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Landessortenversuche 2020: Hafer

Die Gesundungsfrucht Hafer bietet zahlreiche Vorteile wenn es darum geht, enge Fruchtfolgen aufzulockern. Aber auch bei den Verbrauchern und Verarbeitern besteht zunehmendes Interesse an diesem Getreide aus heimischem Anbau .

Der Haferanbau gewinnt in Niedersachsen weiter an Bedeutung. War der sprunghafte Anstieg im Jahr 2018 in erster Linie dadurch zu begründen, dass zuvor im Herbst viele Flächen nicht mit Winterungen bestellt werden konnten, wird der Hafer zunehmend auch als günstige Auflockerung bestehender Fruchtfolgen angesehen. Insbesondere in den Marschregionen, wo auch im vergangenen Herbst nicht alle für den Weizen vorgesehenen Flächen bestellt werden konnten, entschieden sich die Landwirte weniger für den Sommerweizen, sondern stärker für den Hafer. Der deutlich reduzierte Pflanzenschutzaufwand in dieser Kultur ist dabei sicherlich auch ein wichtiger Aspekt. Mit 14.700 ha Anbaufläche, die vom Landesamt für Statistik Niedersachsen (LSN) für 2020 ausgewiesen wurden, konnte knapp das Spitzenergebnis aus 2018 erreicht werden. Im Landesdurchschnitt wurde mit 51,9 dt/ha insgesamt ein leicht überdurchschnittlicher Ertrag erzielt. Die ab April beginnende und bis Ende Mai anhaltende Trockenphase wirkte sich weniger gravierend auf die Bestände aus als es die Sommertrockenheit in den beiden Vorjahren vermochte.

Erträge der Sorten

In den Landessortenversuchen Hafer wurden in den zwei Anbauregionen „Sandstandorte Nordwest“ und „Marsch, lehmige Standorte Nordwest“ lediglich die sechs im vergangenen Jahr empfohlenen Sorten weitergeprüft. Neuzulassungen durch das Bundessortenamt gab es dieses Jahr nicht. In der Anbauregion „Sandstandorte Nordwest“ konnten 2020 mit Holtorfsloh (LK WL) und Rupennest (LK EL) zwei Standorte aus Niedersachsen sowie ein Standort aus Schleswig-Holstein in die Auswertung einfließen. Die Anbauregion „Marsch, lehmige Standorte Nordwest“ umfasste insgesamt 10 Standorte der vier Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Aus Niedersachsen konnten die Standorte Astrup (LK OS) und Poppenburg (LK HI) mit einfließen.

Zu den bereits vor bzw. seit 2015 im Landessortenversuch (LSV) geprüften Sorten zählen Max, Symphony und Apollon. Delfin befindet sich im vierten, Armani im dritten und Lion im zweiten LSV-Prüfjahr. In den zusammengefassten mehrjährigen Ergebnissen 2016 bis 2020 wurden wieder Ergebnisse aus Wertprüfungen des Bundessortenamtes berücksichtigt, die in der Anbauregion Marsch, lehmige Standorte Nordwest durchgeführt wurden. Dies macht die Sortenbeurteilung der neueren Kandidaten entsprechend belastbarer.

Auf den Sandstandorten Nordwest wurden durchschnittlich 50 dt/ha geerntet, wobei vor allem der südwestliche Standort Rupennest durch die zeitweilige Trockenphase beeinträchtigt wurde.

Gegenüber dem Vorjahr zeigten sich viele Sorten in ihren Ertragsleistungen gegenläufig. So konnte dieses Jahr Symphony mit rel. 103 und gleichmäßigen Erträgen an den einzelnen Standorten überzeugen, während sie 2019 deutlich enttäuschte. Das gleiche trifft auch für Delfin zu, die bei gleich guter Ertragsleistung etwas schwankendere Ergebnisse erzielte. Max konnte die sehr guten Leistungen des Vorjahres nicht wieder erreichen, sondern zeigte mit rel. 98 das erwartbare Ergebnis. Auch Apollon blieb etwas hinter dem Vorjahresergebnis zurück. Mit stärker schwankenden Leistungen an den einzelnen Standorten lieferte Armani insgesamt mit rel. 101 wieder ein gutes Ergebnis. Lion konnte auf den beiden niedersächsischen Standorten nicht überzeugen und schnitt mit rel. 97 am schwächsten ab.

