Situation zusammen. „Denn wir wissen, dass der Strommarkt allein keine ausreichend hohe Vergütung für ihre Biogasanlagen liefert.“

Erfolgreicher Wechsel – aber auch noch viel Unsicherheit

Viele Anlagen – insbesondere in den großen Landkreisen wie etwa Rotenburg/Wümme, in denen viele Anlagen entstanden sind – hätten den Wechsel in den nächsten Förder-Zeitraum inzwischen erfolgreich vollzogen, fügte von Garmissen hinzu. „Doch die Teuerung der zurückliegenden Jahre, die Aussicht auf hohe Erhaltungs-Investitionen, die wachsende Konkurrenz durch Photovoltaik und die teils wechselnden Schwerpunkte der unterschiedlichen EEG-Novellen hat einen Teil der Anlagenbetreiberinnen und -betreiber bislang davon abgehalten, wichtige strukturelle Entscheidungen zu treffen.“

Genau dazu lieferten die Referenten der 17. Biogastagung wertvoll Impulse: Sie beschrieben die aktuelle politische, rechtliche und wirtschaftliche Situation und zeigten aus Sicht der Forschung und der Praxis verschiedene organisatorische und technische Möglichkeiten zur Weiterentwicklung von Biogasanlagen auf.

Seide: Positive Signale aus der Politik – Biomethan mit Potenzial

Horst Seide, Ehrenpräsident des Fachverbands Biogas, analysierte die aktuellen energiepolitischen Entwicklungen und verkündete optimistisch: „Wir finden Gehör bei der neuen Bundesregierung.“ Biogas solle vor allem als flexible Leistung zur Absicherung des Stromsystems dienen. Willkommen seien die geplanten höheren Ausschreibungsvolumina, die allerdings noch viel zu niedrig seien, und bessere Investitionsrahmen. Allerdings fehlten für viele Altanlagen weiterhin klare Anschlussregelungen. Netzanschlüsse könnten zum Engpass werden, warnte Seide mit Blick etwa auf hohe Einspeiselasten von Strom aus Windenergie und Photovoltaik.

Großes Potenzial sah Seide bei der Biomethanaufbereitung. Unter anderem durch höhere Nachfrage im Verkehrs- und Industriesektor entstünden neue wirtschaftliche Perspektiven für Anlagenbetreiber. „Biogas bleibt ein Schlüsselbaustein für Versorgungssicherheit, Dunkelflautenfähigkeit und regionale Wertschöpfung“, fasste Seide zusammen. „Doch ohne Anpassungen bei Netzanschlüssen, EEG-Förderung und ohne Bewegung beim Zugang zu den Gasnetzen besteht die Gefahr, dass ein großer Teil des Potenzials ungenutzt bleibt.“

Loibl: Wer investiert, profitiert von Biomassepaket

Dr. Helmut Loibl, als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verwaltungsrecht einer der Spezialisten für die rechtlichen Grundlagen der Bioenergie-Förderung, arbeitete Chancen und Möglichkeiten des seit Oktober 2025 geltenden Biomassepakets heraus: „Der Gesetzgeber hat hier die Weichen neu gestellt und den bisherigen Dauerläufern im Biogasbereich eine klare Absage erteilt – zukunftsfähig wird nur sein, wer nur dann Strom produziert, wenn er auch gebraucht wird.“ 

Die positive Nachricht hierbei sei: Das Biomassepaket biete für eine Vielzahl von Anlagen Zukunftsoptionen an, sei es, um als Bestandsanlage für weitere zwölf Jahre an der Ausschreibung teilzunehmen, sei es, über einen Satellitenstandort oder gar den Neubau einer Anlage eine 20-jährige Zukunft anzustreben, sagte Loibl weiter. „Die Herausforderung hierbei ist allerdings: Die Betreiberinnen und Betreiber müssen zum Teil sehr erheblich in ihre Anlagen investieren, also in große Blockheizkraftwerke, große Gasspeicher und in der Regel auch in große Wärmepufferspeicher.“ Ob hierzu jede/r bereit sei, hänge sehr von der konkreten Situation auf dem Hof ab – etwa davon, wie viele Jahre die aktuellen Betreiber noch im Geschäft bleiben wollten und ob bereits eine Nachfolge in Sicht sei.

