Gartenbau: Nachhaltige Produktionsweisen im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen auf dem Ahlemer Forum der Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Kaufzurückhaltung auf dem Zierpflanzenmarkt
Wer mit nachhaltig erzeugten Produkten Erfolg haben will, muss die Situation auf dem Markt möglichst gut kennen. Die aktuelle Lage ist ernüchternd: „Im Jahr 2025 kämpfte der Zierpflanzenmarkt mit der Kaufzurückhaltung der Endkunden“, berichtete Britta Tröster, Marktanalystin für Blumen und Zierpflanzen bei der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI). „Das Vorjahresniveau konnte nicht gehalten werden. Das Thema Nachhaltigkeit wird bisher kaum in den Endverbrauchermarkt kommuniziert.“ Die Ausnahmen bildeten Tröster zufolge aus der Lebensmittelbranche bekannte Label wie „fairtrade“, „bio“ oder „regional“. Vor allem im Systemhandel, der nach wie vor die Mengen im Markt drehe, spiele für den Endkunden erkennbare Nachhaltigkeit bei Zierpflanzen kaum eine Rolle. „Vielleicht kann der Fachhandel in Zukunft mit erkennbarer Nachhaltigkeit punkten“, sagte Tröster weiter.
Betriebskonzept: ökologisch und regional
Auch wenn Nachhaltigkeit im Gartenbau noch kein Selbstläufer ist, gibt es bereits Betriebe, die zielsicher in dieser Sparte unterwegs sind. Einen nachhaltigen und regionalen Ansatz verfolgt etwa Oliver Krebs bei der öko-zertifizierten Produktion von Kräutern, Gemüse und Zierpflanzen in Loxstedt-Bexhövede (Kreis Cuxhaven): Das Familienunternehmen bezieht Wärme von einer nahegelegenen Biogasanlage, setzt Nützlinge ein, nutzt torfreduzierte Substrate und möglichst wenig Plastiktöpfe. Alle Mutterpflanzen sind vor Ort.
„Wir haben unsere Produkte so gestaltet, dass sie unsere Umwelt, unsere Gesellschaft und die zukünftigen Generationen nicht schädigt“, berichtete Krebs auf dem Ahlemer Forum im Rückblick auf den Umstellungsprozess im Sortiment und in der Produktion, der mehrere Jahre in Anspruch nahm. Um mit Bio-Artikeln Geld zu verdienen, bedürfe es guter Beratung, viel Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen – und dazu Mut, Geduld und Ausdauer, fasste Krebs zusammen.
Gesamter Lebenszyklus bedeutsam für Nachhaltigkeitskriterien
Wie lässt sich Nachhaltigkeit im Zierpflanzenbau überhaupt messen, und welche Kriterien spielen hierbei die wichtigste Rolle? Dieser Frage ging Prof. Dr. Heiko Mibus-Schoppe in seinem Vortrag nach. „Eine belastbare Nachhaltigkeitsbewertung von Zierpflanzen ist nur über eine ganzheitliche Betrachtung des gesamten Lebenszyklus möglich“, betonte der Leiter des Instituts für urbanen Gartenbau und Pflanzenverwendung an der Hochschule Geisenheim (Rheingau-Taunus-Kreis/Hessen). Einzelmaßnahmen oder isolierte Kennzahlen griffen zu kurz und könnten zu Fehlinterpretationen führen.
Wer die Nachhaltigkeit im Zierpflanzenbau erforsche, bewerte zentrale ökologische, ökonomische und soziale Bewertungsinstrumente sowie deren Grenzen in Praxis und Vergleichbarkeit, erläuterte Mibus-Schoppe. „Besonderes Augenmerk liegt auf der bislang häufig unterschätzten Jungpflanzenproduktion, dem hohen Einfluss von Energieeinsatz und Verpackung sowie auf Zielkonflikten zwischen Ressourceneffizienz, Produktqualität und sozialen Standards.“ Eine Nachhaltigkeitsbewertung, die auf unabhängig gewonnenen, nachvollziehbaren Fakten aufbaue, bilde eine wichtige Grundlage für Forschung, betriebliche Entscheidungen, politische Beratung und für eine transparente Kommunikation gegenüber den Verbraucherinnen und Verbrauchern.
