Einen Betrieb zu übernehmen, ist schon schwer genug. Ist aber der Hofnachfolger eine Nachfolgerin, wird das häufig immer noch als ungewöhnlich, manchmal sogar kritisch gesehen. Wie gehen junge Unternehmerinnen damit um?
Noch ist es still in dem großen Raum. In der Mitte steht ein Stuhlkreis, auf jedem Stuhl liegt ein Hut: Damenhüte, Herrenhüte, auch ein Cowboyhut ist dabei. Nach und nach treffen die Teilnehmerinnen ein, die sich für das Seminar „Durchstarten als Unternehmerin“ der Landwirtschaftskammer angemeldet haben. Bei der Platzwahl spielt der jeweilige Hut eine Rolle, die Geschmäcker sind verschieden, so dass für jede etwas dabei ist. Für die zuletzt eintreffende Teilnehmerin bleibt nur der Stuhl mit einer knallbunten Narrenkappe übrig. „Soll ich die etwa aufsetzen?“ kommt die entsetzte Frage, aber Referentin Sandra Schmidt beruhigt sofort: „Rollen darf man auch ablehnen!“ Damit sind alle direkt beim Thema des Tages, denn die Unternehmerin steht im Fokus: es geht um Rolle und Leitungskompetenz, Existenzgründung und Hofübergabe. Zentrale Fragen sind: Wie kann ich meine Rolle finden, welche habe ich bereits und will ich sie überhaupt haben? Die Sache mit den Hüten funktioniert: Immer wieder wird dieses Bild von Hut und Rolle aufgegriffen.
Die Teilnehmerinnen kommen aus ganz unterschiedlichen Gegenden, von unterschiedlichen Höfen und aus ganz unterschiedlichen Familienverhältnissen. Aber eines haben alle gemeinsam: Sie sind junge Unternehmerinnen, die einen landwirtschaftlichen Betrieb übernommen haben oder gerade dabei sind, dies zu tun. Dafür suchen sie nach Informationen, Handwerkszeug und der Möglichkeit sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.
Schon in der Vorstellungsrunde wird klar, dass fast alle der jungen Frauen – und auch ihre Familien – sich mit Erwartungen konfrontiert sehen, die sie nicht erfüllen können oder wollen. So ist es immer noch ungewöhnlich und wird von Außenstehenden, teilweise aber auch innerhalb der eigenen Familie, durchaus kritisch gesehen, wenn der Hofnachfolger eine Nachfolgerin ist. Viele von ihnen haben schon einmal an der Richtigkeit ihrer Entscheidung, den Betrieb zu übernehmen gezweifelt. Einer der häufigsten Gründe dafür ist, dass sie sich einer Vielzahl von Aufgaben konfrontiert sehen, die einem männlichen Kollegen nicht zugemutet werden. Dies sind meistens Arbeiten im Haushalt, die Kinderbetreuung oder die Pflege von Familienangehörigen. So war eine der geäußerten Erwartungen an das Seminar: „Wie kann ich verhindern, dass ich später nur für den Haushalt und das Büro zuständig bin?“
Diese individuellen Erfahrungen sind auch empirisch belegt: Die Studie aus dem Jahr 2023 des Thünen-Institutes für Betriebswirtschaft in Zusammenarbeit mit der Georg-August-Universität Göttingen „Die Lebenssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben in ländlichen Regionen Deutschlands“ hat ergeben, dass in Deutschland nur etwa elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe von Frauen geführt werden. In Niedersachsen liegt der Anteil wie in den meisten westliche Bundesländern – sogar noch darunter. Im europäischen Vergleich gehört Deutschland damit zu den Schlusslichtern, ebenso wie beim Anteil der designierten Hofnachfolgerinnen, der bei etwa 18 Prozent liegt.
Ziel des Seminars der LWK ist es, die Frauen in ihrem Vorhaben, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen, zu unterstützen. Die Rollenklärung und der Umgang mit Erwartungen werden in kleinen Einheiten bearbeitet, z.B. in Gruppenarbeit oder mit einem kurzen Rollenspiel.

Das Thema Hofübergabe nimmt mehr Raum ein als ursprünglich geplant, denn es beschäftigt die Teilnehmerinnen besonders stark. Allen ist bewusst, dass ein Hofübergabevertrag nicht nur einen Eigentumswechsel begründet, sondern auch viele rechtliche und persönliche Verpflichtungen, deren Tragweite vielen Beteiligten im Vorfeld nicht bewusst war. Bei Fragen nach konkreten Regelungen in einem Hofübergabevertrag wird schnell klar, dass es oftmals nur individuelle Lösungen geben kann, die im Rahmen des Seminars nicht beantwortet werden können. Die Teilnehmerinnen waren sich schnell einig: Familiengespräche sind wichtig! Und manchmal hilft auch eine professionelle Unterstützung, die den gesamten Prozess begleitet.
Eine ausführliche Beratung im Familienkreis beispielsweise kann helfen, bestehende Unklarheiten und Zweifel auszuräumen und die Hofübergabe zu einem gelungenen Projekt werden zu lassen. So genügt es nicht, dass „nur“ der Übergeber und die Übernehmerin eine solche Beratung suchen, auch die jeweiligen Ehepartner sowie die Geschwister der Übernehmerin müssen unbedingt frühzeitig beteiligt werden. Dadurch ist gewährleistet, dass alle über die gleichen Informationen verfügen und dass möglichst nicht das Gefühl aufkommt, es würden bereits Absprachen getroffen und die betreffende Person soll „vor vollendete Tatsachen“ gestellt werden.