Himmelstoß: Batteriespeicher ebnet Weg in flexible Zukunft

Mit der Integration von Batteriespeichern als Flexibilitätsbaustein befasste sich Alfons Himmelstoß, Geschäftsführender Gesellschafter des Biogas-Planungs- und Ausrüstungsunternehmens AEV Energy GmbH aus Dresden. Batteriespeicher böten Biogasanlagen die Chance, deutlich günstiger, schneller und unkomplizierter in die zweite EEG‑Vergütungsperiode einzutreten als durch klassische motorische Überbauung:  „Batteriespeicher ermöglichen eine bedarfsgerechte, flexible Einspeisung, höhere Erlöse in der Direktvermarktung sowie die Teilnahme an Primär‑, Sekundär- und Minutenregelleistungsmärkten, die Biogasmotoren allein nicht bedienen können“, fasste Himmelstoß zusammen.

Da Genehmigungen für Batteriespeicher in der Regel wesentlich einfacher und schneller umsetzbar seien als für umfassende bauliche Erweiterungen (Blockheizkraftwerk, Gasspeicher, Pufferspeicher), sänken die Investitions- und Bürokratiehürden, führte Himmelstoß weiter aus. „Zudem schafft ,Flex 2.0‘ via Batteriespeicher neue Chancen, Biogas, Photovoltaik und Windkraft zu kombinieren, Strom zu Hochpreiszeiten zu vermarkten und so die Wirtschaftlichkeit ländlicher Energiehöfe zu steigern.“

Hülsemann: Mit Aufbereitung mehr Ertrag aus dem Substrat holen

Dr. Benedikt Hülsemann von der Landesanstalt für Agrartechnik und Bioenergie, die zur Universität Hohenheim (Stuttgart) gehört, setzte mit Blick auf seine Forschungsergebnisse den Fokus auf mechanische Substrataufbereitung und Flexibilisierung von Anlagen: „Bei mehr als acht Prozent Pferdemist in der Substratmischung ist eine Aufbereitung zur Vermeidung von Prozessproblemen, wie etwa Schwimmschichten, dringend notwendig“, nannte Hülsemann ein praktisches Beispiel und gab konkrete technische Umsetzungs-Hinweise für die Zerkleinerung: „Sowohl Querstromzerspaner als auch Kugelmühlen erhöhen den Methanertrag im Vergleich zum unaufbereiteten Substrat um etwa 26 Prozent.“

Durch Aufbereitung könne Pferdemist sehr viel schneller abgebaut werden und eigne sich auch zur flexiblen Gasproduktion durch Variation der Fütterungsmenge, fasste Hülsemann zusammen. Bei einer Abnahme ohne Kosten für die Anlagenbetreiber sei der Einsatz von Pferdemist als Maissubstitut definitiv wirtschaftlich sinnvoll und rentabel.

Lüdemann: Saisonaler Wärmebedarf passt gut zum Strommarkt

Christian Lüdemann, Landwirt aus Visselhövede (Kreis Rotenburg/Wümme), lieferte mit seinem Praxisbericht wertvolle Hinweise dafür, dass Flexibilisierung für niedersächsische Biogasanlagen bereits heute ein zentraler Erfolgsfaktor ist: „Der saisonale Wärmebedarf passt gut zum Strommarkt: Im Sommer gibt es morgens und abends kurze Peaks mit hohen Strompreisen, im Winter oft über Tage für längere Stunden einen höheren Strompreis“, berichtete Lüdemann. Die Biogasanlage mit mehr als drei Megawatt installierter Leistung gehört zu einem Betrieb, auf dem zwei Familien rund 900 Hektar Land bewirtschaften und Schweine mästen. Wärme liefert die Anlage unter anderem in zwei Schulen, drei Hotels, in ein Hallenbad und in 130 Wohnungen. 

