Tagung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Verden behandelt neue Rechtsvorschriften, Mess- und Produktionstechnik sowie innovative Stallkonzepte
Auf Effizienz und Prüfungen einstellen
„Für die Tierhaltung bedeutet dies strengere Vorgaben bei Emissionsgrenzwerten, eine stärkere Ausrichtung auf Ressourceneffizienz sowie die verpflichtende Einführung und regelmäßige Überprüfung von Umweltmanagementsystemen“, sagte Kammer-Vizepräsidentin Dagmar Heyens mit Blick auf die aktuelle rechtliche Situation. „Gleichzeitig wird deutlich, dass sich die Anforderungen weiter dynamisch entwickeln werden und die konkrete Ausgestaltung in den kommenden Jahren weiter präzisiert wird.“
Messmethoden als Hilfe beim Umweltschutz
Emissionsmessungen praxistauglicher, günstiger und dauerhafter verfügbar zu machen und damit Klimaschutz- und Umweltmaßnahmen in der Tierhaltung gezielter zu unterstützen ist Ziel des Projekts EmiMod. Klassische Referenzmessungen seien sehr aufwendig; neue Sensorsysteme, Modellbetrachtungen und KI-gestützte Auswertungen böten praxisnähere Alternativen bei geringerem Aufwand, müssten aber hinsichtlich ihrer Genauigkeit näher geprüft werden, berichtete Dr. Ulrike Wolf, Projektkoordinatorin beim Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) in Darmstadt.
„Die Kombination aus vereinfachten Messungen, Simulationen und KI ermöglicht kontinuierlichere und umfassendere Emissionsbewertungen“, stellte Wolf in Aussicht. Die geplante EmiMod-Web-Anwendung biete Wissenschaftler/-innen, Behörden und Beratung die Möglichkeit, sich umfassend über die alternative Emissionsmessmethoden zu informieren und ermögliche eine Einschätzung zur Eignung der Methoden ja nach Untersuchungsfragestellung.
Geruchsmessung: Mensch urteilt oft subjektiv
Der LWK-Geschäftsbereich LUFA Nord-West gehört zu den Akteur/-innen des Projekts EmiMod: Lars Broer, Leiter der Emissions- und Immissionsmessstelle, berichtete in Verden über die Geruchsmessungen rund um den Außenklimastall der LWK in Wehnen (Kreis Ammerland). Klassische Verfahren zur Geruchsbeurteilung, vor allem Begehungen und Fahnenmessung mit Prüfer/-innen, seien sehr aufwendig, wetterabhängig und subjektiv, betonte Broer.
Im Mittelpunkt von Broers Ausführungen stand die automatisierte, windgesteuerte Probenahme, die Geruchsstoffe gezielt in Abhängigkeit von Windrichtung und -stärke erfasst und so eine objektive Bestimmung der Geruchsfahne ermöglicht. Für Schweineställe eignet sich das Stoffwechselprodukt p-Kresol als Leitkomponente, da dessen messbare Abnahme mit zunehmender Entfernung vom Stall eine verlässliche Beschreibung der Geruchsausbreitung und -intensität erlaubt.
Tierwohl und Emissionen: Vollzugshilfe soll Klarheit bringen
Zur Steigerung des Tierwohls gewinnen in der Mastschweinehaltung Außenklimaställe mit oder ohne Auslauf zunehmend an Bedeutung. Doch wie lassen sich deren Emissionen einschätzen, wenn die aktuelle Gesetzeslage eher noch auf geschlossene, zwangsgelüftete Schweineställe ausgerichtet ist? Nils Rehmann vom Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen erläuterte die dazu im Nachbar-Bundesland entwickelte Vollzugshilfe zur Ermittlung von Ammoniak- und Geruchsemissionen bei alternativen Tierwohlställen mit Außenklima. „Da bestehende Emissionsfaktoren auf konventionellen Ställen basieren, führen sie bei modernen Haltungsformen häufig zu deutlichen Überschätzungen der tatsächlichen Emissionen“, so Rehmann.