Überhaupt ist eine gelungene Kommunikation bei einer Hofübergabe mindestens ebenso wichtig wie die rechtlichen Reglungen. Die Gestaltung des Übergabevertrages gelingt häufig sogar leichter, wenn vorher ausführliche Familiengespräche stattgefunden haben.
In der angeregten Diskussion wird immer wieder deutlich, wie komplex so eine Hofübergabe ist und welche Fragen vor dem Gang zum Notar beantwortet werden müssen. Dabei sollte der Fokus zuerst auf den Wünschen und Bedürfnissen aller Beteiligten liegen. Dies beginnt bei den Vorstellungen, wie der Betrieb in Zukunft aussehen kann: Wird die Übernehmerin den Betrieb genauso fortführen können und wollen wie er gegenwärtig aussieht? Arbeitet der Partner ebenfalls im Betrieb mit? Möchten (und können) die Altenteiler weiterhin im Betrieb mitarbeiten? Müssen sie vielleicht sogar noch weiterarbeiten, weil es noch keine Rente gibt? Und wie kann die Zusammenarbeit gestaltet werden? Diese Fragen haben sich die Beteiligten manchmal noch gar nicht gestellt, und selten haben sie bereits Antworten gefunden. Oftmals bestehen große Sorgen, dass die eigenen Vorstellungen bei den anderen nicht auf Zustimmung treffen könnten. Hier helfen nur ausführliche, klärende Gespräche, in denen alle Beteiligten zu Wort kommen.
Ein weiteres Thema, das in allen Hofübergabegesprächen auftaucht, ist die Wohnsituation. Auch hier gilt: Reden hilft! Vorbei sind die Zeiten, in denen alle Generationen in einem gemeinsamen Haushalt lebten. Oftmals haben die einzelnen Familienmitglieder durchaus unterschiedliche Bedürfnisse, nicht zuletzt, was Ruhe, Ordnung oder Tagesablauf angeht. Diesen Bedürfnissen sollte soweit wie möglich Rechnung getragen werden, auch vor dem Hintergrund, dass sich in den nächsten Jahren (bzw. Jahrzehnten) die Bedürfnisse ändern können. Und auch wenn im Übergabevertrag später steht, dass die Übergeber ihren eigenen Haushalt führen, so können die gemeinsamen Mahlzeiten auch nach der Übergabe weiter sattfinden -in Absprache!
Die Altenteilsleistungen sind ein Muss in einem Gespräch zur Hofübergabe. Einerseits sollen die Abgeber unmittelbar nach der Übergabe, aber auch in fernerer Zukunft bestmöglich versorgt werden. Dabei soll aber weder der Betrieb noch die Übernehmerin überlastet werden. Zum Altenteil gehört nämlich nicht nur das sogenannte Baraltenteil, sondern es umfasst alle finanziellen und persönlichen Leistungen, zu denen sich die Übernehmerin verpflichtet, wie die Bereitstellung der Wohnung, die Übernahme bestimmter Kosten oder auch die Erbringung persönlicher Dienstleistungen, wie z. B. Pflegeleistungen. Hier kommt es auf die exakte Formulierung im Übergabevertrag an, damit die Übernehmerin später nicht Kosten zu tragen hat, die sie nicht leisten kann.
Am Ende einer Beratung zur Hofübergabe, die sich über mehrere Termine und mehrere Monate erstreckt, haben die Beteiligten klare Vorstellungen, wie ihr Übergabevertrag aussehen soll. Dies hilft beim nächsten Schritt, dem Gespräch mit einem Juristen, der den Vertrag aufsetzt, denn die Beratung der Landwirtschaftskammer beinhaltet keine Vertragsgestaltung.
Wichtig ist, dass das Miteinander-Reden nach der Übergabe nicht aufhört. So ist es ganz natürlich, dass sich die Vorstellungen und Bedürfnisse der einzelnen Personen mit der Zeit verändern. Dies passiert häufig vor allem dann, wenn auf dem Hof größere Veränderungen eintreten. Dies kann eine betriebliche Veränderung sein, oder auch die Geburt eines Kindes.
Ein passender Vergleich ist hier vielleicht das Bild des Mobiles: Das Gefüge Familie und Betrieb ist im Gleichgewicht, bis eine Veränderung eintritt. Auch die Hofübergabe ist so eine Veränderung, das Gleichgewicht verschiebt sich, es muss neu austariert werden. Alle müssen ihren Platz in diesem neuen Gefüge finden, das funktioniert häufig dann am besten, wenn alle offen miteinander reden und nach gemeinsamen Lösungen suchen.
Am Ende des abwechslungsreichen Seminartages wird deutlich, dass es nicht nur reichlich fachlichen Input der Referentinnen Sandra Schmidt, Hanna Wildenhues und Wiebke Meyer – alle drei sind sozioökonomische Beraterinnen bei der Landwirtschaftskammer – gab, sondern auch viel Raum für den Austausch der Teilnehmerinnen untereinander. Im Seminar wurden zwar einige Fragen beantwortet, gleichzeitig taten sich aber viele neue auf.

