Verschiedene Energieträger und ein großer Wärmespeicher
Wie Nachhaltigkeit in Bezug auf das Energiekonzept eines Betriebes aussehen kann, erläuterte Gartenbauunternehmer Jörn Greiving. Er setzt in seinem Unternehmen in Wietmarschen (Grafschaft Bentheim) auf eine Kombination aus Biogas-Fernwärme, Holzhackschnitzel- und Blockheizkraftwerk, Photovoltaik, Erdgas und einen Wärmespeicher, um seine Gewächshäuser möglichst flexibel, kostensparend und zugleich möglichst autark mit Wärme und Strom zu versorgen. Als Hauptwärmequelle dient eine regionale Biogasanlage, der Gaskessel kommt nur bei extremer Kälte zum Einsatz. „Statt einer Einzellösung ist Flexibilität wichtig, um die Abhängigkeit von den volatilen Energiemärkten zu verringern“, betonte Greiving.
Bewertungssystem als Werkzeug für die Praxis
Neben Professor Mibus-Schoppe setzt sich auch Robert Luer, Geschäftsführender Leiter des Zentrums für Betriebswirtschaft im Gartenbau (ZBG) an der Universität Hohenheim (Stuttgart), mit Bewertungskriterien für Nachhaltigkeit auseinander. Derzeit entwickele der Nachhaltigkeitsrat für den deutschen Gartenbau ein praxisnahes Bewertungssystem, berichtete Luer den rund 60 Besucher/-innen des Ahlemer Forums. Ziel ist Luer zufolge ein Werkzeug, kein Zusatzordner im Büro. „Es zeigt Betrieben klar, wo sie wirtschaftlich, ökologisch und sozial stehen – und wie sie sich gezielt weiterentwickeln können – mit so wenig Mehraufwand wie möglich, unter anderem durch digitale Schnittstellen.“
Das System mache die Leistungen der Gartenbaubetriebe sichtbar – dies sei hilfreich im Gespräch mit Kundinnen und Kunden, Banken und in der eigenen Branche, fügte Luer hinzu. Die Branche definiere die Maßstäbe mit – es werde nichts von außen übergestülpt. „Wir entwickeln nicht am Schreibtisch: Der Prototyp wird mit Betrieben erprobt, und das Feedback fließt direkt in die Weiterentwicklung ein.“
Grüne Fassaden als Antwort auf ökonomische und ökologische Fragen
Über die einzelne produzierte Pflanze hinaus können Fassadenbegrünungen eine besondere Bedeutung bei der Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit haben: „Fassadenbegrünungen bieten eine ganzheitliche Lösung für ökologische und ökonomische Herausforderungen in Städten“, sagte Dr. Christian Engelke, Inhaber des Gartenbauunternehmens Engel&Engelke aus Bückeburg (Kreis Schaumburg). „Fassadenbegrünungen vereinen Klimaschutz, Energieeffizienz und ästhetische Vorteile, während sie die Lebensqualität der städtischen Bevölkerung verbessern.“ Ihre Förderung sollte nach Ansicht von Engelke ein integraler Bestandteil moderner Stadtentwicklung sein.
Die Vorteile von Fassadenbegrünungen für die Umwelt sollten die Betriebe aus marketingtechnischer Sicht nutzen, machte Engelke den anwesenden Branchenfachleuten deutlich. „Konsumentinnen und Konsument müssen hier abgeholt werden.“ Wer in diese Produktsparte einsteige, müsse die Unternehmensorganisation anpassen, denn mit der Diversifizierung des bestehenden Leistungsportfolios wüchsen die Anforderungen.
Beßler: Branche offen für Veränderungen
„Das große Interesse am diesjährigen Oberthema Nachhaltigkeit zeigt deutlich den erklärten Willen der Gärtnerinnen und Gärtner, sich intensiv mit notwendigen Veränderungen auseinanderzusetzen. Mit Veranstaltungsformaten wie unserem Ahlemer Forum können wir sie dabei unterstützen und Anregungen für gemeinsame Lösungen anbieten“ betonte Prof. Dr. Bernhard Beßler, Leiter des LWK-Geschäftsbereichs Gartenbau, der auch in diesem Jahr wieder das Ahlemer Forum moderierte.
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