Emissionen würden künftig über ein modulares System mit Änderungsfaktoren wie Fütterung, Fläche, Verschmutzung, Überdachung des Auslaufs und Kot-Harn-Trennung praxisnäher berechnet, berichtete Rehmann. Entscheidender Einflussfaktor sei die Ausbildung von Funktionsbereichen – also Bereiche für Fütterung, Aktivität, Ruhe und für die „Schweinetoilette“. Bei ausreichend Platz könne dies die emissionsrelevante Fläche deutlich reduzieren. „Tierwohlställe werden bei geeigneter Gestaltung nicht zwangsläufig höhere Emissionen verursachen – sie lassen sich sogar emissionsärmer betreiben.“
Geflügelmast: Emissionen senken, Ergebnisse verbessern
In der Geflügelmast Tierwohl, Umweltwirkung und ökonomische Ergebnisse gleichermaßen verbessern: Das ist Ziel des Klimatechnik-Herstellers Inno+ aus dem niederländischen Panningen. Geschäftsführer Maurice Ortmans stellte auf der LWK-Fachtagung Stallkonzepte vor, die Emissionsminderung mittels Abluftwäscher mit moderner Klima- und Energietechnik (Wärmepumpen für Heizung und Kühlung) kombinieren. „Eine möglichst gut auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmte Zuluftkonditionierung senkt nicht nur die Emissionen, sondern reduziert Hitzestress, verbessert die Futteraufnahme sowie die Leistung und senkt Tierverluste“, fasste Ortmans zusammen.
Eine Abluftreinigung und eine gesteuerte Lüftung könnten Emissionen von Geruch, Ammoniak und Staub deutlich mindern, führte der Inno+-Chef weiter aus. Elektrifizierte Systeme mit Wärmepumpen ermöglichten den Verzicht auf fossile Energieträger und verbesserten bei Nutzung erneuerbarer Energien die Klimabilanz. „Die Wirtschaftlichkeit hängt stark von den Energiekosten ab, insbesondere vom Strompreis.“
Gülle-Zusatzstoff als Emissions-Stellschraube
Der Güllezusatzstoff Eminex soll Methan- und CO2-Emissionen während der Güllelagerung unterdrücken und damit den Betrieben helfen, klimaschädliche Emissionen zu vermeiden. Henrike Jansen, Leiterin des Sachgebiets Projekt- und Versuchswesen im LWK-Fachbereich Tierzucht, Tierhaltung, Versuchswesen, hat im transparenten Mastschweinestall der LWK in Quakenbrück-Vehr unter praxisnahen Bedingungen mit 200 Schweinen untersucht, wie sich Emissionen, Leistung und Gülleeigenschaften durch die Güllebehandlung mit Eminex verändern.
„Methanemissionen werden im Stall um etwa 30 Prozent reduziert, die Ammoniakemissionen verändern sich kaum – mit leichter Tendenz zur Minderung“, fasste Jansen zusammen. Zusammen mit Benedikt Kappelsberger, Produktmanager beim Chemieunternehmen Alzchem im oberbayerischen Trostberg, präsentierte Jansen Ergebnisse eines ersten Versuchs – ein weiterer läuft aktuell in Quakenbrück-Vehr, mit ersten Ergebnissen ist Ende 2026 zu rechnen. „Die Reduzierung der Methanemissionen beruht auf mikrobiologischen Vorgängen, dadurch sinkt der pH-Wert und es verbleiben höhere Anteile an organischer Substanz und Stickstoff in der Gülle“, berichtete Jansen. Mit Eminex verbesserten sich die Homogenität und die Fließeigenschaften, was Vorteile bei der Ausbringung und Düngung mit sich bringe, ergänzte Kappelsberger.
Was bringt die neue EU-Industrieemissionsrichtlinie?
Europaweit harmonisierte Anforderungen für Genehmigungen, Überwachung und Emissionsminderung, vor allem für Anlagen der Schweine- und der Geflügelhaltung, sind Ziel der neuen EU-Industrieemissionsrichtlinie (IED 2.0). Dr. Gabriele Borghardt, Expertin für Luftreinhaltung im Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau, arbeitete auf der LWK-Tagung heraus, dass Emissionsminderung in der Tierhaltung künftig in Europa stärker reguliert, aber auch standardisierter wird.