Mehrjährig betrachtet lieferte Symphony dank guter aktueller, insgesamt jedoch schwankender Erträge in den Einzeljahren überdurchschnittliche Leistungen. Armani erreichte in allen drei Jahren konstante und im Mittel überdurchschnittlich Ergebnisse.

Die Sorte Delfin konnte dieses Jahr wieder an die guten Ergebnisse aus dem Jahr 2017 anknüpfen und macht damit die schwächeren Erträge aus den Trockenjahren 2018 und 2019 wieder wett. Apollon und die zweijährig geprüfte Sorte Lion rutschen in den mehrjährigen Leistungen aufgrund der unterdurchschnittlichen aktuellen Ergebnisse etwas ab. Max erreichte wie im Vorjahr mehrjährig betrachtet nur unterdurchschnittliche Erträge.

Symphony, Delfin und Armani sind aufgrund ihrer guten mehrjährigen Erträge für diese Anbauregion in erster Linie für die Fütterung als empfehlenswert eingestuft worden. Dank guter Qualitätseigenschaften wird die zweijährig geprüfte Sorte Lion als Qualitätshafer mit Schwerpunkt hohes Hektolitergewicht (hl-Gewicht) für die Vermarktung empfohlen, ebenso nach wie vor auch die etwas ertragsschwächere Sorte Max. Apollon erhält noch eine eingeschränkte Empfehlung, da die Ertragsunterschiede zwischen den Sorten recht gering sind und sie in den Qualitätseigenschaften keine Schwächen zeigte.

In der Anbauregion Marsch, lehmige Standorte Nordwest wurden mit 82,6 dt/ha die seit Jahren höchsten Erträge erzielt. Dies lag allerdings weniger an den beiden niedersächsischen Standorten, die mit 57 bzw. 67 dt/ha relativ schwache Werte erreichten. Vielmehr wurde in Schleswig-Holstein an Einzelstandorten mit über 100 dt/ha das Ertragsniveau deutlich angehoben. Aber auch in Nordrhein-Westfalen sowie Hessen lagen die Erträge höher. Die Wasserverfügbarkeit der Standorte bestimmte auch hier die Ertragsleistungen, die in den Nachbarländern günstiger war. Während am Standort Astrup (LK OS) die Trockenheit im April und Mai die Bestände beeinflusste, fehlten am Standort Poppenburg (LK HI) in der Kornfüllungsphase scheinbar die Wasservorräte.

Die Sortenunterschiede waren in dieser Anbauregion im Mittel der Standorte relativ gering. So bewegten sich die Erträge in einem Bereich von rel. 98,6 bis 101,3. Zwischen den Standorten waren die Unterschiede wesentlich ausgeprägter, auch innerhalb Niedersachsens.

Armani, Delfin, Lion und Symphony lieferten in dieser Anbauregion die besten Erträge im Mittel der Standorte. Apollon und Max lagen dahinter. Auch mehrjährig betrachtet liegen die Ergebnisse der Sorten ebenfalls eng beieinander.

Die schwachen Vorjahresleistungen konnte Delfin dieses Jahr ausgleichen und sie zählt daher zu den ertragsstärksten Sorten, gefolgt von Armani und Lion. Dahinter folgen in abnehmender Reihenfolge Symphony, Apollon und Max.

Für diese Anbauregion sind aus ertraglicher Sicht Delfin und Armani für den Anbau zu empfehlen. Mit etwas schwächeren Erträgen erhalten Symphony und Apollon auch noch eine eingeschränkte Empfehlung, da die Ertragsunterschiede relativ gering ausfallen. Mit guten Erträgen und Qualitäten zeichnet sich nach zwei Prüfjahren Lion aus und kann daher vor allem auch für die Vermarktung angebaut werden. Die Sorte Max ist auch hier für den Anbau empfehlenswert, wenn die Priorität auf hohe hl-Gewichte und geringe Spelzanteile gelegt wird.

