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Algenproduktion - ein neues Standbein für landwirtschaftliche Betriebe?

Viele Betriebe der Landwirtschaft und des Gartenbaus suchen nach Alternativen zur herkömmlichen Erzeugung. Die Zeiten sind derzeit in vielen Produktionsbereichen nicht rosig, da kommen innovative Erzeugnisse wie Algen gerade recht. Für wen sich die Kultur eignet und welche baurechtlichen und anbautechnischen Herausforderungen bedacht werden müssen, lesen Sie in folgendem Artikel.


Ein Jungunternehmer – Landwirtssohn aus Niedersachsen – hatte bereits vor mehr als drei Jahren die Algen für sich entdeckt. Der Start in sein innovatives Vorhaben Algenanbau wurde ihm aber nicht leichtgemacht. Die Vorplanungen mit der Baugenehmigung bis zum ersten Spatenstich für das 2.500 m2 große Produktionsgewächshaus haben mehrere Monate in Anspruch genommen. Die zuständige Bauverwaltung hatte Zweifel daran, dass es sich hier um Landwirtschaft im Sinne des § 201 BauGB handelt und für das Vorhaben eine Privilegierung nach § 35.1 BauGB besteht. Die Erzeugung von Algen im Gewächshaus wurde eher im gewerblichen Bereich gesehen, statt im für die Landwirtschaft und den Gartenbau privilegierten Außenbereich.

Mit Unterstützung des Geschäftsbereiches Gartenbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen konnten letztendlich die Zweifel der Bauverwaltung ausgeräumt werden. Im Frühjahr 2019, pünktlich zum Saisonstart, war das neue Gewächshaus mit allen Produktionsbecken errichtet. Der Start verlief, wie häufig bei innovativen Vorhaben, zunächst recht holprig. Vor allem die Ernte der Algen und auch die Trocknung gestalteten sich problematisch, zudem entsprach die Reproduktionsrate nicht den Erwartungen. Zwischenzeitlich konnten die Ernte- und Trocknungsprobleme weitestgehend gelöst werden und der Jungunternehmer hat seine Entscheidung nach eigener Aussage nicht bereut. Schon bald soll ein zweiter Bauabschnitt folgen, dann als verfahrensfreies Gewächshaus.

Aber es gibt auch andere Beispiele: Betriebe, die viel Geld und Zeit in die Algenproduktion investiert haben, um dann nach zwei Produktionsjahren zu dem Schluss zu kommen, diesen Produktionszweig besser wieder aufzugeben.

Mit dem Thema „Algen“ beschäftigt sich schon seit Jahren Rudolf Cordes. Er war dann auch Initiator der am 01.08.2020 in Langförden gegründeten „Deutsche Algen Genossenschaft eG“ (DAG). Dieser Vermarktungsgenossenschaft gehören derzeit 14 Betriebe mit einer Produktionsfläche von insgesamt 27 500 m2 an. Für das Jahr 2021 sollen den Angaben nach weitere rund 45 000 m2 Gewächshausfläche hinzukommen. Nach Aussage von Herrn Cordes gibt es eine ganze Reihe weiterer Interessenten.

Die Betriebe produzieren in erster Linie Spirulina-Algen im offenen Becken, dem sogenannten Open-Pond-System. Der „Anbau“ beginnt im März/April, dann werden die desinfizierten Produktionsbecken mit einer Starterkultur beimpft. Im nährstoffhaltigen Wasser reproduzieren die Algen sich je nach Sonneneinstrahlung und Wärme schnell und werden dann täglich, meist bis Oktober/November, beerntet. Die Ernte der Algen erfolgt mit Hilfe speziell entwickelter Beerntungsmaschinen. Die dabei gewonnene „Algenpaste“ wird anschließend getrocknet und kann dann als Rohstoff an den Verarbeiter, wie die Lebensmittelindustrie, Pharmazie, Kosmetik etc. geliefert werden.

Neben den in der Genossenschaft organisierten Algenproduzenten gibt es einige weitere Betriebe, die sich mit Algenerzeugung beschäftigen. Nicht alle produzieren im Gewächshaus, eine Algenerzeugung ist auch im sogenannten Mattenreaktor im Freiland möglich. Die Produktionsfläche ist dann mit der einer Containerkulturfläche mit Wasserrückführung zu vergleichen.

Der Weg zum erfolgreichen Algenproduzenten ist nicht einfach, es gibt kaum verlässliche betriebswirtschaftliche Datengrundlagen. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit ist die Menge produzierter Biomasse und der Preis pro kg Trockenmasse. Am Markt ist der Preisdruck durch Ware aus Asien nicht zu unterschätzen. Die Reproduktionsraten der Algen wie bei Spirulina oder Chlorella vulgaris sind aus Laborversuchen hinlänglich bekannt. In der Praxis sieht es dann aber oft ganz anders aus. Hinzu kommen, insbesondere bei Chlorella vulgaris, die Gefahr der Verunreinigung mit anderen Algen oder das Vorhandensein von Fressfeinden, die den Bestand innerhalb kürzester Zeit dezimieren können. Es ist daher jedem, der in das Algengeschäft einsteigen möchte, zu empfehlen, sich im Vorfeld intensiv mit der Biologie der Algen zu beschäftigen. Ein kleines Labor, um die Wasserqualität regelmäßig zu kontrollieren und die Ernährung optimal einstellen zu können, ist sehr hilfreich.

Bei dem einen oder anderen ist, wie schon gesagt, die anfängliche Euphorie in Ernüchterung umgeschlagen. Die Erzeugung von Algen ist kein Selbstläufer! Systemanbieter gibt es einige, sie sind voller Optimismus. Da sei die Frage erlaubt: Warum produzieren sie nicht selber im größeren Umfang?

 


Dieser Artikel ist erstmalig in der TASPO-Ausgabe 52/2020 erschienen. 

Weitere Artikel zu dem Thema: Mikroalgenerzeugung im Baurecht

Weitergehende Informationen:

Rath, T.; Lüttmann, R. (2020): Verfahrenstechnik und rechtliche Einordnung der Mikroalgenproduktion im gärtnerischen Betrieb. KTBL-Arbeitsblatt 0741. Bezug über den KTBL-Shop möglich.


Kontakt:
Ralf Lüttmann
Berater Träger öffentl. Belange (Fachbereich 5.4), Betriebswirtschaft im Gartenbau, Baumschulproduktion, Sozioökonomie
Telefon: 04403 9796-55
Telefax: 04403 9796-65
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Stand: 28.04.2021