Künftig seien deutlich mehr Tierhaltungsbetriebe von den Emissions-Regeln der IED betroffen, hob Borghardt hervor. Die Einführung sei schrittweise bis 2032 geplant. Techniken wie nährstoffangepasste Fütterung, Kot-Harn-Trennung, Lüftungssysteme und Emissionsminderung im Stall und bei Wirtschaftsdüngern gewännen damit an Bedeutung. Für das Monitoring seien überwiegend rechnerische Verfahren (Massenbilanzen) statt aufwendiger Messungen vorgesehen.
Abluft-Messung: Klare Kennzahl statt Momentaufnahme
Messungen sind das Metier von Thorsten Becker, der sich in der Emissions- und Immissionsmessstelle am Institut für Boden und Umwelt der LUFA Nord-West unter anderem mit Funktionsprüfungen von Abluftreinigungsanlagen befasst. Herkömmliche Methoden lieferten oft nur Momentaufnahmen, seien für Betreiber/-innen schwer nachvollziehbar und bildeten die tatsächliche Reinigungsleistung im laufenden Betrieb unzureichend ab, berichtete Becker. „Daher wurde die zielgasbasierte Funktionsprüfung (ZFP) entwickelt, die direkt die Ammoniakabscheidung über kontinuierliche Messungen von Roh- und Reingas bewertet.“
Die ZFP böte durch eine kontinuierliche Ammoniak Messung eine transparente Kennzahl und erkenne Störungen frühzeitig, so Becker. Aus seiner Sicht ein Vorteil für die Anagen-Betreiber/-innen: Praxisbeispiele zeigten, dass viele Anlagen zeitweise nicht ordnungsgemäß arbeiteten und dadurch Emissionen sowie unnötige Betriebs- und Energiekosten entständen. „Durch gezielte Wartung auf Basis der ZFP-Messdaten können sowohl die Reinigungsleistung als auch die Wirtschaftlichkeit deutlich verbessert werden.“
Ansäuern: Ammoniakverluste bei Gülle-Düngung reduzieren
Nicht nur im Stall gibt es Stellschrauben, um Emissionen aus der Tierhaltung zu verringern, sondern auch auf dem Feld: Roman Mödden betreut im LWK-Fachbereich Pflanzenbau das Projekt Säure+ im Feld. „Die Ansäuerung von Gülle und Gärrückständen mit Schwefelsäure während der Ausbringung in wachsende Bestände ist eine sehr wirksame Maßnahme zur Reduktion von Ammoniakverlusten und zur Verbesserung der Nährstoffeffizienz“, sagte Mödden.
Ammoniakverluste seien stark von der Ausbringtechnik abhängig – durch Ansäuerung ließen sie sich auf unter zehn Prozent reduzieren und damit deutlich stärker als konventionelle Verfahren, hob Mödden hervor. „Die Wirkung der Ansäuerung beruht auf der Absenkung des pH-Wertes – auf diese Weise können Emissionen um über 95 bis 99 Prozent reduziert werden.“
In der Praxis führe dies häufig zu einer besseren Stickstoff-Ausnutzung und in etwa 80 Prozent der Versuche zu Ertragssteigerungen, besonders auf schwächeren Standorten und bei ungünstigen Witterungsbedingungen, so Mödden weiter. Der Effekt hänge stark von Einsatzbedingungen ab, also von Witterung, Boden, Kultur und Dosierung.
Mehr Herausforderungen – aber auch mehr Lösungen
„Die Herausforderungen bei der Bewertung und bei der Senkung von Emissionen aus der Tierhaltung sind komplex und werden eher zunehmen als abnehmen“, fasste Dr. Neele Dirksen, Leiterin des LWK-Fachbereichs Tierzucht, Tierhaltung, Versuchswesen, die Ergebnisse der Tagung zusammen. „Gleichzeitig verfügen wir aber über ein wachsendes Spektrum an Lösungen – technisch, wissenschaftlich und praktisch erprobt.“
Entscheidend werde sein, dass diese Lösungen ihren Weg in die Anwendung finden, fügte Dirksen hinzu. „Dafür braucht es neben Innovation und Forschung vor allem auch Verlässlichkeit in der Genehmigungspraxis und einen engen Austausch zwischen allen Beteiligten.“
Die Tagungsunterlagen in Form eines digitalen Tagungsbands sind in Kürze über unsere Website abrufbar.
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