 

Ergebnisse der Qualitätsuntersuchungen

Die Nachfrage nach Qualitätshafer nimmt seitens der aufnehmenden Hand weiter zu. Daher sollte versucht werden, diesen Markt stärker durch heimischen Anbau zu bedienen. Wie bei anderen Kulturen auch - als Beispiele seien hier der Qualitätsweizen- oder der Braugerstenanbau genannt – sollten, wenn möglich, bereits vor der Aussaat die Abrechnungsmodalitäten für die Qualitätsparameter beim Verkauf abgestimmt werden. Entsprechende Qualitätsaufschläge bei der Vermarktung als Industriehafer für die Nährmittelherstellung oder aber der Direktverkauf an Pferdehalter machen den Haferanbau wirtschaftlich interessanter.

Um Preisaufschläge für Industriehafer zu bekommen, müssen jedoch Mindestanforderungen des Handels erfüllt werden. Dieses gelingt oftmals nicht. Nach wie vor ist das Hektolitergewicht eines der wichtigsten Kriterien. Gefordert werden Gewichte von 54 kg/hl, für die Einstufung als Qualitätshafer sind es sogar 55 kg/hl.

Die in den Landessortenversuchen geprüften Sorten erreichten die geforderten Werte seit 16 Jahren nicht mehr. Bei den diesjährigen Qualitäten waren die Unterschiede zwischen den Standorten gravierend. Überraschenderweise konnten am Standort Holtorfsloh alle Sorten hl-Gewichte von oberhalb 51 kg erreichen, Max sogar die geforderten 55 kg. Auf dem Bördestandort Poppenburg hingegen lagen alle Sorten unter 50 kg. Hier reichte scheinbar die Wasserversorgung für eine optimale Kornausbildung nicht aus. Im Mittel der 12 Prüfstandorte wurden mit einem hl-Gewicht von 51,6 kg jedoch bessere Werte erreicht als in den letzten vier Jahren. Dabei erreichte Max wie in den Vorjahren die besten Werte, knapp dahinter lieferte die zweijährig geprüfte Sorte Lion die zweitbesten Ergebnisse.

Die geforderten Mindestwerte von 27 g/i. Trs. beim TKM und 20 g/i. Trs. Tausendkerngewicht (TKM abzüglich Spelzen) wurden von allen Sorten klar erfüllt. Dieser letztgenannte Parameter wurde allerdings nur auf den vier niedersächsischen Standorten bestimmt und liegt gegenüber den Vorjahren deutlich höher. In beiden Kriterien erreichten Symphony und Apollon die besten Werte.

Bei der Produktion von Haferflocken wird Wert auf einen möglichst geringen Anteil an Spelzen gelegt. Der Spelzanteil lag in den Versuchen 2020 mit 25,7 % innerhalb der geforderten Norm von max. 26 %. Die geringsten Spelzanteile wiesen mit 24,0 und 25 % Lion und Max auf. Diese beiden Sorten heben sich auch mehrjährig betrachtet deutlich von den übrigen Sorten ab.

Um einen erfolgreichen Haferanbau zu fördern, sollte die Aussaat erfolgen, sobald es die Witterungs- und Bodenverhältnisse im Frühjahr zulassen. Die Ausnutzung der Winterfeuchtigkeit wirkt sich positiv auf den recht hohen Wasserbedarf aus. Insbesondere die Wasserversorgung ist, wie die Jahre 2018 und 2019 gezeigt haben, einer der wichtigsten Faktoren, um entsprechende Qualitäten zu erreichen. Die deutschen Hafermühlen sind noch immer darauf angewiesen, Hafer aus Skandinavien und England zu importieren, um ihren Bedarf an erforderlichen Qualitäten zu decken.

Für die Produktion von Qualitätshafer gilt es, die genetisch fixierten Sortenunterschiede zu berücksichtigen.