Die Kombination verschiedener Inputstoffe wie Mais, Rübenmus und Wirtschaftsdünger ermöglicht in Lüdemanns Betrieb eine flexible und nachhaltige Betriebsweise, wobei insbesondere die Rübenfütterung Potenzial hat. Lüdemann: „Durch den Einsatz von Zuckerrüben lässt sich kurzfristig die Gasproduktion erhöhen.“ Der Praxisbericht zeigte: Durch einen kontinuierlichen Ausbau – unter anderem wurden neue Blockheizkraftwerke gebaut und am Umspannwerk ist eine Satellitenanlage in Planung – lässt sich eine Biogasanlage zunehmend in Richtung eines regionalen Energie-Zentrums weiterentwickeln.

Häner: Biomethan fürs Gasnetz aus regionalem Wirtschaftsdünger

Jurek Häner, Arbeitsgruppenleiter Biogas und Landwirtschaft am Fachbereich Energie, Gebäude, Umwelt der FH Münster, begleitete mehrere Jahre den Aufbau der Bioenergie Heek-Ahle, einer Gemeinschaftsanlage für Mist und Gülle, die Biomethan ins regionale Gasnetz einspeist. Daneben wird flüssiges CO₂ gewonnen, das unter anderem in der Lebensmittelindustrie, für die Trockeneisproduktion oder für E-Fuels (= strombasierte synthetische Kraftstoffe) verwendet werden kann. Häner sowie Christoph Wischemann, einer der beiden Geschäftsführer der Anlage, berichteten in Verden über die Herausforderungen des Großprojekts: „Wir haben buchstäblich viel Energie gebündelt – 45 Landwirtinnen und Landwirte mit unterschiedlichsten Kompetenzen haben zusammen eine Gemeinschafts-Biogasanlage gebaut“, so Häner.

Rund 135.000 Tonnen Wirtschaftsdünger aus der Region – in der Regel aus einem Umkreis von fünf Kilometern – wandern pro Jahr in die Anlage. „Stoffstrommanagement für eine derartige Menge erfordert umfangreiche Planung – voraussichtlich werden digitale Tools, mit denen zum Beispiel Zusammensetzung, Menge und Lieferzeitpunkt koordiniert und bewertet werden, die Arbeit erleichern“, erläuterte Häner.

Herausforderungen sahen Häner und Wischemann gleichwohl bei den Netzanschlüssen: Sowohl für Gas- als auch für Stromanschlüsse seien jahrelange Verfahren erforderlich gewesen. Solche Verzögerungen könnten den Ausbau erneuerbarer Energie erheblich bremsen – deutliche Vereinfachungen und schnellere Prozesse bei Netzbetreibern seien daher wünschenswert.

Backes: Biomasse als langfristig wichtige Energiequelle

Für Dr. René Backes, Leiter des Forschungsbereichs „Bioenergiesysteme“ beim Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig, behält Biomasse – insbesondere Biogas und Biomethan – langfristig eine wichtige Rolle für die Energieversorgung und die kohlenstoffbasierten Industrien in Deutschland. Biogas liefere bereits heute rund 31 Terawattstunden Strom und stelle damit den größten Anteil innerhalb der Biomasse-Stromerzeugung dar, erläuterte Backes während seines Vortrags. Gleichwohl stagniere der Ausbau der Biogasaufbereitung momentan. Die Suche nach verlässlichen Absatzmärkten und – einmal mehr – fehlende Netzanschlüsse identifizierte der Forscher als zentrale Hemmnisse.

Für Biogasanlagen in Niedersachsen besonders relevant war Backes’ Hinweis auf große, bislang unvollständig genutzte Potenziale biogener Reststoffe: Laut DBFZ gibt es Mengen mit einer Trockenmasse im zweistelligen Millionen-Tonnen-Bereich – darunter Wirtschaftsdünger, Stroh oder industrielle Reststoffe – die künftig stärker in die Biogas- und Biomethanerzeugung integriert werden könnten. Als Risikofaktoren gelten hingegen unter anderem Flächendruck (= Konkurrenz zwischen landwirtschaftlicher Nutzung und Flächennutzung für Siedlungen und Gewerbe) sowie wachsenden Unsicherheiten durch Wetterextreme, welche Ertrags-Prognosen zunehmend erschweren.


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