Die empfohlenen Sorten im Einzelnen:

Max ist zur Erzeugung von Qualitätshafer nach wie vor die Sorte der Wahl, da sie in der Kombination von hohen hl-Gewichten und geringem Spelzanteil über die Jahre die besten Ergebnisse liefert. Dies mag in erster Linie der Grund für die mit Abstand höchste bundesweite Vermehrungsfläche unter den Hafersorten sein, die sich in den letzten Jahren jeweils nochmals deutlich erhöht hat. Sie wird daher vornehmlich als qualitätsbetonte Sorte für den Anbau empfohlen. Ertraglich konnte sich Max in den beiden Trockenjahren recht gut behaupten, fiel in diesem Jahr jedoch auf das mehrjährige Ertragsniveau zurück. Agronomisch ist die im Vergleich zu den anderen Prüfkandidaten höhere Lagerneigung zu beachten.

Lion konnte die recht hohen Erwartungen im Prinzip erfüllen, da sie zumindest auf den besseren Standorten das gute Vorjahresergebnis bestätigen konnte. Neben der Sorte Max ist Lion die Sorte mit den besten Qualitätseigenschaften.

Delfin konnte mehrjährig betrachtet ertraglich in beiden Anbauregionen überzeugen. Die Qualitätsergebnisse waren in den Jahren allerdings etwas schwankend, insbesondere beim Spelzanteil zeigte sie in unseren Versuchen Schwächen. Positiv zu hervorzuheben ist die Unempfindlichkeit gegenüber Mehltau, zu beachten hingegen ist die deutliche Reifeverzögerung im Stroh.

Die dreijährig geprüfte Sorte Armani bestätigte das gute Vorjahresergebnis und zählt damit ebenfalls zu den ertragsbetonten Sorten. Schwächen zeigte die Sorte allerdings im Hektolitergewicht sowie in der nur durchschnittlichen Einstufung gegenüber Lagerneigung und Halmknicken. Im Spelzanteil zählt sie zu den besseren Sorten, ohne jedoch das gute Niveau von Max und Lion zu erreichen.

Symphony wird aufgrund der Ertragsleistungen uneingeschränkt für die Sandstandorte empfohlen, wo sie in diesem Jahr sehr gute Werte zeigte, für die besseren Standorte erfolgte die Empfehlung eingeschränkt, da sie hier insgesamt etwas schwächer abschnitt. Die Erträge von Apollon fielen dieses Jahr leicht unterdurchschnittlich aus. Da die Ertragsunterschiede zwischen den Sorten jedoch in einem recht engen Bereich liegen und Apollon über die Jahre und zwischen den Standorten als recht ertragsstabil einzustufen ist, erhält sie noch eine eingeschränkte Empfehlung bei insgesamt mittleren Qualitäten. Beide letztgenannten Sorten verfügen über sehr hohe Tausendkorn- und Tausendkerngewichte. Bei Apollon ist die Reifeverzögerung im Stroh sowie die Halmlänge zu beachten.

Zusammenfassung

Das Interesse für den Haferanbau zur Erweiterung sehr enger und durch Winterungen dominierter Fruchtfolgen nimmt weiter zu und kann hier als Gesundungsfrucht mit geringer Krankheitsanfälligkeit einen wichtigen Beitrag leisten. Auch von der Vermarktungsseite kommen positive Signale. Künftig muss also versucht werden, den Qualitätshaferanbau zu stärken. Hierfür müssen die entsprechenden Qualitätskriterien relativ sicher erfüllt werden. Die Sortenwahl kann dazu einen wertvollen Beitrag leisten.

Der überwiegende Teil der Haferernte fließt allerdings nach wie vor in die Fütterung. Hierfür spielt in erster Linie der Kornertrag die entscheidende Rolle. Aber auch hier ist beim Verkauf ein hohes hl-Gewicht von Bedeutung. In Abhängigkeit von den Vermarktungsmöglichkeiten sind bei der Anbauplanung die unterschiedlichen Sorteneigenschaften zu berücksichtigen.

 


Kontakt:
Carsten Rieckmann
Pflanzenbau; Leiter Sachgebiet Mähdruschfrüchte, Nutzungssysteme u. Qualitätserzeugung
Telefon: 0511 3665-4357
Telefax: 0511 3665-4508
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Stand: 09.12.2020